Nachhaltigkeit in der Zahnmedizin

Der Becher aus Pappe ist nur der Anfang

Pappbecher, Bambuszahnbürsten und unverpackte Zahnpasta für die Patienten, Nahverkehrstickets für die Mitarbeiter oder ein Dienst-E-Bike – langsam ergreifen immer mehr Zahnärzte und Zahnärztinnen Maßnahmen, um ihre Praxis grüner zu machen. Fest steht: Jeder Einzelne kann viel bewirken. Kleinvieh macht auch Mist. Aber ohne Politik und Industrie stößt man an Grenzen.

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Vier Jahre ist es her, dass der Weltzahnärzteverband FDI seine erste politische Stellungnahme zum Thema Nachhaltigkeit in der Zahnmedizin abgab. Damals hieß es, der zahnärztliche Berufsstand solle die nachhaltigen Entwicklungsziele in die tägliche Praxis integrieren und einen Wandel zu einer grünen Wirtschaft unterstützen. Etwa durch die Vermeidung von Einwegmaterialien, die Reduzierung des Strom-, Wasser- und Papierverbrauchs und mehr Forschung zu den Folgen zahnärztlicher Tätigkeit für die Umwelt.

Eine erste Grundlage dafür lieferte zwei Jahre später der Brite Dr. Brett Duane, außerordentlicher Professor am Trinity College Dublin für öffentliche Gesundheit und Zahnmedizin. 2019 zeigte Duane mit Kollegen in einer Forschungsarbeit, dass sich der Löwenanteil des CO2-Fußabdrucks der Zahnmedizin im Nationalen Gesundheitsdienst Großbritanniens (NHS) dem Einfluss der Praxisinhaber weitestgehend entzieht: Fast zwei Drittel der Emissionen entfielen 2014/2015 auf das Pendeln der Mitarbeiter sowie den Hin- und Rückweg der Patienten. Nur 19 Prozent resultierten aus der Produktion und Lieferung von Verbrauchsgütern, 15 Prozent aus dem Energieverbrauch der Praxen und Kliniken.

Klima-Award für US-ZahnarztpRAXIS

Im den USA werden nachhaltige Praxiskonzepte von Organisationen und Industrie bereits seit 2013 jährlich mit dem sogenannten Green Leader Award der American Association of Dental Office Management (AADOM) ausgezeichnet. Die Gewinnerpraxis 2021 ist Artisan Dental aus Madison, Wisconsin. Sie arbeitet zu 100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energien, gewährt den Teammitgliedern einen Zuschuss von einem US-Dollar pro Tag zur Nutzung alternativer Transportmittel – für Fahrgemeinschaften, Radfahren, Gehen, öffentliche Verkehrsmittel, Elektrofahrzeuge – und kompensiert als erste klimaneutrale Zahnarztpraxis der USA 100 Prozent der Treibhausgasemissionen, die mit ihrem Betrieb verbunden sind über Emissionsgutschriften aus einem Aufforstungsprogramm im Tal des Mississippi. So werden alle Emissionen aus dem täglichen Betrieb, durch Geschäftsreisen, Pendeln, Büroenergie und die Beschaffung aller Vorräte und Materialien ausgeglichen.

2021 hat die Berliner Werbeagentur White&White diese Idee nach Deutschland geholt und „Die Grüne Praxis“ ausgelobt. 115 Zahnarztpraxen bewarben sich, 37 nahmen letztlich teil, 22 wurden für ihre Nachhaltigkeitskonzepte ausgezeichnet (siehe Kästen).

Duane berät heute als Dental-Public-Health-Experte viele internationale Gremien, vor allem im angelsächsischen Raum. Von dort kommen auch die meisten Leitfäden zum Thema. So veröffentlichte die American Dental Association (ADA) online den Ratgeber „80 Möglichkeiten, um Ihre Zahnarztpraxis grün zu machen“ (https://bit.ly/nachhaltigkeit_ada), der viele Tipps für, die Einsteiger enthält, jedoch keine ausführlichen Erläuterungen bietet.

Die DentalIndustrie bleibt vage

Dentalhandel und -industrie beschäftigen sich seit Jahren mit den Thema Nachhaltigkeit. Am Rande der IDS 2021 trafen sich Vertreter des Verbands der Deutschen Dental-Industrie (VDDI) und des Bundesverbands Dentalhandel (BVD) mit dem neuen Präsidium der Bundeszahnärztekammer. Ergebnis: Alle waren sich einig, die vielen Initiativen zur Verringerung des CO2-Abdrucks in der Zahnmedizin zu unterstützen und zu verstärken.

