Patienteninformationen mit TikTok

Dancing Dentistry

Susanne Theisen
Zurzeit wächst kein soziales Netzwerk schneller als TikTok. Wer glaubt, dort wird NUR getanzt, liegt nicht ganz richtig. Die chinesische Videoplattform will nämlich ihre Spielwiese erweitern – Richtung Wissenschaft. Viele Videos auf TikTok thematisieren heute schon Medizin und Zahngesundheit. Stellt sich die Frage: Wie viele Informationen passen in 60 Sekunden?

Du putzt dir nichtsahnend die Zähne und bemerkst plötzlich, dass dein Zahnfleisch blutet. Bevor du jetzt ausflippst, beruhige dich! Wahrscheinlich ist die Sache gar nicht so dramatisch. Der Grund heißt in den meisten Fällen: Gingivitis.“ Dieses TikTok-Video des Kieferorthopäden Dr. Benjamin Winters vom 10. November 2020 hatte schon wenige Stunden nach Veröffentlichung mehrere hunderttausend Klicks.

Der 29-jährige Zahnarzt aus den USA ist seit dem 1. Januar 2019 Creator bei TikTok – so heißen Mitglieder, die Content veröffentlichen – und hat in dieser Zeit unter dem Namen @thebentist einen erfolgreichen Kanal aufgebaut. Im Februar 2020 folgten ihm bereits 2,6 Millionen Abonnenten, aktuell umfasst seine Community über 6,9 Millionen Menschen (alle Angaben Stand Dezember 2020). Bekannt gemacht hat @thebentist eine Serie von Erklärvideos, die zeigen, wie man den Alltag mit Zahnspange meistert. Seine „Braces Life Hacks“ wurden millionenfach geklickt.

Von Null auf schlau in 60 Sekunden

Den zm sagt er: „TikTok ist eine tolle Plattform, um Gesundheitsinformationen auf neue, lustige und interessante Weise zu verbreiten.“ Als Behandler habe er davon sehr profitiert: „Sind wir mal ehrlich: Zahnarztangst existiert und ist einer der Gründe, warum viele Menschen nicht die zahnmedizinische oder kieferorthopädische Versorgung bekommen, die sie eigentlich brauchen. Durch meine Videos wirke ich auf Patienten nicht unnahbar, sondern vertraut. Weil mir so viele Menschen auf TikTok folgen – unter ihnen auch viele Patienten – fühlen sie sich wohler und kommen manchmal sogar voller Vorfreude in die Praxis.“ Bei Kollegen löse @thebentist allerdings gemischte Reaktionen aus, berichtet Winters: „Manche verstehen diese Art von Kommunikation nicht oder finden sie trivial. Andere hingegen unterstützen mich und haben erkannt, wie meine Aktivität dazu beiträgt, dass Menschen unseren Beruf mit anderen Augen sehen.“

TikTok eröffnet neue Räume für die Wissensvermittlung. Das bestätigt die Medienwissenschaftlerin Dr. Johanna Schäwel vom Lehrstuhl für Medienpsychologie an der Universität Hohenheim: „Wissen sollte unabhängig vom eigenen Bildungsgrad zugänglich sein. Qualitativ hochwertige Kanäle auf TikTok können das leisten, denn man kann den kurzen und leicht verständlichen Infos ohne großes Vorwissen folgen.“

Darüber hinaus beobachtet die Wissenschaftlerin, dass viele, vor allem junge Menschen auf TikTok Fragen zu schambehafteten Themen im Zusammenhang mit Körper, Aussehen, Sexualität und Gesundheit stellen. „Themen, die vielen peinlich sind, können so enttabuisiert werden. Wenn jemand beispielsweise auf TikTok seine schiefen Zähne zeigt oder über Mundgeruch spricht, ist das für andere, die auch darunter leiden, eine Erleichterung. Sie sehen plötzlich, dass sie nicht allein sind.“

Ein TikTok-Video mit einer maximalen Länge von 60 Sekunden könne allerdings nie das große Ganze darstellen, sondern immer nur einen kleinen Ausschnitt aus oft sehr komplexen medizinischen Zusammenhängen. „Das muss den Nutzenden klar sein, damit sie die Informationen richtig einsetzen. Hier ist die Kompetenz gefragt, mit digitalen Medien kritisch und selbstbestimmt umgehen zu können. Der Grundstein für diese Fähigkeiten sollte schon in der Schule gelegt werden. Auch dafür, dass man digitale Kompetenz ein Leben lang weiterentwickeln muss“, hält Schäwel fest.

