Therapiealternativen bei kariösen Milchmolaren (2)

Nicht-restaurative Karieskontrolle

Im Folgenden wird ein Fall präsentiert, in dessen Verlauf die nicht-restaurative Karieskontrolle („Non-Restorative Caries Control“/„NRCC“) angewandt wurde, die als Therapieoption zur Versorgung mehrflächig kariöser Milchmolaren ohne Kariesentfernung diskutiert wird.

Abbildung 1: Die Eröffnung der approximalen Kariesläsion kann durch Entfernung des überhängenden Zahnschmelzes mit rotierenden Instrumenten erfolgen, wie beispielhaft an Zahn 54 distal dargestellt. © Santamaría

Abbildung 2: Eine suffiziente Reinigung der geöffneten Läsion ist durch ein zusätzliches Querputzen, das die Eltern mit fluoridhaltiger Zahnpaste durchführen sollten, zu erzielen. © Santamaría
Abbildung 3: Zustand der Inaktivierung der eröffneten Läsionen im Rahmen des Recalls nach 3 Monaten (a) ... © Santamaría
und nach 24 Monaten (b): Der über die Zeit dunkler werdende, inaktivierte Dentindefekt ist deutlich erkennbar. © Santamaría

Traditionell wurde in der Zahnmedizin die vollständige Entfernung kariöser Zahnhartsubstanz mit anschließender restaurativer Versorgung als Standardtherapie für kariöse Zähne als „chirugische-technische“ Maßnahme durchgeführt. Das aktuelle, biologische Verständnis von Kariesentstehung und -entwicklung ermöglicht es, Kariesläsionen durch die Störung des Biofilms sowie durch Beeinflussung der De- und Remineralisationsprozesse zu arretieren [Kidd Fejerskov, 2013; Kidd, 2012]. Karies wird als chronischer Prozess begriffen und neben der etablierten Füllungstherapie können alternative, evidenzbasierte Kariesmanagementmethoden wie etwa die Nicht-restaurative Karieskontrolle als Therapieoption ohne Kariesexkavation praktiziert werden [Hansen Nyvad, 2017; Santamaria et al., 2014, 2015].

Dieses Konzept wurde zunächst in praxisbasierten [Peretz Gluck, 2006; Gruythuysen et al., 2010] und darauf in systematischen, wissenschaftlich-klinischen Studien untersucht [Mijan et al., 2014; Santamaria et al., 2014]. Dabei wurden kariöse Läsionen bei Kindern oberflächlich geöffnet (Abb. 1), um dort eine manuelle Plaqueentfernung durch das Zähneputzen zu ermöglichen (Abb. 2). Außerdem wurden die geöffneten Milchzahnläsionen mit fluoridhaltigen Produkten touchiert, um die Remineralisation zu fördern. Ferner erhielten die Eltern exakte Mundhygiene- und Ernährungsinstruktionen sowie eine effektive Motivation zur Therapierealisierung.

Bei dieser Therapie wird im Gegensatz zu den Standardfüllungen das Kariesmanagement bewusst auf die Patientenebene verlagert, da der chronische Kariesprozess nur durch die manuelle Störung des Biofilms (Putzen) gestoppt werden kann und somit eine Arretierung der Dentinläsion erfolgt. In diesem Fall ist keine restaurative Therapie zwingend notwendig, kann aus ästhetischen oder funktionellen Gründen aber sekundär erfolgen. Voraussetzung ist eine maximal reversible Pulpitis, bei der dann die Pulpotomie vermieden werden kann.

Der Patientenfall: Ein Fünfähriger stellte sich mit seiner Mutter in der Abteilung für Präventive Zahnmedizin Kinderzahnheilkunde des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ZZMK) der Universitätsmedizin Greifswald vor. Das Kind wurde vom Hauszahnarzt aufgrund von Nichtkooperation bei der Füllungstherapie überwiesen. Laut Aussage der Mutter war das Kind bereits zuvor bei zwei anderen Zahnärzten, ohne dass angesichts der geringen Kooperation eine Therapie möglich gewesen wäre. Spontane oder Dauerschmerzen seien am Zahn bislang nicht aufgetreten.

Die Mutter erhoffte sich nun vom Zahnarztbesuch, dass ihr Kind positive Erfahrungen bezüglich der zahnärztlichen Behandlungen macht sowie eine bessere Motivation zum Zähneputzen erhält. Außerdem lehnte sie andere Therapieoptionen wie die Hall-Technik (Behandlung des Zahnes mittels einer vorgefertigten Krone ohne Kariesentfernung) oder die Anwendung von Lachgas für die zahnärztliche Behandlung ab.

Bei der im Rahmen des ersten Termins vorgenommenen Untersuchung lag das Kind auf dem Schoß seiner Mutter. Spielerisch wurde das Kind auf die Prophylaxe und die Untersuchung vorbereitet, wobei die Kooperation des Kindes nach der „4-Punkte-Frankl-Skala“ als „definitiv negativ“ klassifiziert wurde (Ablehnung der Behandlung, sehr starkes Weinen, Angst et cetera).

Bei weiterer Symptomfreiheit und der Einwilligung zu einem zweiten Termin wurde angeboten, die kariösen Zähne mittels der NRCC zu therapieren.

Klinischer Befund

Die klinische Untersuchung des Mundraums zeigte eine gesunde Mundschleimhaut und Zunge und ein vollständiges Milchgebiss. Die klinische Untersuchung ergab:

• caries media (ICDAS 5) an Zahn 55 (okklusale und mesiale Fläche)

• an Zahn 54 eine insuffiziente Füllung (okklusale und distale Fläche)

• weitere nicht kavitierte Läsionen an den Frontzähnen und an den Okklusalflächen der Molaren 55, 65, 64, 74, 75, 85 (ICDAS 2), die als aktiv klassifiziert wurden.

Alle Approximalflächen wurden mittels der faseroptischen Translumination (FOTI) untersucht. Dabei zeigte sich kein Schatten als Hinweis auf weitere approximale Dentinläsionen der anderen Zähne.

Aufgrund der fehlenden Zustimmung der Mutter wurde keine Röntgenaufnahme angefertigt. Klinisch ergaben sich weder eine Fistel noch eine pathologische Mobilität als Anzeichen für eine pathologische, periapikale Beteiligung.

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