Domburger Endotage

Aktuelles aus der Endodontie für den Praktiker

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Heftarchiv Zahnmedizin
Am 21. und 22. Juni fanden unter der wissenschaftlichen Leitung von Professor Dr. Michael A. Baumann, Köln, im niederländischen Domburg die ersten „Domburger Endotage" statt. Ziel dieser Veranstaltung war es, dem praktisch tätigen Zahnarzt aktuelle Forschungsergebnisse zu vermitteln und somit zu einer Qualitätssicherung und Steigerung der Arbeitseffizienz beizutragen.

Die Wurzelkanalbehandlung stellt eine der kompliziertesten und langwierigsten Behandlungsmaßnahmen in der zahnärztlichen Praxis dar. Zudem wird der Aufwand, den eine gut gemachte Wurzelkanalfüllung erfordert, bei Kassenpatienten nicht entsprechend durch die Krankenkassen honoriert, sodass das Gebiet der Endodontie in Deutschland eher als „Orchideenfach“ existiert. Für eine korrekte Wurzelkanalbehandlung ist die richtige Zugangskavität immer noch die wichtigste Voraussetzung. Daher wurden die anatomischen Grundlagen zu Beginn des Workshops kurz aufgefrischt. Professor Baumann demonstrierte den Teilnehmern, wie die Variabilitäten zu erkennen und zusätzliche Wurzelkanäle aufzufinden sind.

Im Anschluss an die theoretischen Grundlagen führten die Teilnehmer praktische Übungen durch. Jeder Arbeitsplatz war mit einem Operationsmikroskop der Firma Zeiss® ausgerüstet. Dabei wurde die Sitzhaltung gegebenenfalls korrigiert und Hilfestellungen bei der Verwendung des Mikroskops gegeben.

Ein weiterer Punkt der theoretischen Betrachtung galt der elektrischen Längenmessung. Dazu wurde ein kurzer Abriss der Entwicklung elektronischer Apexlokalisatoren aufgezeigt.

Bei der Aufarbeitung der theoretischen Grundlagen der Aufbereitung des Wurzelkanals machte der Referent besonders deutlich, dass eine ausreichende Wurzelkanalaufbereitung im apikalen Bereich für den Erfolg der Behandlung entscheidend sei und nach verschiedenen Studien die natürliche apikale Weite bereits #20 bis #40 oder höher sein kann. Dies bedeutet, dass viele Wurzelkanäle nicht ausreichend weit instrumentiert werden und das vielfach praktizierte Drei-Stufen-Konzept (drei Feilengrößen weiter als die initiale Apikalfeile) nur in 20 Prozent der Fälle eine effiziente Aufbereitung ergibt. Ebenso zeigte er auf, wie tief die Aufbereitung im Einzelfall reichen müsse und dass die Schaffung eines apikalen Endpunktes der sicherste Schutz vor dem Überpressen des Wurzelkanalfüllmaterials sei.

Anschließend wurden die maschinellen Aufbereitungssysteme vorgestellt, wobei die bisher üblichen nicht-schneidenden Instrumente, wie ProFile®, Quantec oder Light-Speed, mit ihrer kufenartigen Kontaktzone zur Kanalwand („radial land“) immer mehr Konkurrenz durch die schneidenden Systeme, wie RaCe®, K3®, ProTaper® oder FlexMaster®, erhielten. Als Instrumentensystem wurde das RaCe®-System der Firma FKG Dentaire (La-Chaux-de-Fonds, CH) vorgestellt, welches sich durch einige interessante Neuerungen von allen übrigen Instrumentensystemen abhebt und im praktischen Teil zum Einsatz kam. Eine Besonderheit von RaCe® sind die alternierenden Schneidekanten, die namensgebend waren (Reamer with alternating Cutting edges). Diese neuartige Geometrie soll verhindern, dass sich die Feilen beim Einführen in den Wurzelkanal in die Tiefe ziehen und somit im Wurzelkanal festschrauben. Anhand eines eigenen Videos wurde dies sehr eindrucksvoll dargestellt. Während sich andere schneidende und nicht-schneidende Systeme in den Wurzelkanal hineinschraubten und sogar infolge der Überbelastung frakturierten, kam es beim RaCe®-System nicht zu diesem Effekt.