Microlearning boomt

Wie unverzichtbar die Kompetenz ist, Informationen aus dem Internet richtig einzuordnen, wird auch vor dem Hintergrund klar, dass das sogenannte Microlearning boomt. Damit gemeint ist der Konsum kurzer Videos mit Lerninhalten aus allen Lebensbereichen. Microlearning-Content vom Tutorial bis zum Lifehack ist auf allen Plattformen im Internet beliebt und auch auf TikTok zu einem wichtigen Trend geworden. Das Unternehmen möchte diese Entwicklung nutzen, um sich zu diversifizieren – und abseits der Tanz- Challenges zu wachsen. Im Juni 2020 startete TikTok in diesem Sinne die Initiative #LearnOnTikTok, in Deutschland entsprechend #LernenMitTikTok.

„Ziel ist es“, teilt das Unternehmen mit, „ein Ökosystem des Lernens zu schaffen, in dem kreative Videoinhalte im Kurzformat immer und überall verfügbar sind. Vom Fachwissen von Mediziner*innen, Sexualpädagog*innen und Lehrer*innen über Lifehacks, Motivationstipps oder Kochideen – um Lerninhalte dieser Art zu fördern, investiert TikTok europaweit 13 Millionen Euro, davon rund 4,5 Millionen in Deutschland. Dabei arbeitet TikTok mit mehreren Hundert Creator*innen, Pädagog*innen, Expert*innen und gemeinnützigen Organisationen zusammen.“

Im Rahmen einer #TeileDeinWissenHashtag-Challenge konnte man auf TikTok bis Ende Juni Videos zu Allgemeinwissen, Beruf und Karriere, Körper und Fitness sowie Gesundheit erstellen. TikTok wählte die besten Beiträge aus. Die Urheber erhalten für eine begrenzte Zeit finanzielle Unterstützung für ihr Programm und werden von einer professionellen Influencer-Agentur betreut. Offizielle Creatoren für #LernenMitTikTok in Deutschland wurden unter anderem der Allgemeinarzt Dr. Felix Berndt (@doc_felix mit 412.000 Followern) sowie das Gynäkologin-Urologen-Duo Dr. Sheila de Liz und Volker Wittkamp (@doktorsex mit 531.000 Followern).

Doch gibt mir da wirklich eine Zahnärztin Tipps zum Aufhellen meiner Zähne? Ist das ein echter Kieferorthopäde, der mir sagt, wie ich meine Zahnspange reinigen soll? Medienwissenschaftlerin Schäwel sieht TikTok in der Verantwortung, die Qualifikation seiner Creatoren zu verifizieren: „Natürlich ist TikTok hauptsächlich für Unterhaltung da. Aber wenn man nach eigener Aussage in die Wissenskommunikation einsteigen möchte, gehört die Qualitätskontrolle dazu.“

Auf die Frage, ob die Betreiber der Gewinner-Accounts, ihre Qualifikation belegen müssen, reagierte TikTok bisher nicht. Eine Unternehmenssprecherin betont, dass man sich „der Bedeutung seriöser Informationen zum Thema Gesundheit auf TikTok bewusst“ sei. TikTok entfernt nach eigenen Angaben „Fehlinformationen, die der Gesundheit einer Person oder der öffentlichen Sicherheit insgesamt schaden könnten. Außerdem entfernen wir Inhalte, die im Rahmen von Desinformationskampagnen verbreitet werden. Das gilt auch für Inhalte, die sich auf den Bereich Gesundheit beziehen.“ Ein „offizieller Creator #LernenMitTikTok“ ist der Zahnmedizinstudent Henrik Ridder – auf TikTok als @smile_expert unterwegs. Der Kanal des 22-Jährigen, der an der Uni Greifswald studiert, hat 132.000 Abonnenten. Für die Challenge im Sommer 2020 schickte Ridder ein Video über das Thema Zahnstein ins Rennen. In anderen TikToks erklärt er, was man gegen Mundgeruch tun kann, wie man sich Vampirzähne an Halloween anfertigt oder wie Zahnspangen hergestellt werden.