Schon jetzt unterhalten seine Mitglieder Umweltmanagementsysteme, die Verpackungsmüll „so gut es geht“ vermeiden und Ressourcen sparen helfen sollen, informiert der VDDI. Best-Case-Beispiele will man nicht nennen. Übergeordnete Zahlen zum Energieverbrauch bei der Herstellung zahnmedizinischer Produkte gibt es nicht. Gleiches gilt für die Absatzentwicklung von Einmalprodukten im Vergleich zu wiederverwendbaren Alternativen.

Im Gerätebereich gebe es strenge Vorgaben zur Beschädigungssicherheit von Verpackungen und bei vielen Verbrauchsmaterialien lote man noch aus, ob für teurere, fossilfrei hergestellte „Bio“-Varianten die Nachfrage groß genug sei.

Ein Rechenbeispiel: Wenn in den knapp 100.000 Behandlungszimmern in Deutschland an einem durchschnittlichen Behandlungstag ungefähr 600.000 bis 800.000 Einmal-Speichelzieher verbraucht werden, entstehen bei einem geschätzten Stück-Gewicht von 3 Gramm pro Tag etwa 1,8 bis 2,4 Tonnen Plastikmüll. Zwar gibt es schon heute Alternativen aus Polyethylen auf Zuckerrohrbasis, bei deren Herstellung keine fossilen Rohstoffe wie Öl und Erdgas verwendet werden – allerdings kosten diese ein Vielfaches der konventionellen Varianten.

Das Umweltbundesamt gibt zu bedenken: Während konventionelle fossilbasierte Kunststoffe mehr klimawirksames CO2 freisetzen, äußere sich der ökologische Fußabdruck biobasierter Kunststoffe in einem höheren Potenzial für die Versauerung und Anreicherung von Nährstoffen in Gewässern sowie beim Flächenbedarf. Grund sei die landwirtschaftliche Produktion der Rohstoffe, bei der es zu einer Konkurrenz um Flächen mit der Lebensmittelproduktion kommen könne. In der Biotonne entsorgt werden dürfen biobasierte Kunststoffe laut Umweltbundesamt nur dann, wenn sie als biologisch abbaubar klassifiziert und nach EN 13432 oder EN 14995 zertifiziert sind.


Die British Dental Association (BDA) wiederum verweist auf die Empfehlungen des Centre for Sustainable Healthcare (CSH). Ihr How-to-Guide (https://bit.ly/nachhaltigkeit_csh) ist unter Mitarbeit von Duane entstanden, sehr ausführlich und bietet viel Material zu Anreise, Ausrüstung, Energie, Abfall, Biodiversität, Monitoring und Kommunikation der eigenen Vision von Praxis-Nachhaltigkeit. Das sind die Erkenntnisse:

"Ein Viertel aller Todes- und Krankheitsfälle geht auf Umweltverschmutzung oder -zerstörung zurück. " PD Dr. Daniel Hellmann, Direktor der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung in Karlsruhe im Interview.

Praxisbetreiber sollten ihren Mitarbeitern Anreize bieten, um sie zur umweltschonenden Anreise zu motivieren. Das können Incentives wie ein Schrittzähler, Sportbekleidung oder eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio sein. Außerdem kann man seine Angestellten dazu motivieren, bei Initiativen mitzumachen, die das Pendeln per Rad unterstützen oder Beschäftigten die steuervergünstigte Anschaffung eines Rads oder E-Bikes erlauben. In Deutschland ist am bekanntesten die Aktion „Mit dem Rad zur Arbeit“ der AOK, des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ADFC und dem Dienstleister www.jobrad.org, über die Betriebe ihren Mitarbeitern Dienstfahrräder anbieten können. Als Best-Practice-Beispiele beschreibt CSH die Mobilitätskonzepte des NHS-Krankenhauses Tower Hamlets (https://bit.ly/nachhaltigkeit_Tower) und des King‘s College Hospitals (https://bit.ly/nachhaltigkeit_king) ausführlicher. 

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Weniger Müll!

