Digitale Mundgesundheitsförderung

Können Serious Games die Oralprophylaxe unterstützen?

Auf der Suche nach dem perfekten Zahnputz-Algorithmus: Können „Serious Games“ die Oralprophylaxe unterstützen? Was der Markt anbietet und was Stiftung Warentest und die Jugendzahnpflege zu den Versprechungen der Hersteller sagen.

„Spielerisch und gleichzeitig edukativ“ ist gleich eine bessere Mundgesundheit – so das Versprechen der Hersteller; hier die App „Brush Busters“ von Philips Sonicare. Foto: PhilipsSonicare

Teil 1: Problemaufriss Serious Games – Dr. Johan Peter Wölber
Teil 2: Stiftung Warentest: „Playbrush“ und die App „Utoothia“
Teil 3: Serious Games und Playbrush aus der Sicht der Jugendzahnpflege – Laura von Nordheim, LAGZ Hessen

 

Dr. Johan Peter Wölber | Foto: privat

 

Der Markt bietet Familien heute ein breites Spektrum an digital unterstützen Produkten zur Verbesserung der Mundgesundheit. Dieser Artikel gibt einen komprimierten Überblick über die Arten von digitaler, spielbasierter Mundgesundheitsförderung und deren Evidenz.

Computerspiele und digitale Medien bestimmen zunehmend den Alltag von Kindern und Jugendlichen. So spielen in Deutschland rund 89 Prozent der 10- bis 18-jährigen laut Untersuchungen bis zu drei Stunden täglich und länger [BITKOM-Umfrage, 2017]. Während durch die Medien zumeist die negativen Gesundheitsfolgen von intensivem Computerspielen – Aggression, Trägheit, Abhängigkeit oder muskuloskelettale Schäden – beleuchtet werden, gibt es auch Computerspiele, die nachweislich Gesundheit fördern können. Seit der Gründung der „Serious Games Initiative“ im Jahr 2000 spricht man bei solch edukativen Spielen von sogenannten Serious Games. Diese sollen Lern- und Motivationsinhalte (etwa Sprachen, Naturwissenschaft oder auch Gesundheitsinhalte) auf unterhaltsame und spielerische Weise vermitteln. Serious Games werden mittlerweile in vielfältigen Bereichen mit Erfolg eingesetzt – auch im Bereich der Mundgesundheitsförderung gibt es erste Ansätze. Eine Meta-Analyse zu den Gesundsheiteffekten von Serious Games konnte signifikante Verbesserungen in unterschiedlichen Gesundheitsbereichen feststellen [DeSmet et al., 2014]. Allerdings waren die Ergebnisse sehr heterogen in Bezug auf das verwendete Spiel. Ein anderer Begriff in diesem Bereich ist der Begriff „Gamification“, der die Anwendung von spieletypischen Elementen im Kontext von sonst spielefremden Bereichen beschreibt.

 

Vampirmädchen Vicky und der Wikingerjunge Björn aus der App „Brush Busters“ | Foto: Philipssonicare

So vielfältig wie die Computerspiele selbst können ihre Anwendungsformen zur Förderung der Mundgesundheit aussehen. Grob kann man zwei Bereiche für digitale Medien zur Förderung der Mundgesundheit unterscheiden (siehe       Tabelle). Natürlich können diese beiden Bereiche kombiniert werden. Im Fall der Beeinflussung von motorischen Fähigkeiten lässt sich etwa die Beeinflussung von motivationalen Faktoren wie der Selbstwirksamkeit gar nicht vermeiden, da das eigene Erleben (von erfolgreicher Mundhygiene) immer auch die Selbstwirksamkeit beeinflusst. Neben diesen Spielen kursieren auch digitale applikationsbasierte Motivationshilfen    (etwa der Oral B Smartguide©, BushDJ©, Anwendungen mit WhatsApp©), die allerdings weniger als Spieleformen gesehen werden können.

Lieber einen Apfel statt eines Schokoriegels

Um die Evidenz bezüglich der digitalen Anwendungen festzustellen, wurde eine Literaturrecherche in Medline (Pubmed) durchgeführt mit der Verschlagwortung „(video game) OR (serious game) OR (app) AND (dental OR oral)“. Die Suche ergab 630 Treffer, wovon sieben Titel genauer analysiert wurden. Ein doppeltes Suchergebnis wurde ausgeschlossen. Zwei Artikel wurden ausgeschlossen, da sie sich nicht mit Oralprophylaxe beschäftigten. Ein Artikel war nicht verfügbar.
Im Bereich der Serious Games zur Oralprophylaxe konnte über Pubmed lediglich ein Studienprotokoll gefunden werden, in dem die Untersuchung eines Serious Game bei Kindern mit hohem Kariesrisiko beschrieben wird [Aljafari et al., 2015]. Des Weiteren stellte eine belgische Arbeitsgruppe um Panic et al. [2014] bei einer Untersuchung an 190 Schulkindern fest, dass abschreckende Bilder (von kariösen Zähnen) die Kinder dazu verleiteten, sich häufiger für einen gesunden Snack (Apfel) als für einen ungesunden Snack (Süßigkeit) zu entscheiden – im Vergleich dazu, wenn nicht-abschreckende Bilder von gesunden Zähnen gezeigt wurden. Allerdings war der Effekt der Abschreckung nur gegeben, wenn die Kinder danach nicht durch eine Informationsbroschüre oder ein mundgesundheitsförderndes Serious Game abgelenkt wurden.