Ridder ist schon länger in den sozialen Medien aktiv. Vor TikTok hatte er sich auf Instagram eine große Followerschaft aufgebaut. Seine Motivation: „Ich möchte vor allen Dingen zeigen, wie das Studium der Zahnmedizin abläuft und was zum Beruf des Zahnarztes dazugehört. Nach der Schule wissen viele nicht, was sie beruflich machen möchten. Meine TikToks sollen eine Orientierungshilfe für alle sein, die sich für ein Zahnmedizinstudium interessieren. Social Media ist eine tolle Möglichkeit, sie hinter die Kulissen blicken zu lassen, damit sie die richtige Entscheidung für sich treffen können.“ Ridder stellt auch Mitstudierende aus anderen Fächern vor. Die Reaktionen seien bisher überwiegend positiv, so der Student. „Bei mir läuft nicht immer alles perfekt. Daraus mache ich keinen Hehl und das kommt gut an“, lautet sein Fazit.

Was erlaubt eigentlich die Berufsordnung?

Aber dürfen Heilberufler in den sozialen Medien medizinische beziehungsweise zahnmedizinische Tipps geben? Was ist eigentlich erlaubt? Die Bundesärztekammer (BÄK) hat in ihrem Leitfaden „Ärzte in sozialen Medien“ aus dem Jahr 2014 festgehalten, wie sich Mediziner und Studierende in den sozialen Medien verhalten sollten: „Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen. [...] Damit ist es Ärzten beispielsweise untersagt, therapeutische Empfehlungen unter den genannten Rahmenbedingungen abzugeben.“ Ein Eisenpräparat auf Basis eines Kontakts über Social Media zu verschreiben, ohne die betreffende Person selbst untersucht zu haben, wäre also eine unzulässige Fernbehandlung. Die Frage „Welche Rolle spielt Eisen für unsere Gesundheit?“ zu beantworten, ist hingegen unproblematisch.

Auch @smile_expert Ridder hat einen Blick in die Berufsordnung geworfen, bevor er in den sozialen Medien aktiv wurde. Vor Fernbehandlungsverstößen müsse man sich tatsächlich in Acht nehmen, berichtet er: „Ich erhalte hunderte von spezifischen Fragen zu Krankheitsbildern und manchmal schicken mir Leute sogar Röntgenbilder zu. Ich antworte dann, dass ich dazu nichts sagen kann, und gebe ihnen den Rat, sich an eine Praxis zu wenden.“

Der schmale Grat zwischen Experte und Influencer

Johanna Schäwel macht auf ein weiteres Risiko aufmerksam: die Gefahr der Selbstoffenbarung. „Wenn ich online eine Frage stelle, lässt das Rückschlüsse auf mich als Person und meinen gesundheitlichen Zustand zu.

Auf horizontaler Ebene, also anderen aus der Community gegenüber, kann ich mich durch einen Nickname oder ein falsches Foto schützen. Auf vertikaler Ebene, also Internetdiensten und -anbietern gegenüber, funktioniert das nicht so einfach. Ihnen gegenüber nehme ich dafür in Kauf, dass diese Information über mich gespeichert wird.“ Dabei sei es egal, ob man eine Suchmaschine befrage oder sich über Social Media an einen Experten wende. Daten würden immer getrackt.

Medienkompetenz bedeutet auch, Werbung in Posts zu erkennen. Es ist kein Geheimnis, dass ein erfolgreicher Kanal Firmen und Marken anzieht. Das gilt auch für TikTok. Über Kooperationen mit beliebten Creatoren wollen Unternehmen ihre Produkte bekannter machen. Es gibt zahlreiche Influencer-Agenturen, die dieses Geschäft professionalisiert haben, und viele Stars, die davon gut leben können.

Mit wachsendem Erfolg hat sich auch der TikTok-Kanal von Benjamin Winters verändert. Als @thebentist stellt er nun häufiger Produkte vor als noch vor einigen Monaten. Dazu erklärt sich der Zahnarzt nach eigener Aussage aber nur bereit, wenn „die Marken, mit denen ich zusammenarbeite, mit meinen Werten als Person und als Heilberufler übereinstimmen. Wenn das nicht gegeben ist, lehne ich Angebote auch ab.“ In letzter Zeit sieht man Winters in seinen TikToks immer wieder mit einem Energydrink – was viele Peers aus der Zahnmedizin kritisch sehen dürften.

In Deutschland unterliegt Werbung in den sozialen Medien laut Rundfunkstaatsvertrag (RStV) und Telemediengesetz (TMG) der Kennzeichnungspflicht. Das heißt, es muss an geeigneten Stellen durch einen Texthinweis oder Einblendungen deutlich gemacht werden, dass es sich um Werbung oder um eine Kooperation handelt. Für Angehörige der Heilberufe, die auf TikTok in dieser Funktion auftreten, stellt sich indes grundsätzlich die Frage, ob kommerzielle Werbepartnerschaften dazu im Widerspruch stehen.