Neben dem Klassiker unter den Nachhaltigkeitstipps, Zahnärzte sollten Spülbecher aus Glas oder Edelstahl statt Plastik verwenden, rät das CSH zur Durchführung eines praxisinternen Audits, um die größten Plastikmüllquellen auszumachen – und um zu klären, wie viel davon recycelt wird. Nach Angaben des CSH landeten 79 Prozent des in den vergangenen 70 Jahren hergestellten Plastiks auf Mülldeponien.

Zahnärzte sollten darum gegenüber ihren Patienten für plastikfreie Mundhygieneartikel wie beispielsweise Bambuszahnbürsten werben, empfehlen die Umweltschützer, vor allem aber die eigene Beschaffungspolitik überdenken. Hierzu könnten Praxen von Kliniken aus Großbritannien lernen, die ihr Netz an Zulieferern nach Nachhaltigkeitsgesichtspunkten überprüft und umgebaut hatten (https://bit.ly/nachhaltigkeit_ausrüstung). Weiterer Tipp: Praxisverantwortliche sollten sich einen Überblick über die Haltbarkeitsdaten aller Verbrauchsmaterialien anlegen und immer auf dem neuesten Stand halten. 

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iNTERVIEW mit Dr. Dörthe Fischer

„Ressourcenschonung sollte zum festen Bestandteil der Unternehmensführung gehören“

Zahnärztin und Heilpraktikerin Dr. Dörthe Fischer ließ sich nach 13 Jahren in einer Gemeinschaftspraxis 2019 in eigener Praxis im Herzen Würzburgs nieder. Sie arbeitet mit einem fünfköpfigen Team, ihr Angebot reicht von ästhetischer Zahnmedizin bis zu Homöopathie und Naturheilverfahren. Beim Wettbewerb „Die Grüne Praxis“ gehörte sie zu den 22 Preisträgern.

Wie kamen Sie zum Umweltschutz?
Dr. Dörthe Fischer:
2017 habe ich privat mit der Imkerei begonnen. Die Arbeit in und mit der Natur hat meinen Blickwinkel stark beeinflusst. Damals war ich noch in einer Gemeinschaftspraxis tätig und das Praxiskonzept war ein komplett anderes. Zugunsten der Wirtschaftlichkeit wurde bewusst auf Nachhaltigkeit verzichtet. Im Rahmen meiner eigenen Niederlassung habe ich mir daher sehr viele Gedanken zu Green Dentistry gemacht. Häufig kann man bereits mit kleinen Änderungen einen Beitrag leisten: Ein kleiner Schritt für uns, ein großer Schritt für die Umwelt.

Nennen Sie mal ein paar kleine Schritte.
Wir haben Ökostrom. Und bei den Mundspülbechern haben wir auf Edelstahlbecher umgestellt. Diese sind nahezu unbegrenzt lange wiederverwendbar und im Thermodesinfektor hygienisch aufbereitbar. Außerdem gibt es bei uns keine Einmal-Patientenumhänge aus Kunststoff – wir verwenden Baumwolltücher, die in der Waschmaschine mit einem RKI-gelisteten Desinfektionswaschmittel wiederaufbereitet werden.

Wie sahen denn die Rückmeldungen aus? 
Durchweg positiv. Wir hoffen, dass wir noch viele andere Kollegen und Kolleginnen zum Umdenken bewegen können. Die Patienten haben durch die Umstellungen erst bemerkt, was bei jeder zahnärztlichen Behandlung an Abfall anfällt. Meine Mitarbeiterinnen haben mich von Anfang an in meinem Praxiskonzept unterstützt und bringen immer wieder Ideen ein, die zahnärztliche Arbeit nachhaltiger zu gestalten.

Was für Ideen sind das?
Polierpasten ohne Mikroplastik oder Patientenzahnbürsten aus nachwachsenden Rohstoffen wie zum Beispiel Bambus.

Welche monetären Folgen hatten die Maßnahmen?
Langfristig gesehen denke ich, dass sich die Investitionskosten amortisieren, und für die Umwelt haben wir zusätzlich noch etwas getan. Eine Win-win-Situation also. Als Nächstes muss das von uns bisher gelebte QM-System noch mehr auf Nachhaltigkeit ausgerichtet werden: Das heißt, mehr Digitalisierung von Prozessdokumentationen, um Ressourcen zu schonen.

Wo sehen Sie die Herausforderungen?
Die größte Herausforderung wird die Ökonomie der nachhaltigen Zahnmedizin sein. Die langfristigen ökologischen Folgen bei der Wahl für ein Produkt sollten entscheidender sein als der Preis. Ein nachhaltiges Wirtschaften im Hinblick auf die effiziente Gestaltung von Arbeitsprozessen und Ressourcenschonung sollte fester Bestandteil der Unternehmensführung sein, um auch zukunftsfähig zu bleiben.

Was muss als Nächstes passieren?
Die meisten Einwegprodukte wie Handschuhe, Mundschutze, Mundspülbecher und Servietten werden in Fernost hergestellt und haben lange Transportwege. Hier ist die Politik gefragt, um Anreize zu schaffen, damit auch in der Dentalindustrie ein Umdenken stattfindet und der Schwerpunkt der Produktion nach Europa verlegt werden kann.

Welche Bedeutung haben bei dem Umdenken Auszeichnungen?
Wir freuen uns natürlich über die Auszeichnung „Die Grüne Praxis“. Sie bedeutet für uns Dank und zugleich Ansporn, Green Dentistry noch mehr zu leben.

Ökostrom ist einfach

Im Energiebereich ist es effektiv und noch dazu einfach, zu einem Ökostromanbieter zu wechseln – oder wenn machbar eigene dezentrale Energieerzeugungssysteme zu nutzen wie Solarthermie- oder Photovoltaik-Anlagen, eine Hackschnitzelheizung oder Erdwärmepumpe. Außerdem sollten Praxisbetreiber ein modernes Heizmanagement implementieren, die Nutzung von Lüftungs- und Klimaanlagen minimieren und eine möglichst effiziente Nutzung (bei Neubau außerdem Dimensionierung) der Räume und Infrastruktur sicherstellen.

Reduce-Reuse-Recycle

Die strikte Trennung von klinischem und nicht-klinischem Abfall hat ein großes Nachhaltigkeitspotenzial, schreiben die Experten. So hat eine Studie 2016 gezeigt, dass Papier und Nitril den höchsten Anteil am Gesamtabfall einer britischen Zahnarztpraxis ausmachen. Erfolgt keine Trennung, kann dies dazu führen, dass nicht-klinischer Abfall im klinischen Abfallstrom entsorgt wird, was für die Praxis höhere Kosten und für die Gemeinschaft eine potenziell vermeidbare Umweltschädigung bedeuten kann. Auch hier verweisen die Umweltschützer noch einmal auf das interne Audit, das unnötige Müllentstehungen und Verbesserungspotenziale sichtbar machen kann.

„Die Bundeszahnärztekammer arbeitet derzeit daran, viele Ideen zur Verringerung unseres CO²-Abdrucks zu sammeln. Am Ende soll eine Art digitaler Bauchladen voller Empfehlungen stehen, aus dem sich die Praxen bedienen können.“

Konstantin von Laffert,
Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer

Zur Müllvermeidung gehört auch die Anschaffung möglichst wertiger Geräte, die bei regelmäßiger Wartung und gelegentlicher Reparatur eine längere Lebensdauer haben als Billigprodukte. Im Sinne von Reduce-Reuse-Recycle sollten funktionsfähige Geräte zum Beispiel an Hilfsorganisationen gespendet werden.

Nachhaltigkeit muss ins Curriculum

Anfang November 2021 organisierte die Universität Glasgow parallel zur UN-Klimakonferenz eine eigene Konferenz zu „Klimawandel, Orale Gesundheit und Nachhaltigkeit“. Zu den Referenten gehörten Benoît Varenne, Oral-Health-Beauftragter der Weltgesundheitsorganisation, und Prof. Ishane Ben Yahya, Präsidentin des Weltzahnärzteverbands FDI. Für sie ist entscheidend, in Zukunft eine qualitativ hochwertige zahnmedizinische Versorgung bei gleichzeitiger Reduzierung der ökologischen Folgen zu gewährleisten. Dazu sei ein Umdenken aller Akteure, vor allem aber auch eine veränderte Aus- und Fortbildung zum Thema nötig.

Ende November, Anfang Dezember veranstaltete außerdem die weltweit tätige Nichtregierungsorganisation Healthcare Without Harm ihre jährliche Online-Konferenz „CleanMed Europe“ zum ökologischen Fußabdruck im Gesundheitswesen, zur Abfallvermeidung, zur Erhöhung der Recyclingquote von Verbrauchsmaterialien und zur Aufnahme von Nachhaltigkeitsthemen in die Curricula der Medizinberufe.

