Oralchirurg baut spezielles Zahnmobil für die aufsuchende Betreuung im Heim

Versorgung per Abrollkipper

Dr. Christoph Blum ist Oralchirurg aus Bad Ems. Er will demente und behinderte Patienten im Heim besuchen. Mit einem Abrollkipper – 26 Tonnen schwer, fast neun Meter lang und einem zahnmedizinisch umfassend ausgestatteten Container.

Dr. Christoph Blum

Herr Dr. Blum, gab es einen direkten Anlass für den Bau des Zahnmobils? 

Dr. Christoph Blum: Im November und Dezember 2017 wurde unsere Praxis massiv von Rettungsdiensten angefahren. Die dementen beziehungsweise behinderten Patienten kamen oft ohne Betreuer, was die Behandlung erschwerte. Das Grundproblem mit dementen Patienten aus zahnärztlicher Sicht ist, dass sie oft nicht kooperationsfähig oder -willig sind und in den Heimen keine Zahnärzte vor Ort sind. Ich kam dann auf die Idee mit der mobilen Behandlungseinheit aus einem Abrollkipper, dessen Container auf Erdniveau abgesenkt werden kann und Rettungsdiensttragen enthält. 

Der beklebte Container, bevor er zum weiteren Innenausbau abtransportiert wird (Stand: Mitte Februar) | Dr. Christoph Blum

Zum Hintergrund: Wir sind die einzige Nicht-MKG-Praxis zwischen Bonn, Mainz und Gießen, die aber mit drei oralchirurgischen (OC-) Betten im Bettenbedarfsplan von Rheinland-Pfalz stehen, obwohl Zahnärzte nicht stationär abrechnen dürfen.

Diese Patientin wird Dr. Blum zukünftig mit seinem Zahnmobil vor ihrem Pflegeheim versorgen, was die Mutter als gesetzliche Betreuerin entlastet. | Dr. Christoph Blum

Hatten Sie ein Vorbild? 

Die Bestandteile des Zahnmobils musste ich mir zusammensuchen. Die Zahnmobile in Hannover und Hamburg konnte ich nicht oder nur bedingt zum Vorbild nehmen, da sie für gehfähige Patienten ohne Narkosebedarf konzipiert sind. Als Reserveoffizier, Stabsarzt der Reserve, besann ich mich auf die Kameraden beim Sanitätsregiment II Rennerod. Hier konnte ich weitere Anregungen für die Konzeption gewinnen. Leider ist eben nichts Bestehendes einfach adaptierbar. 

Wichtig ist, dass es sich hier nicht um eine mobile Zahnarztpraxis handelt, sondern um ein Zahnarztpraxismobil. Oder kurz: Zahnmobil. Weder versorgt es sich autonom mit Strom, noch gibt es eine eigene Sterilisationsmöglichkeit. Beides ist bewusst so eingerichtet. Das Besondere an dem Mobil ist, dass erstmals explizit die Versorgung von Alten- und Behindertenheimen möglich wird. 

Wenn der Container abgesenkt wird, kommt doch sicher Einiges ins Rutschen?

Bei einer Wandbefestigung geht das Glas der Röntgenröhre in dem Moment kaputt, wo der Container mit einem 40-Grad-Winkel abgelassen wird und auf dem Bordstein oder Asphalt aufsetzt. Also lautete eine der Fragen: Wie kriege ich ein Röntgenbild hin? Dann hörte ich von einem mobilen Röntgengerät, das von der Uni Ulm zugelassen worden ist. Damit kann ich sogar in die Pflege- und Behindertenheime gehen. 

Ausstattung, Maße, Kommunikation

technische Ausstattung

  • Abrollkipper von MAN, mit einer zulässigen Gesamtmasse von 26 Tonnen, Länge inklusive Container 8,60 Meter 
  • Stellfläche rund 20 Meter (mit am Haken abgesetztem Container)
  • Container innen: 6,30 Meter lang, 2,15 Meter breit, 2,20 Meter hoch
  • Container außen: 6,90 Meter lang, 2,40 Meter breit, 2,60 Meter hoch.

medizinische Ausstattung

  • zwei Fahrtragen aus dem Rettungsdienst für Patiententransport und Behandlung
  • mobiles Behandlungscart mit Turbine, zwei Motoren, Multifunktionsdüse und zwei Saugern
  • Lachgas- und Narkosegerät
  • Multifunktionsüberwachungsmonitor inklusive Gasmessung für die Anästhesie
  • mobiles handgehaltenes Kleinbild-Röntgengerät zum Einsatz im Heim und im Container
  • sämtliche zahnärztliche Instrumente und Materialien für konservierende, chirurgische und prothetische Zahnheilkunde
  • Klimatisierung und Heizung
    An der Stirnseite befindet sich der zahnärztliche Behandlungsbereich und seitlich der Bereich für die Anästhesie. Durch eine mobile Trennwand sind im Heck Kontrollbereich und Schreibplatz abgegrenzt. Der Zugang erfolgt für die Patienten und Tragen durch die große Doppelflügeltür am Heck, Ärzte, Personal und Betreuer können eine zweite seitliche Tür im vorderen Bereich nutzen. 