Ein Türöffner zur jungen Zielgruppe

Mit dieser Überlegung war Henrik Ridder schon oft konfrontiert. Er werde immer wieder von Herstellern kosmetischer Produkte wie Bleaching-Kits oder DIY-Zahnspangen kontaktiert, berichtet er. „Dafür mache ich jedoch keine Werbung, weil diese Produkte meinem Selbstverständnis als angehender Zahnmediziner widersprechen. Ich sehe es so wie Benjamin Winters: Wenn ich für ein Produkt werbe, muss ich es so gut finden, dass ich es ohne Gegenleistung Freunden empfehlen würde.“ Das treffe aktuell auf verschiedene Arbeitsmaterialien zu, die er in seinen praktischen Kursen verwende.

Wie wirksam ist TikTok als Kommunikationsplattform für Gesundheitsorganisationen und Heilberufe? Aus im September 2020 veröffentlichten Zahlen geht hervor, dass mehr als 100 Millionen Menschen in Europa TikTok nutzen, davon 5,5 Millionen in Deutschland. Knapp zwei Drittel der Community hierzulande sind zwischen 16 und 24 Jahren alt, nur 15 Prozent älter als 35. Pro Tag verbringen sie im Durchschnitt 50 Minuten auf TikTok. Tendenz steigend – TikTok wird in den App Stores am häufigsten heruntergeladen. In der Wissenskommunikation auf TikTok liegt offenbar Potenzial, denn junge Menschen verbringen hier viel Zeit – und tauschen sich ohnehin über gesundheitsrelevante Themen aus.

Zum Beispiel über einen Trend, der schon länger auf TikTok und in vielen anderen Netzwerken die Runde macht: das Zähnefeilen. Auf TikTok sieht man viele Videos, in denen sich Menschen die Frontzähne auf eine einheitliche Länge feilen, um besser auszusehen. Darüber hinaus teilt die Community allerhand Tipps, wie man sich eine Zahnspange selber bastelt oder wie Zähne angeblich weißer werden. Zum Beispiel mithilfe von Aktivkohlezahnpasta, Bananenschalen oder Wasserstoffperoxid.

Unsinnige und gesundheitsgefährdende Tipps greift @thebentist auf seinem Kanal immer wieder auf und stellt die Sachverhalte richtig. Zahnmedizinstudent Ridder sieht darin eine Chance: „Viele Menschen machen nach, was sie auf TikTok oder anderswo im Internet sehen. Wenn es dabei um schädliche Trends wie das Herunterfeilen von Zähnen geht, ist es doch gut, dass jemand mit Fachwissen direkt darauf reagieren kann.“

Neue Wege bei der Kommunikation medizinischer Informationen zu gehen, findet Wissenschaftsjournalistin Nicola Kuhrt grundsätzlich nicht schlecht: Erst mal „ist gegen emotionalere Sprache und Charaktere nichts einzuwenden. Was schadet es denn, auch mal albern zu sein oder zu tanzen, solange die Informationen gut sind? Sich selbst nicht so ernst zu nehmen, ist vor allen Dingen zur jungen Zielgruppe auf TikTok ein Türöffner“, erklärt sie.

In der Tat kann TikTok ein guter Einstieg sein, um insbesondere bei jungen Menschen ein Bewusstsein für Gesundheitsthemen zu schaffen. Das ist eine Chance für Heilberufe und Gesundheitsorganisationen. Johanna Schäwel: „Sie sollten TikTok nutzen, um Aufmerksamkeit zu schaffen, die sich dafür nutzen lässt, um auf Angebote für Gesundheitsinformationen hinzuweisen, die viel ausführlicher sein können. Was zählt, ist das gute Zusammenspiel aller Kanäle innerhalb und außerhalb des Internets.“ Auch Benjamin Winters nutzt TikTok in vielen Videos als Sprungbrett zu seinem YouTube-Kanal, wo er Sachverhalte ausführlicher erklärt.

Authentizität bringt‘s – „Sei du selbst!“

Ins Detail zu gehen, ist auf TikTok wegen der zeitlichen Begrenzung auf eine Minute keine Option. Hier muss man die Community auf kurzer Strecke mitnehmen. Entscheidend dabei ist, dass man einen Stil findet, den man konsequent durchzieht und der authentisch ist. @thebentist Benjamin Winters bricht seine Strategie für TikTok auf folgende Formel herunter: „Sei nett. Verbreite positive Stimmung. Hab Spaß und produziere Content, den die Zuschauer genießen. Sei du selbst.“

Susanne Theisen

Freie Journalistin

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