Wie notwendig das ist, zeigte 2021 eine Studie des Dental-Public-Health-Experten Brett Duane. Die Forschenden überprüften an zwei zahnmedizinischen Fakultäten britische und US-amerikanische Lehrpläne auf Inhalte zu Nachhaltigkeit. Ihr Befund: nicht existent. Trotz mangelnder Kenntnisse hatten Studierende und Lehrpersonal aber eine sehr positive Einstellung zur Aufnahme dieser Inhalte in die Lehrpläne. In der Studie beklagten die Befragten mangelndes eigenes Wissen und einen Mangel an Schulungsmaterialien.

Darüber hinaus liefert das CSH zur Müllvermeidung noch viele Tipps und Links (https://bit.ly/nachhaltigkeit_müll) zu Best-Practice-Beispielen. Generell gilt: Doppelseitige Ausdrucke sind Pflicht – besser noch papierlos; sterile Verpackungen sollten in Plastik und Papier getrennt; Speiseabfälle kompostiert oder an entsprechende Dienstleister weitergegeben werden. Ebenso wichtig für die Umwelt sind die Vermeidung von Medikamentenabfällen und die Reduzierung von Amalgam.

 Mal in der Pause Gärtnern 

Durch die Unterstützung von lokalen Nahrungsmittelproduzenten und – wenn vorhanden – einfachen Maßnahmen im Praxis- oder Privatgarten haben Zahnärztinnen und Zahnärzte die Möglichkeit, die Artenvielfalt zu schützen und zu fördern, lautet eine weitere Botschaft. Wer bei lokalen Produzenten einkauft, reduziert Emissionen, stellt das CSH fest und gibt praktische Tisch für Hobbygärtner: Rasen seltener mähen, insektenfreundliche und heimische Pflanzen anpflanzen und mit Laubhaufen oder Totholzhecken Lebensräume für Insekten und Kleintiere schaffen.

Die Effekte messen

Der Verankerung der praxiseigenen Nachhaltigkeitsstrategie, aber auch der Kommunikation der eigenen Vision kommt eine besondere Bedeutung zu. Denn nur wenn das Team für die Ziele sensibilisiert ist, wird es diese auch unterstützen. Umgekehrt kann das Gespräch mit Angestellten, Patienten und Kollegen einen großen Effekt haben, wenn es zu Verhaltensänderungen führt. CSH empfiehlt darum, die eigene Vision einer nachhaltigen Zahnmedizin nicht nur intern, sondern auch extern offen zu kommunizieren. Konkret bedeutet: Das Thema Nachhaltigkeit sollte Teil der Mitarbeiterausbildung und -unterweisung sein, Team und Patienten sollten über Plakate, Fotos, Broschüren sowie der Praxiswebseite und in den Sozialen Medien über das Nachhaltigkeitskonzept informiert werden.

Dazu sollten die Effekte kontinuierlich gemessen beziehungsweise geschätzt werden. Um die Nachhaltigkeit in der Zahnarztpraxis zu messen, empfehlen sich laut CSH Indikatoren wie der Strom-, Gas- und Wasserverbrauch sowie die Abfallmengen der Praxis – und gegebenenfalls eine kleine Erhebung zum Pendeln der Angestellten, An- und Abreise der Patienten oder zum Urlaubsreisen des Personals.

Wie groß die möglichen Effekte solcher Maßnahmen sein können, zeigte ein Pilotprojekt der zahnmedizinische Abteilung der University of Bristol, Großbritannien, bereits 2015. Diese entwickelte das „Green Impact Audit Tool“ (https://bit.ly/nachhaltigkeit_greenimpacttool) für Zahnarztpraxen und überprüfte damit die Umsetzung nachhaltiger Veränderungen von 42 Einrichtungen, die aus der Ferne von Studierenden auditiert wurden. Ergebnis: Allein durch zwei der Aktionen – doppelseitiges Drucken und Ausschalten unnötiger Beleuchtung – wurden in einem Jahr 11.035 Britische Pfund und 53 Tonnen CO2 eingespart. Zudem gab es hochgerechnete Sekundäreffekte durch sensibilisierte externe Personen, die zu weiteren Einsparungen von schätzungsweise 130 Tonnen CO2 pro Jahr führten.

Neben all diesen Maßnahmen gibt es laut FDI einen nicht zu unterschätzenden Faktor, wenn es um die Verwirklichung einer optimalen, für alle Menschen zugänglichen und erschwinglichen Mundgesundheit mit minimalen Umweltauswirkungen geht: der Fokus auf die Prävention von Munderkrankungen. 

INTERVIEW mit Armin Safavi-nab

„Von der Industrie wünsche ich mir eine Greenline“

1999 übernahm Armin Safavi-nab die Praxis seines Vaters. Ende 2013 bezog er 650 qm2 im ehemaligen Carlswerk in Köln, wo er als Ärztlicher Leiter des MVZ topDentis Cologne mit zwei Zahnärzten und 15 Mitarbeitern praktiziert. Auch sein Betrieb ist eine „Grüne Praxis“.

Worauf sind Sie besoders stolz?
Über eine einfache, aber effektive Maßnahme: LED-Röhren für unsere Deckenbeleuchtung. Das bringt 2.500 Euro Ersparnis an grünem Strom. Bei einer Investition von 2.400 Euro einmalig.

Mit welchen Rückschlägen mussten Sie fertigwerden?
Als wir, um Verpackungsmüll einzusparen, auf Seifengroßgebinde umstellen wollten, mussten wir feststellen, dass ein Nachfüllen aus Hygienegründen nicht erlaubt ist. Schade. Der Versuch, unsere Lieferanten auf Mehrfachverpackungen umzustellen, scheiterte kläglich.

Welche Rolle spielt das Team?
Wir holen unser Team bei allen Maßnahmen mit an Bord und versuchen, für den Umwelt- und Artenschutz zu sensibilisieren. Zum Beispiel durch Patenschaften für bedrohte Tierarten. Das findet großen Anklang, macht Umweltthemen greifbar und motiviert, im Praxisalltag Verbesserungsmöglichkeiten zu erkennen. Auch Patienten bringen ihren Zuspruch oft zum Ausdruck, was uns natürlich freut.

Wie könnten Dentalindustrie und Politik Zahnärzte unterstützen?
Zurzeit muss sich Engagement aus Eigeninitiative entwickeln. Von der Industrie wünsche ich mir eine „Greenline“. Die haben die Erfahrung und die Verbindungen, Produkte zu finden und zu fordern, die ökologisch einwandfrei sind. In einer Produktlinie zusammengestellt würde diese uns Zahnärzten das Leben in 
dieser Hinsicht erleichtern. Selber zu recherchieren ist oft mühevoll und wenn man Produkte findet, bedeutet das noch lange nicht, dass sie in Deutschland lieferbar sind.

Was machen Sie genau?
Im Detail viele kleine Stellschrauben:

  • Vermeidung von Papier. Von Dokumentation und Verwaltung über Kommunikation, Terminmanagement, Abrechnung und Rechnungsversand, Arbeitszeiterfassung bis hin zur Patientenaufklärung, Röntgen, Abformungen/Scans und Bildmaterial sind fast alle Bereiche komplett digitalisiert. Wo immer Druckerzeugnisse nötig sind, drucken wir klimaneutral.
  • Vermeidung von unnötigem Müll, Nachfüll- oder Mehrfachpackungen statt Einweg, Mülltrennung, Verringerung des Einsatzes nicht abbaubarer Materialien, Nutzung recycelbarer Materialien
  • Heizungsanlage mit Energierückgewinnung über Abluft, Ökostrom, Energiesparlampen, energieeffiziente Geräte, effizienter Wasserverbrauch, zentrale Wäscheaufbereitung, Bewegungsschalter in wenig genutzten Räumen, für Mitarbeiter ein Jobticket.
  • Wir pflanzen Bäume. Unser topDentis-Cologne-Wald zählt über 4.000 Bäume und es werden immer mehr. Zudem engagieren wir uns für den Artenschutz, wie für Haie und Meeresschildkröten.

Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung „Grüne Praxis“? 
Wir freuen uns sehr über die Auszeichnung, weil sie uns erneut Gelegenheit gab, unsere langjährigen Maßnahmen durch neue Impulse weiter zu verbessern. Und sie hilft, unser Engagement sichtbar zu machen und leistet dadurch einen Beitrag, um auch andere zu inspirieren, noch mehr zu tun. 

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