Graphic Medicine

Kranksein im Comic

In einem interdisziplinären Forschungsprojekt untersuchen Wissenschaftler der Freien Universität Berlin die Darstellung von Krankheit und Tod in Literatur und Comics. Ziel ist, die Grenzen zwischen Medizin, Kunst und Geisteswissenschaften aufzubrechen. Die Ausstellung „SICK! Kranksein im Comic“ im Medizinhistorischen Museum der Charité soll dabei helfen.

Was einen Graphic Medicine ausmacht, zeigt exemplarisch der Comic „My Battle with Crohn‘s Disease“ von Safdar Ahmed: Die klinische Darstellung eines medizinischen Sachverhalts wird durch eine persönliche Perspektive ergänzt und kommentiert. Medizinische Informationen über die Diagnose und die Behandlung von Morbus Crohn sind mit dem alltäglichen Erleben des Ich-Erzählers verwoben - außerdem wird der Leser direkt mit dem Stigma der Krankheit konfrontiert– dem unfreiwillig offenen Umgang mit der eigenen körperlichen Ausscheidung. zm-nb

Die Exponate im Medizinhistorischen Museum der Charité sind einzigartig – neben medizinischen Instrumenten, wertvollen Büchern und Modellen beinhaltet die Sammlung Hunderte seltene pathologisch-anatomische Präparate des berühmten Berliner Pathologen Rudolf Virchow. Gut- und bösartige Tumore, krankhaft veränderte Nieren und heute kaum noch anzutreffende Organveränderungen bis hin zu missgebildeten Föten beeindrucken in großen Glasgefäßen. Anonymisiert demonstrieren sie die krankhaften Veränderungen des menschlichen Körpers – aus der Perspektive der Medizin. 

Demgegenüber steht nun das emotionale, persönliche Erleben von Patienten, Angehörigen und Medizinern: Comics, vergrößert und auf Leinwand gedruckt, wurden in die Dauerausstellung im medizinischen Präparatesaal des Museums integriert.

Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft

Diese Comics, die dem jungen Genre der „Graphic Medicine“ zugerechnet werden, erzählen dabei individuelle Geschichten entlang der Stationen Diagnose, Leiden, Genesung, Pflege und Therapie. Auf drastische, kritische und gelegentlich humorvolle Weise verbinden sie die medizinisch-klinische Sicht mit dem persönlichen Blickwinkel derjenigen, die durch das eigene Erleben in Sachen Krankheit, Behinderung und Pflege zu Experten geworden sind.

 Zum Beispiel Ana Monteiros, Maria Ricardos und Bruno Martins mit „Calvariae Locus“: Der portugiesische Comic thematisiert den eigenen Umgang mit Depressionen. Der Titel „Calvariae Locus“ (lateinisch für Schädeldecke) bezieht sich dabei einerseits auf den Schädel als den Ort des Geistes und psychischer Krankheiten, andererseits auf den Ort der Kreuzigung Jesu, den Kavaliersberg. „So wird die Depression durch ein Kreuz versinnbildlicht, das die Betroffenen zu tragen haben, bis ihr Leben auf einer Schädelstätte endet, dem Friedhof“, erläutert die Kuratorin, Dr. Uta Kornmeier. Ziel sei, das Verständnis von physischen und geistigen Behinderungen zu erweitern. 

Emily Steinbergs „Broken Eggs“ hinterfragt ebenfalls das simple Verständnis von Krankheit und Gesundheit als absolute Zustände und betont stattdessen, dass Kranksein ein sich verändernder Zustand ist. Ihr Comic erzählt von den Hoffnungen, Sehnsüchten und Enttäuschungen einer Frau vor und während ihrer Kinderwunschbehandlung. Die monatelangen medizinischen Untersuchungen und Eingriffe verwandeln die „Kundin“ dabei in ein streng überwachtes Objekt klinischer Routine. 

„Calvariae Locus“: Bei dieser Darstellung einer Depression ist das Haar der Protagonistin ein wieder kehrendes Symbol. Verschiedene Variationen stehen für unterschiedliche Gemütslagen. Schließlich werden die Haare zu gefäßartigen Baumwurzeln, die die Figur umschlingen und in ihrer negativen Stimmung gefangen halten. | Illustration: Monteiro

Mehr als Micky Maus und Batman

„Seit ihren Anfängen haben sich Comics immer stärker ausdifferenziert“, erläutert Kornmeier. „Sie sind weit mehr als Abenteuer von Superhelden und lustigen Tierfiguren, mit denen das Medium häufig assoziiert wird. Stattdessen bieten sie spätestens seit den 1970er-Jahren vielschichtige sprachlich-visuelle Erzählungen, die die gängigen Sichtweisen und Moralvorstellungen herausfordern.“ 1972 veröffentlichte Justin Green seinen Comic „Binky Brown Meets the Holy Virgin Mary“. Darin berichtet der Künstler autobiografisch sehr direkt von seinem Leben mit Zwangsstörungen – seitdem nehmen sich Comic-Autoren zunehmend heikle Themen vor. 1986 folgte der von Green inspirierte und hochgelobte Comic „Maus“ von Art Spiegelman, der den Schrecken des Holocaust mit Katzen als Nazis und Mäusen als Juden Gestalt verlieh. Dabei sprechen in den Comics die Außenseiter und Underdogs. „Sie entwerfen kühne Geschichten aus der Perspektive von Menschen, die aufgrund von Armut, ethnischer Zugehörigkeit, Religion, Gender, sexueller Orientierung, körperlicher oder geistiger Behinderung marginalisiert werden. Auch die hier ausgestellten Comics handeln von Außenseitern“, ergänzt die Kuratorin.

Was ist krank, was gesund?

So wie der Comic „Maus“ über den Holocaust sollen auch die Comics aus dem Bereich der Graphic Medicine die öffentliche Debatte anstoßen – zum Beispiel indem sie die verheerenden Auswirkungen von schlecht vermittelten Diagnosen verdeutlichen oder auch die Grenzen des medizinisch Machbaren thematisieren. „Gleichzeitig lassen sie aber auch Rückschlüsse zu“, erklärt Prof. Dr. Irmela Marei Krüger-Fürhoff. Denn auch wenn Krankheit und Behinderung individuell erlebt werden, seien sie nicht ausschließlich Privatsache, sondern auch in gesellschaftliche, kulturelle und gesundheitspolitische Kontexte eingebettet. Mit welchen narrativen und visuellen Strategien die individuellen Krankheitsgeschichten dargestellt und erzählt werden, will Krüger-Fürhoff herausfinden. Die Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin untersucht im interdisziplinären Forschungsprojekt „PathoGraphics“ gemeinsam mit ihrem Team unterschiedlichste literarische Texte und Comics, die sich aus autobiografischer und fiktionaler Perspektive mit Krankheit und Behinderung auseinandersetzen. „Wir gehen davon aus, dass bestimmte Themen, die im medizinischen Kontext tabuisiert sind, gewissermaßen abwandern in kulturelle Phänomene“, erläutert Krüger-Fürhoff. Ihre These: Der kulturspezifische gesellschaftliche Umgang mit Krankheit und Tod ist in künstlerischen Werken erkennbar. Ein Beispiel dafür ist die unterschiedliche Darstellung von Parkison-Patienten in deutschen und in US-amerikanischen Werken – einmal als sozial eingebettete Figur und einmal als heroischer Einzelkämpfer. „In Literatur und in Comics verständigt sich die Gesellschaft darüber, was Krankheit ist“, sagt Krüger-Fürhoff. „Unser Ziel ist, genau das aufzuzeigen.“ nb

Die Ausstellung „Sick! Kranksein im Comic“ des PathoGraphics-Forschungsprojekts, Freie Universität Berlin, im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité endet am 4. März 2018. 

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