Kommunikation

Nach der Feststellung des Behandlungsbedarfs bei einem Patienten durch das Heimpersonal, den Heim-Zahnarzt oder den Hausarzt nimmt der Betreuer Kontakt mit dem Koordinator in der Praxis auf. In der Praxis werden dann alle medizinischen Informationen und die Planung der notwendigen Behandlungen zusammengetragen. Die personelle und materielle Ausstattung des Zahnmobils erfolgt bedarfsgerecht für den Einsatz vor Ort. 

Wichtig: Die erste Kontaktaufnahme muss aufgrund der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) über die Pflegeeinrichtung vom Patienten oder Betreuer ausgehen. Die Behandlungsdokumentation bleibt analog (auf Karteikarten), um im Fall von EDV-Problemen immer noch handlungsfähig zu sein.

Wie haben Sie das Projekt finanziert?

Ich hatte mit mehreren Institutionen Gespräche geführt: der KZV Rheinland-Pfalz, dem Ministerium in Mainz, dem Rhein-Lahn-Kreis. Inzwischen kam eine kleine finanzielle Unterstützung vom Landkreis in Höhe von 10.000 Euro und vom Land 15.000. Meine Bank hat mir einen Kredit über die volle Summe gewährt, 160.000 Euro. Und einige Hersteller räumten mir 20 Prozent Sonderrabatt auf Ausstattung und Verbrauchsmaterial ein. 

Absenken des Containers | Dr. Christoph Blum

Kein Verstoß gegen das Berufsrecht

„Laut dem Berufsrecht ist es Zahnärzten grundsätzlich untersagt, ihre Tätigkeit im Umherziehen auszuüben. ,Das Heilberufsgesetz und die Berufsordnung schreiben vor, dass die Berufsausübung an einen Praxissitz gebunden ist, um den behandelnden Zahnarzt in Notfällen, aber auch haftungsrechtlich zuverlässig erreichen zu können‘, erklärt Dr. Wilfried Woop, Präsident der Landeszahnärztekammer Rheinland-Pfalz. Dies schließe aber nicht aus, dass der Zahnarzt seinen Beruf in weiteren Praxen oder an anderen Orten ausübt, wie zum Beispiel in Alten- und Pflegeheimen oder eben auch in mobilen Behandlungseinheiten. Woop verweist auf den Kommentar zur Musterberufsordnung der Bundeszahnärztekammer zu § 9 Abs. 2 MBO: ,Die Tätigkeit mit mobilen Behandlungseinheiten ist demnach keine Berufsausübung im Umherziehen, wenn daneben ein Praxissitz an einem festen Ort vorhanden ist.‘

Freie Fahrt hat Blum auch vom Gesundheitsamt bekommen: Die Hygieneanforderungen sind erfüllt. Das Umwelt- und Energieministerium, die Struktur- und Genehmigungsbehörde Nord sowie der TÜV haben der mobilen Röntgenanlage grünes Licht gegeben.“

Auszug aus der rheinland-pfälzischen „KZV aktuell“, Ausgabe 1/2019

Wann kommt das Gefährt auf die Straße?

Zurzeit sind wir in der Hochphase des Containerbaus und der Triage der Bewohner in fünf Alten- und Pflegeheimen mit der Planung der ersten Einsätze des Zahnmobils. Im Februar erfolgten der Innenausbau und die Abnahme. Im März werden wir die erste Erprobung durchführen, Abläufe einüben, gegebenfalls Kinderkrankheiten beseitigen. Der reguläre Einsatz beginnt ab April.

Statement Dr. Peter Matovinovic

„Wir haben den Spielraum des Vertragszahnarztrechts genutzt!“

Um die medizinische Versorgung von Patienten flächendeckend sicherzustellen, bedarf es mitunter unkonventioneller Ideen. Mit seinem Zahnarztmobil schlägt Dr. Christoph Blum einen kreativen Weg ein und reagiert auf die lokalen Versorgungsgegebenheiten. Die Zukunft wird zeigen, ob diese Form der Patientenbehandlung eine Ergänzung der zahnärztlichen Versorgung sein kann.

In veränderten Zeiten ist es wichtig, neue Konzepte nicht von vorneherein zu blockieren, deswegen haben wir uns intensiv mit dem Vorhaben auseinandergesetzt. Wir haben den Spielraum des Vertragszahnarztrechts genutzt und das Zahnarztmobil für die Patientenversorgung genehmigt. Konkret haben wir die zulassungsrechtlichen Bestimmungen über Zweigpraxen angewendet. 

§ 24 Abs. 3 Zahnärzte-ZV gestattet die vertragszahnärztliche Tätigkeit außerhalb des Vertragszahnarztsitzes, wenn sich dadurch die Versorgung der Versicherten am Ort der geplanten Zweigpraxis verbessert und wenn die Versorgung der Patienten am Vertragszahnarztsitz nicht darunter leidet.

Unsere Genehmigung war zudem an zwei Voraussetzungen geknüpft: Die Landeszahnärztekammer hat keine berufsrechtlichen Einwände. Weiterhin dürfen im Zahnarztmobil ausschließlich Patienten aus stationären Pflegeeinrichtungen versorgt werden, mit denen Dr. Blum einen Kooperationsvertrag nach § 119b Abs. 1 SGB V geschlossen hat. Die Genehmigung ist auf den Bereich der KZV Rheinland-Pfalz beschränkt.

Dr. Peter Matovinovic, Vorstandsvorsitzender der KZV Rheinland-Pfalz

65316496527659652766265276636531650 6522027 6527665
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare