Akademietag der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe

Alles anders? Kinder in der Praxis

Dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind, hat sich mittlerweise herumgesprochen. Die Besonderheiten in Diagnose und Behandlung stellte Prof. Christian Splieth von der Universität Greifswald mit seinen Kollegen Dr. Ruth Santamaria und ZA Mhd Said Mourad auf dem 21. Akademietag der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe vor.

Dr. Martina Lösser, Kammervorstandsreferentin und Leiterin der Akademie für Fortbildung, dankte den Referenten für die gelungenen Vorträge. Lösser führte zusammen mit Kammervizepräsident Jost Rieckesmann durch das Programm. ZÄKWL

„Da in Deutschland weder der Kindergartenbesuch noch die zahnärztlichen Untersuchungen für Kindergartenkinder Pflicht sind und viele Kinder auch nicht zum Hauszahnarzt gehen, haben wir ein strukturelles Problem bei der Versorgung von Milchgebissen“, erläuterte Splieth, der die Abteilung für Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde der Uni Greifwald leitet. Die Karieserfahrung bei Kita-Kindern sei beispielsweise viermal höher als bei zwölfjährigen Schulkindern. Belegen konnte er diese Daten mit einer Studie zum Kariesrückgang zwischen 1995 und 2016, nach der die Erkrankung im Milchgebiss um 40 Prozent, im bleibenden Gebiss freilich um 82 Prozent gesunken war. Für problematisch hält er auch, dass in der universitären Lehre die Anzahl der Semesterwochenstunden auf dem Gebiet Kinderzahnheilkunde fast durchweg sehr niedrig ist.

Die Fluoridversorgung ist der wichtigste Faktor

Größter Einflussfaktor für Karies ist laut Splieth die Fluoridversorgung der Zähne – diese sei deutlich wichtiger als die Ernährung oder die Plaqueentfernung. „Auch Kinderzahnpasta sollte 1.000 ppm Fluorid enthalten“, forderte Splieth. „Von den über 40 Kinderzahnpasten auf dem Markt haben jedoch fast die Hälfte kein Fluorid und nur zwei eine genügende Dosierung.“ Daneben seien aber auch ein gemäßigter Zuckerkonsum und eine fundierte Anleitung der Kinder beim Zähneputzen von Bedeutung. Oftmals würden Kinder zu früh mit dem Putzen der Zähne allein gelassen, obwohl ihre koordinativen Fähigkeiten noch nicht genügend ausgebildet sind. „Eltern sollten die Zähne ihrer Kinder bis weit ins Grundschulalter hinein nachputzen, viele Kinder brauchen auch mit neun Jahren noch die entsprechende Unterstützung“, bekräftigte Splieth.

Stahlkronen: Erfolgsraten von circa 90 Prozent

Santamaria stellte im Anschluss Stahlkronen als Alternative zu Füllungen bei der Milchzahnrestauration vor. Zunächst präsentierte sie das Spektrum der möglichen Füllungsmaterialien bei Milchzähnen: von konventionellen Glasionomerzementen, über kunststoffmodifizierte Glasionomerzemente bis hin zu Kompositen und Kompomeren. Sie zeigte auf, dass Kompomere das zuverlässigste Material für langlebige Klasse-II-Füllungen bei Milchzähnen sind. „Stahlkronen haben jedoch Erfolgsraten von circa 90 Prozent und halten für Zeiträume bis zu neun Jahren“, konkretisierte Santamaria die Vorteile der sogenannten Hall-Technik. Diese erfordere keine Lokalanästhesie, keine Kariesexkavation und keine Präparation des Zahns, die Restauration erfolge unkompliziert mit einer vorgefertigten Stahlkrone. In einer retrospektiven Studie mit 978 Hall-Kronen seien nach drei Jahren bei 86 Prozent der Fälle und nach fünf Jahren bei 80,5 Prozent der Fälle keine Komplikationen aufgetreten.

Indiziert sei die Hall-Technik insbesondere bei ängstlichen und mäßig kooperativen Kindern sowie zur Kooperationsverbesserung.

MIH: International liegt die Prävalenz bei 13 Prozent

Mourad referierte über die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH). „Die auch als Kreidezähne oder Käsezähne bekannte Krankheit betrifft die ersten Molaren und die Schneidezähne, neben der optischen Veränderung sind die Zähne dabei oft auch hypersensibel“, skizzierte Mourad das Krankheitsbild. International liege die Prävalenz bei 13 Prozent, sei allerdings von Land zu Land sehr verschieden und steige insgesamt an. In Deutschland trete die Krankheit häufig auf, meist aber in milder Form. Studien seien dadurch erschwert, dass die optische Veränderung der Zähne erst Jahre nach der Schädigung sichtbar ist und so die Ursachen bei Diagnosestellung schon weit zurückliegen. „Die genaue Ursache für MIH ist nicht bekannt, es scheint verschiedene Einflussfaktoren zu geben, unter anderem frühe Atemwegserkrankungen“, umriss Mourad den Stand der Forschung. Das Therapiekonzept umfasse Desensibilisierung, Versiegelung, Kompositfüllung, Stahlkronen, indirekte Restaurationen und Extraktionen.

Splieth thematisierte folgend die Einsatzgebiete von Lachgas, das insbesondere bei der Behandlung von Vorschulkindern, Behinderten und Angstpatienten eingesetzt werde. „Die Nebenwirkungen von Lachgas sind geringer als bei der Lokalanästhesie und umfassen in erster Linie Euphorie sowie in seltenen Fällen Übelkeit und Erbrechen“, betonte Splieth. Sehr wichtig bei der Anwendung sei eine einfühlsame und positive Patientenführung.
 Santamaria führte danach in neue Kariestherapien mittels Silberfluorid, Peptiden, Inaktivierung, Infiltration oder approximaler Versiegelung ein. Dabei definierte sie Karies als einen Prozess mit einem chronischen Ungleichgewicht von De- und Remineralisation der Zahnhartsubstanz. Besonderes Augenmerk legte sie auf die chemomechanische Kariesinaktivierung. „Durch Silberdiaminfluorid wird hier eine Inaktivierung vorhandener Kariesläsionen, eine Vermeidung neuer Kariesläsionen und die Begrenzung des Zahnhartsubstanzverlusts erreicht“, berichtete sie. Vorteile seien die geringen Kosten, die nichtinvasive, einfache und zeitsparende Anwendung sowie der minimale Instruktionsbedarf des Personals. Als Nachteile müssten jedoch die mangelnde Ästhetik sowie der metallische Geschmack genannt werden. „Das Verständnis von Karies hat sich weiterentwickelt, insgesamt gibt es eine Veränderung der Kariesbehandlung zugunsten weniger invasiver Therapien“, erläuterte Santamaria.

Zum Abschluss kommentierte Mourad anhand von Fotos eine Vielzahl praktischer Fälle aus der Kinderzahnheilkunde und zeigte neben möglichen Fehlerquellen praktische Tipps und Tricks für eine gelungene Behandlung.

Dr. Heiko König
Leiter der Abteilung Aus-, Fort- und Weiterbildung Zahnärzte
Zahnärztekammer Westfalen-Lippe


Die Gewinner stehen fest!

 

Dein Job – Dein Video!

Auf Facebook hatte die Kampagne „Dein Job – Dein Video“ über 12.000 Menschen erreicht: Die Zahnärztekammer Westfalen-Lippe hatte über verschiedene Social-Media-Kanäle den Video-Wettbewerb gestartet, um junge Leute für den Beruf der ZFA zu gewinnen. Zahlreiche ZFA hatten daraufhin ihr Glück versucht und einen kleinen Film über ihren Arbeitsalltag gedreht (https://www.zahnaerzte-wl.de/dein-job-–-dein-video.html). Auf ein langes Wochenende auf Mallorca können sich jetzt die drei Gewinnerinnen Sabine Gelt, Fabienne Frenskowski und Saskia Kraft freuen.

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