Mehr Selfies = weniger Plaque

Im Bereich der nicht-spielebasierten, digitalen Motivationshilfen konnten Zotti et al. [2016] bei 80 Jugendlichen im Rahmen der kieferorthopädischen Therapie zeigen, dass Teilnehmer, die regelmäßig Selfies von ihren Zähnen in einer WhatsApp-Gruppe verschickten, signifikant geringere Plaque- und Gingivitiswerte aufzeigten. Li et al. [2016] untersuchten, ebenfalls bei kieferorthopädischen Patienten, die Wirkung einer Smartphone-Chatgruppe, in der regelmäßig Gesundheitshinweise und Erinnerungen gesendet wurden. Sie konnten bezüglich der Plaque- und Gingivitiswerte keinen Unterschied zwischen der Chat-Gruppe und der Kontrollgruppe feststellen. Allerdings zeigten die Teilnehmer der Chat-Gruppe weniger Fehltermine und ein zuverlässigeres Erscheinen zu den Terminen. Underwood et al. [2015] untersuchten in einer Anwenderbefragung von 189 Teilnehmern die Erfahrungen mit der Brush-DJ-Applikation. Die App informiert die Anwender regelmäßig via „Push-up“-Meldungen (kleine Informationsmeldungen auf dem Display) über Empfehlungen und Informationen zur Mundhygiene. Ein Großteil der Befragten berichtete, länger zu putzen und auch Freunden die App zu empfehlen. Allerdings gab es in der Untersuchung keine Kontrollgruppe und keine klinischen Ergebnisse. 

Serious Games zur Förderung der Mundgesundheit

Förderung von kognitiven Aspekten wie Wissen. Selbstwirksamkeit. Motivation (z.B. bezüglich Mundhygiene. Fluoriden)Förderung von motorischen Fähigkeiten über Feedbackmechanismen in der Nintendo Wii. Playbrush oder Applikationen (Apps)
Protectus (www.tajono.de)Playbrush© (Playbrush GmbH. Österreich)
Reise nach Zahnasien (LAGZ Baden-Württemberg)Brush up© (GamesThatWork. USA)
Attack of the S. mutans (Firsthand Inc. USA; noch nicht auf dem kommerziellen Markt verfügbar)Philips Sonicare For Kids© (Philips. Niederlande)
Disney Magic Timer App (Procter & Gamble©. USA)
Rainbow (Vigilant)

Tabelle 1: Bereiche. die durch Videospiele bzw. Serious Games beeinflusst werden mit beispielhaften Spielen (kein Anspruch auf Vollständigkeit) Quelle: Eigene Auswertung

Neben der Literaturrecherche mittels Pubmed wurde noch eine Handsuche durchgeführt. Im deutschsprachigen Raum konnte eine Greifswalder Arbeitsgruppe um Höfer et al. [2017] an 49 Vorschulkindern zeigen, dass ein applikationsgestüztes Zahnputzspiel (Rainbow, Vigilant) sowohl die Plaqueals auch die Gingivitiswerte signifikant senken konnte im Vergleich zu einer Zahnbürste ohne applikationsgestütztes Spiel. Die Werte der Experimentalgruppe waren dabei nach sechs Wochen mit Applikation wie auch weitere sechs Wochen ohne Applikation besser im Vergleich zur Kontrollgruppe. Weiterhin konnte eine vorläufige Studie zum Spiel „Brush Up“ (http://www.brushupgame.com/) gefunden werden, deren Ergebnisse allerdings noch nicht publiziert sind [Jacobson et al., unpublished]. In Untersuchung einer eigenen Arbeitsgruppe befindet sich das Spiel „Protectus“ (www.tajono.de).

Limitationen von digitalen Motivationshilfen können in der einseitigen Betonung der extrinsischen Motivation liegen. Fällt die digitale Motivationshilfe unter bestimmten Umständen weg (etwa bei einem Camping-Urlaub), kann die Motivation unter Umständen eingeschränkt sein. Die Beeinflussung von Wissens- und Technikaspekten (wie dem Schutz der Zähne durch flouridierendes Zähneputzen oder den Zusammenhang zwischen Zucker und Karies beziehungsweise das Erlernen von bestimmten Putztechniken) kann hingegen als stabil betrachtet werden.

 

Bei „Protectus“ hat der Spieler die Aufgabe, stilisierte Zähne vor herabfallenden Nahrungsmitteln durch Reinigung zu schützen. | Foto: Screenshot_Protectus

 

 

 

Bei der „Disney Magic Timer App“ muss man zwei Minuten den Schaum wegschrubben, dann wird das Bild sichtbar.  | Foto: Disney Magic Timer_2

Fazit

Im Bereich der Serious Games in der Oralprophylaxe lassen sich viele interessante Projekte finden, mit allerdings nur wenigen Untersuchungen zu den Effekten dieser Spiele. Im Gegensatz dazu zeigen Studien zu applikationsbasierten Motivations- beziehungsweise Putztechnikhilfen erste positive und vielversprechende Ergebnisse.

Dr. Johan Peter Wölber
Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie
Universitätsklinikum Freiburg
Hugstetter Str. 55, 79106 Freiburg
johan.woelber@uniklinik-freiburg.de

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