Wie gut ist eine Zehn-Sekunden-Zahnbürste?

Die Revolution beim Zähneputzen fällt aus

Die Idee ist faszinierend: einfach in die Zahnbürste reinbeißen, anschalten, zehn Sekunden warten und schon sind die Zähne fertig geputzt. Die Zahnpasta kommt auf Knopfdruck und die Konzentration aufs richtige Putzen darf auch entfallen. Ein Rundum-sorglos-Paket für die häusliche Mundhygiene von morgen? Wissenschaftlerinnen der Medizinischen Universität Innsbruck haben nun die Reinigungsleistung einer dieser Bürsten getestet.

Abb. 1: Die Amabrush® hat die Form eines Hufeisens, auf das man 
mit den Ober- und den Unterkieferzähnen beißt. Die innen und außen angebrachten Silikonzapfen oszillieren 20.000-mal pro Minute und 
sollen so den Biofilm entfernen. Ähnliche auf dem Online-Markt 
erhältliche Bürsten sind die Cartoon Blue-ray Whitening Teeth Brush®, 
die Ultraschall Elektrische Zahnbürste Teeth Whitening Kit® oder 
die Automatic Whitening Toothbrush®. Den Herstellerangaben zufolge treffen die Borsten der Amabrush® in 
einem 45°-Winkel auf die bukkalen und oralen Zahnoberflächen, so dass die Bürste die Bass-Technik simuliert. Im aufladbaren Handstück ist ein kleiner Nachfüllbehälter mit Zahnpasta, von dort wird automatisch 
ausreichend Zahnpasta für eine Putzeinheit ins Hufeisen eingespritzt. Univ.-Klinik für Zahnersatz und Zahnerhaltung, Medizinische Universität Innsbruck

In zehn Sekunden saubere Zähne” versprachen die Hersteller der Amabrush®-Zahnbürste. Für viele Menschen ein verlockendes Angebot, aber kann das überhaupt funktionieren? Die Europäische Gesellschaft für Parodontologie empfiehlt zweimal täglich die Zähne zu putzen für mindestens zwei Minuten [Chapple et al., 2015]. Befolgt man diesen Rat und reinigt systematisch Zahn für Zahn mit den herkömmlichen elektrischen oder manuellen Zahnbürsten [Ebel et al., 2019], stehen bei einem voll bezahnten Erwachsenen allerdings gerade einmal vier Sekunden Reinigungszeit pro Zahn zur Verfügung. Da die Amabrush® alle Zahnoberflächen zugleich reinigt, sollten also zehn Sekunden tatsächlich ausreichen.

Vor diesem Hintergrund haben wir die Effizienz der Ama-brush®-Zahnbürste in einer randomisiert-kontrollierten Studie untersucht. In der Studie mit Cross-over-Design haben 20 parodontal gesunde Freiwillige in zwei Gruppen einmal mit der Amabrush® und zwei Wochen später mit der Handzahnbürste (beziehungsweise umgekehrt) nach bestem Wissen und Können ihre Zähne gereinigt. Besondere Mundhygieneanweisungen gab es nicht – die Nutzung sollte weitgehend die alltäglichen Bedingungen abbilden. Vorausgegangen war beide Male eine dreitägige Mundhygienekarenz ohne Zähneputzen, Spülungen, Kaugummi und Ähnliches, um ausreichend Plaque anzusammeln. Vor und nach dem Zähneputzen wurde von einer verblindeten Untersucherin der Plaqueindex gemessen, um anschließend die Plaquereduktion zu berechnen.

Handzahnbürste reinigt besser als Zehn-Sekunden-Zahnbürste

Obwohl die Probanden keine speziellen Zahnputzkenntnisse hatten, entfernte die Handzahnbürste statistisch signifkant mehr Plaque als die Amabrush®. Allerdings mit einem deutlich höheren Zeitaufwand: Im Mittel putzten die Probanden circa drei Minuten ihre Zähne. Bei keinem der Probanden wurde mit der Amabrush® eine gleich gute oder höhere Plaquereduktion als mit der Handzahnbürste erreicht (11.37 ± 3.70 % versus 31.39 ± 5.27 %; p < 0.0001). In einer einzigen Region war die Amabrush® gleich effizient wie die Handzahnbürste, nämlich an den Palatinalflächen der Oberkiefermolaren. Dies lag aber nicht an der höheren Reinigungseffizienz der Amabrush®, sondern an der schlechteren Plaquereduktion mit den Handzahnbüsten in diesem Bereich.

