Die klinisch-ethische Falldiskussion

Patient mit hohem Infektionsrisiko: Darf man die Schmerzbehandlung ablehnen?

Ein junger Mann aus Sierra Leone kommt ohne Termin zur Schmerzbehandlung. Er hat gelblich gefärbte Augäpfel sowie offene, nässende Stellen am Gaumen. Handelt die Zahnärztin korrekt, indem sie die Schmerzbehandlung durchführt? Oder nimmt sie vielmehr das Risiko ansteckender Krankheiten für sich selbst und ihr Personal fahrlässig und unrechtmäßig in Kauf?

Adobe Stock/pablobenii

In der Zahnarztpraxis Dr. H. einer deutschen Kleinstadt erscheint ein junger Mann aus Sierra Leone ohne Termin zur Schmerzbehandlung. Auf dem Anamnesebogen ist nur ein nicht entzifferbarer Name zu erkennen und die angegebene Telefonnummer besteht aus Buchstaben und Zahlen. Als Asylbewerber ist er offizielles AOK-Mitglied. Andere Felder des Anamnesebogens füllt er nicht aus. Er spricht kein Deutsch und nur ganz wenige Worte Englisch; lediglich sein Herkunftsland Sierra Leone kann der Patient dem Praxispersonal mitteilen.

Die zahnärztliche Untersuchung ergibt einige kariöse Läsionen sowie einen größeren Defekt und eine Schwellung am Zahn 16. Darüber hinaus hat der Patient gelblich gefärbte Augäpfel und offene, nässende Stellen am Gaumen. Eine digitale Panoramaschichtaufnahme bestätigt die tiefe, bis in die Pulpa reichende Läsion an dem besagten Molaren.

Zahnärztin Dr. H. führt schließlich eine Lokalanästhesie sowie eine maschinelle Wurzelkanalaufbereitung mit NiTi-Feilen und elektrischer Längenmessung durch. Erst allmählich kommen ihr Zweifel, ob ihr Verhalten angemessen war, da die Möglichkeit einer potenziell ansteckenden Krankheit bestand. Ein Telefonat mit der AOK ergibt darüber keinen weiteren Aufschluss – bis auf den Hinweis, dass der Patient bei einem Internisten vorstellig war. Das folgende Telefonat mit dem Kollegen ergibt, dass der Patient ein einziges Mal bei ihm gewesen ist und mit Gesten auf Schmerzen im Bereich des Oberkiefers aufmerksam zu machen versuchte. Der Internist lehnte daraufhin eine weitere Untersuchung wegen fehlender Informationen ab, verschrieb ihm nur Novalgin-Tropfen zur Schmerzlinderung und schickte ihn in die Praxis Dr. H. Eine Recherche beim Auswärtigen Amt über die Gefährdung in Sierra Leone hinsichtlich ansteckender Krankheiten ergibt neben der Empfehlung von Standardimpfungen auch das Risiko von Hepatitis A und B, Meningokokken vom Serotyp A, C, W135 und Y, Tollwut, Typhus, Dengue-Fieber sowie flächendeckend und ganzjährig Malaria tropica (meist tödlich für nicht immunisierte Europäer), zudem für Cholera, HIV, bis 2016 Ebola, Affenpocken, die Wurminfektion Schistosomiasis (Bilharziose) und Lassa-Fieber. Daraufhin bittet Dr. H. den Patienten, mit einem Übersetzer wiederzukommen.

Die Prinzipienethik

Ethische Dilemmata, also Situationen, in denen der Zahnarzt zwischen zwei konkurrierenden, nicht miteinander zu vereinbarenden Handlungsoptionen zu entscheiden oder den Patienten zu beraten hat, lassen sich mit den Instrumenten der Medizinethik lösen. Viele der geläufigen Ethik-Konzeptionen (wie die Tugendethik, die Pflichtenethik, der Konsequentialismus oder die Fürsorge-Ethik) sind jedoch stark theoretisch hinterlegt und aufgrund ihrer Komplexität in der Praxis nur schwer zu handhaben. 

Eine methodische Möglichkeit von hoher praktischer Relevanz besteht hingegen in der Anwendung der sogenannten Prinzipienethik nach Tom L. Beauchamp und James F. Childress: Hierbei werden vier Prinzipien „mittlerer Reichweite“, die unabhängig von weltanschaulichen oder religiösen Überzeugungen als allgemein gültige ethisch-moralische Eckpunkte angesehen werden können, bewertet und gegeneinander abgewogen. 
Drei dieser Prinzipien – die Patientenautonomie, das Nichtschadensgebot (Non-Malefizienz) und das Wohltunsgebot (Benefizienz) – fokussieren ausschließlich auf den Patienten, während das vierte Prinzip Gerechtigkeit weiter greift und sich auch auf andere betroffene Personen oder Personengruppen, etwa den (Zahn-)Arzt, die Familie oder die Solidargemeinschaft, bezieht.

Für ethische Dilemmata gibt es in den meisten Fällen keine allgemein verbindliche Lösung, sondern vielfach können differierende Bewertungen und Handlungen resultieren. Die Prinzipienethik ermöglicht aufgrund der Gewichtung und Abwägung der einzelnen Faktoren und Argumente subjektive, aber dennoch nachvollziehbare und begründete Gesamtbeurteilungen und Entscheidungen. Deshalb werden bei klinisch-ethischen Falldiskussionen in den zm immer wenigstens zwei Kommentatoren zu Wort kommen.

Oberstarzt Prof. Dr. Ralf Vollmuth

Dr. H. stellen sich nun folgende Fragen: Hat sie korrekt gehandelt, indem sie die Schmerzbehandlung durchführte? Oder nahm sie vielmehr das Risiko ansteckender Krankheiten für sich selbst und ihr Personal fahrlässig und unrechtmäßig in Kauf? Und hätte sie schließlich die Behandlung guten Gewissens sowie ethisch und rechtlich korrekt auch ablehnen können?

Dr. med. dent. Stephan Grassl
Praxis Dr. Ludwig Bauer
Neuburger Straße 49, 94032 Passau
sgrassl@outlook.de


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