Multiple Nichtanlagen – ein Fallbericht

Update nach elf Jahren

Dieser Bericht beschreibt den klinischen Verlauf einer zehnjährigen Patientin, die wegen multipler Nichtanlagen (Oligodontie) im Ober- (n = 7) und im Unterkiefer (n = 1) behandelt wurde. Der Fall wurde bereits in der zm 21/2008 vorgestellt. Die weitere zahnärztliche Rehabilitation der Patientin bis ins Erwachsenenalter von 21 Jahren lesen Sie hier.

Klinischer und röntgenologischer Befund vor (oben) und elf Jahre nach (unten) Behandlung. Praxisklinik Dr. Dr. Robert Linsenmann/Prof. Dr. Dr. Dirk Nolte

Die frühe interdisziplinäre Zusammenarbeit aus Kieferorthopädie und MKG-Chirurgie kann unter Anwendung der chirurgischen Techniken der autogenen Zahntransplantation sowie der enossalen Implantation zuverlässige klinische Ergebnisse bei Patienten mit Oligodontie erzielen. Allerdings eröffnet nur das frühzeitige Erkennen des Krankheitsbildes die im vorliegenden Fall dargestellten Behandlungsoptionen. 

Fallbericht

  • Initiale Therapie (Autogene Zahntransplantation und KFO)

Die zehnjährige Patientin wurde uns von der Kieferorthopädin zur Wertung möglicher chirurgischer Maßnahmen bei insgesamt acht Nichtanlagen (Abbildung 1a bis c) vorgestellt. Im OPG stellt sich das Fehlen von drei permanenten Zähnen im I. Quadranten, von vier im II. Quadranten und einem im III. Quadranten dar (Abbildung 1c). Aufgrund des noch jungen Alters der Patientin zum Zeitpunkt der Erstvorstellung und des damit noch verbundenen Vorhandenseins der Milcheckzähne 73 und 83 entschieden wir uns für das folgende kieferorthopädisch-kieferchirurgische Vorgehen (Abbildung 2): 

1. Schließen des Diastemas durch KFO zur Schaffung von Platz für Transplantate in regio 12 und 22,

2. Extraktion der ankylosierten und in Infraposition stehenden Milchmolaren 55, 54, 64, 65, 75, 74, 84 und 85,

3. Autogene Transplantation der unteren Milcheckzähne 73 und 83 in die vorher geschaffenen Lücken in Position 12 und 22 (Abbildungen 3a, b) sowie 

4. Ausgleichstransplantation des Zahns 35 in Position 24 mit dem Ziel einer gleichmäßigen Verteilung von jeweils einem Prämolaren pro Quadranten (Abbildung 3b).

Abbildungen 1a-c: intraoraler klinischer Befund der 10-jährigen Patientin A) Frontalansicht: ausgeprägtes Diastema und in Infraposition stehende Milchmolaren | Praxisklinik Dr. Dr. Robert Linsenmann/Prof. Dr. Dr. Dirk Nolte

Abbildung 1b) Okklusale Ansicht der Zähne im Oberkiefer-Zahnbogen | Praxisklinik Dr. Dr. Robert Linsenmann/Prof. Dr. Dr. Dirk Nolte

Abbildung 1c) Ausgangs-OPG: Nichtanlagen der Zähne 14,13,12; 22,23,24,25; 45 (n=8) | Praxisklinik Dr. Dr. Robert Linsenmann/Prof. Dr. Dr. Dirk Nolte

Die transplantierten Zähne wurden anschließend für sechs Wochen semirigide durch eine Titan-Kunststoff-Schiene fixiert, in regelmäßigen Nachsorgen fluoridiert und die Patientin in die weitere kieferorthopädische Therapie entlassen (Abbildung 4). Als Empfehlung wurde ausgesprochen, die transplantierten Zähne frühestens drei Monate nach Transplantation mit den halben sonst üblichen kieferorthopädischen Kräften zu bewegen.

Abbildung 2: Kieferorthopädische und chirurgische Planungsschritte | Praxisklinik Dr. Dr. Robert Linsenmann/Prof. Dr. Dr. Dirk Nolte

  • Weiterer Verlauf (KFO und Implantation)

1,5 Jahre nach dem Eingriff stellte sich die Patientin unter begleitender kieferorthopädischer Behandlung erneut bei uns vor. Die Zähne stellten sich klinisch reizlos und ohne Lockerungsgrad oder fortschreitende Resorptionszeichen dar (Abbildung 5a). Die zunehmende Verkürzung der Wurzellänge der Milchzahntransplantate in Position 12 und 22 ist im postoperativen OPG erkennbar (Abbildung 5b). Bei allen Transplantaten ist eine Obliteration der Pulpenkavität zu sehen. In Position 24 kam es zu einem klinisch signifikanten Zuwachs des Alveolarknochens sowohl in der horizontalen als auch in der vertikalen Dimension. Zusätzlich findet sich eine zunehmende Apexifikation und Obliteration der Pulpenkavität, ähnlich wie bei den Milchzahntransplantaten. Dies kann als vitale Reaktion von Transplantaten während des Heilungsprozesses verstanden werden [Bauss et al., 2008].

Im Alter von 17 Jahren, also 5,5 Jahre post transplantationem, sind deutliche Fortschritte der kieferorthopädischen Behandlung mit dem Ziel der Bisshebung erkennbar (Abbildung 6). Um einen vorzeitigen Verlust der Milchzähne durch KFO-Zug zu vermeiden, entschied sich die Kieferorthopädin gegen eine Bewegung der Milchzähne in Position 13, 12, 22 und 23. Die Milchzahntransplantate in Position 12 und 22 weisen jetzt deutliche Zeichen einer apikalen Resorption auf, was bei plötzlichem Verlust die Einleitung implantologischer Maßnahmen zur Folge hätte.

Abbildungen 3a, b: klinischer und radiologischer Situs nach autoTX 73 nach 22, 83 nach 12 und 35 nach 24 A) Zustand eine Woche nach Nahtentfernung. Drahtkunststoff-Schiene verbleibt für weitere sechs Wochen in situ. | Praxisklinik Dr. Dr. Robert Linsenmann/Prof. Dr. Dr. Dirk Nolte

Abbildung 3B) Post-OP OPG nach autogener Transplantation (siehe gelbe Pfeile), erhebliches vertikales Knochendefizit im Bereich des Transplantats 24 (siehe weißer Pfeil). | Praxisklinik Dr. Dr. Robert Linsenmann/Prof. Dr. Dr. Dirk Nolte

Abbildung 4: Situs sechs Wochen nach Entfernung der Titan-Kunststoff-Schiene. Die Transplantate in Positionen 12, 22 und 24 zeigen sich stabil und ohne gingivale Irritationen. | Praxisklinik Dr. Dr. Robert Linsenmann/Prof. Dr. Dr. Dirk Nolte

Im Alter von nunmehr 21 Jahren, also elf Jahre nach Milchzahn- und Prämolaren-Transplantation, kam es zu einer klinischen Lockerung der Milchzahn-Transplantate, weswegen unverzüglich eine implantologische Versorgung in regio 12 und 22 eingeleitet wurde. Bei der Extraktion der gelockerten Milchzähne erfolgten alveolarplastische Maßnahmen mit Auffüllung der Extraktionswunden mit Knochenersatzmaterial. Die Implantate wurden acht Wochen nach Alveoloplastik inseriert, die prothetische Versorgung erfolgte 2,5 Monate später (Abbildung 7). Ohne größeren chirurgischen Aufwand konnte ein ästhetisch ansprechendes periimplantäres Lagergewebe geschaffen werden. Die erreichte klinische Bisshebung (Abbildung 7a) kann unter Berücksichtigung des ursprünglichen Fehlens von insgesamt sieben Zähnen im Oberkiefer als sehr zufriedenstellend angesehen werden. Eine weitere Verbesserung der ästhetischen Situation kann im Rahmen der noch notwendig werdenden implantologisch-prothetischen Versorgung erfolgen.

Abbildungen 5a, b: klinische und röntgenologische Befunde 1,5 Jahre nach autoTX A: Bereits erkennbare Bisshebung durch die begleitenden kieferorthopädischen Maßnahmen | Praxisklinik Dr. Dr. Robert Linsenmann/Prof. Dr. Dr. Dirk Nolte

Abbildung 5b: Die Transplantate sind durch gelbe Pfeile markiert. An den beiden Milchzahntransplantaten regio 12 und 22 ist eine apikale Resorption der Wurzellänge ohne Entzündungszeichen erkennbar (natürlich fortschreitende Exfoliation). In regio 24 ist eine deutliche Zunahme der vertikalen Knochenhöhe im Vergleich zur frühen post-OP Situation aus Abbildung 2 zu erkennen (weißer Pfeil). Das Knochenniveau erreicht bereits die Höhe der nicht-transplantierten (gesunden) rechten Kieferseite. | Praxisklinik Dr. Dr. Robert Linsenmann/Prof. Dr. Dr. Dirk Nolte

 

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