Mit der Handzahnbürste wurde statistisch signifkant mehr Plaque entfernt als mit der Amabrush® (** p < 0.0001; * p < 0.05). | Ines Kapferer-Seebacher

 

 

Abb. 3: In manchen Regionen hatten die Borsten gar keinen Kontakt mit den Zähnen. Entweder kamen sie zu weit apikal auf der Gingiva zu liegen oder sie endeten 1–2 Millimeter entfernt von den Zahnoberflächen oder bogen sich okklusal um. Auch stehen die Borsten meist nicht im 45°-Winkel zur Zahnoberfläche. | Univ.-Klinik für Zahnersatz und Zahnerhaltung, Medizinische Universität Innsbruck

Im zweiten Teil der Studie wurde die Anlagerung der oszillierenden Silikonborsten an die Zähne auf Gipsmodellen der Probanden untersucht (Abbildung 2). Und hier liegt womöglich auch die Ursache für die schlechte Performance der Amabrush®: In manchen Regionen hatten die Borsten gar keinen Kontakt mit den Zähnen.
Entweder kamen sie zu weit apikal auf der Gingiva zu liegen oder sie endeten 1 bis 2 Millimeter entfernt von den Zahnoberflächen oder sie bogen sich okklusal um. In der Tat war die Reinigungseffizienz der Bürste um so höher, je mehr Silikonborsten in Kontakt mit den Zähnen waren.

Fraglich ist auch, ob Silikon für die Borsten das richtige Material ist. Nylonborsten könnten die Reinigungseffizienz steigern, da sie sich geschmeidiger an die Zähne anlagern.

Die individuelle Anatomie ist das Problem

Ein Zähneputzen in zehn Sekunden erscheint durch eine gleichzeitige Reinigung aller Zähne grundsätzlich möglich. Allerdings benötigt es dazu noch einiges an Entwicklungsarbeit, denn die Borsten müssen in allen Regionen in Kontakt mit den Zahnoberflächen stehen. Da jeder Kiefer unterschiedlich breit und lang ist und die Krümmung des Zahnbogens ebenfalls variiert, müsste sich eine besser reinigende Zehn-Sekunden-Zahnbürste selbsttätig an die individuelle Patientenanatomie anpassen können oder individuell angefertigt werden – eine anspruchsvolle Herausforderung für die Produktentwickler. Die Hersteller der Amabrush® sind inzwischen pleite, aber die Entwicklung geht weiter: Vor Kurzem ist die französische Y-Brush® auf den Markt gekommen, mit schlankerem Mundstück, zwei verschiedenen Größen und Nylonborsten.

Univ.-Prof. Dr. Ines Kapferer-Seebacher, MSc.
Univ.-Klinik für Zahnersatz und Zahnerhaltung, Medizinische Universität Innsbruck
Anichstr. 35, A-6020 Innsbruck
Ines.Kapferer@i-med.ac.at

Dr. Dr. Dagmar Schnabl
Univ.-Klinik für Zahnersatz und Zahnerhaltung, Medizinische Universität Innsbruck
Anichstr. 35, A-6020 Innsbruck

Studie:
Schnabl, D., Wiesmüller, V., Hönlinger, V. et al.: Cleansing efficacy of an auto-cleaning electronic toothbrushing device: a randomized-controlled crossover pilot study. Clin Oral Invest (2020). https://doi.org/10.1007/s00784–020–03359–5

Die Studie der Autoren ist frei zugänglich veröffentlicht unter: https://link.springer.com/article/10.1007/s00784–020–03359–5

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