An extrahierten Zähnen wurde fleißig geübt

Im praktischen Teil zur Wurzelkanalaufbereitung konnten die Teilnehmer unter Verwendung der OP-Mikroskope an Kunststoffblöcken sowie an extrahierten Zähnen die maschinelle Aufbereitung mit dem RaCe®-System üben. Mit dem EndoStepper ® der Firma S.E.T. wurde der derzeit beste drehmomentkontrollierte Motor zur Verfügung gestellt. Dazu wurde Glyde®, ein EDTA-basiertes Gleitmittel angeboten, welches durch die entstehende Schmierwirkung sowohl eine gute Bearbeitung des Wurzelkanals als auch ein geringeres Festklemmen des Instrumentes im Kanallumen bewirkt.

Zum Abschluss des ersten Workshop-Tages wurde die digitale Radiographie genauer betrachtet, welcher nach Einschätzung von Experten die Zukunft gehört, da sie zum einen schnell und ohne den Aufwand der chemischen Filmentwicklung erfolgt, andererseits eine deutliche Reduktion der Strahlenbelastung für den Patienten mit sich bringt. Am Beispiel des Sirona-Systems Sidexis® wurde die Vielfalt der Möglichkeiten für Orthopantomogramme und Einzelzahnfilme aufgezeigt.

Wurzelfüllung – aber wie

Der folgende Tag des Workshops befasste sich mit dem Thema der Wurzelkanalspülung, der medikamentösen Einlage sowie der Wurzelfüllung. Ergänzt wurde dies noch durch die Betrachtung der Möglichkeiten postendodontischer Versorgung wurzelkanalbehandelter Zähne.

Die Lösungen zur Spülung des Wurzelkanals sind zahlreich, doch nur wenige erfüllen die Eigenschaften, einigermaßen gewebeverträglich und gleichzeitig ausreichend bakterizid wirksam zu sein. Dies sind nur Natriumhypochlorit und Chlorhexidindigluconat. Beide Spülungen zeigen ein weitgehend konzentrationsunabhängiges bakterizides Potential, wobei Chlorhexidindigluconat zudem noch fungizide Eigenschaften und einen Residualeffekt zeigt, was den Einsatz bei persistierenden apikalen Läsionen nahelegt.

Zum Thema der medikamentösen Einlagen gibt es, so Baumann, auch hier eine Vielzahl an Möglichkeiten, von Kalziumhydroxid über CHX, einige Cortison- und antibiotikahaltige und formaldehydversetzte Pasten. Es wurden aber lediglich Kalziumhydroxid und Chlorhexidin in verschiedenen Applikationsformen empfohlen. Wattepellets sind als Puffer beim provisorischen Verschluss nach Einlage obsolet, da sie eher einer Bakterienpenetration Vorschub leisten. Als Material für Provisorien ist Glasionomerzement beziehungsweise Komposit der Vorzug zu geben. Bei Zeitnot ist Cavit in einer Mindestschichtstärke von fünf Millimetern akzeptabel.

Bezüglich der Frage nach dem Wurzelkanalfüllstoff gilt nach Baumann Guttapercha als Standardfüllmaterial und wird in verschiedenen Formen in den Wurzelkanal appliziert. Die Warmfülltechniken sind in Deutschland, wohl nicht zuletzt wegen des teilweise hohen Kostenaufwandes zur Anschaffung der Gerätschaften, noch nicht weit verbreitet. Die Thermafil®-Methode (Dentsply Maillefer) ist einerseits recht schnell und ergibt bei richtiger Anwendung nur selten ein Überstopfen des Wurzelfüllmaterials, wie dies bei manchen anderen Warmfülltechniken der Fall ist. Neuartige, zuvor gammasterilisierte Guttaperchastifte (Müller Dental, Lindlar) in einer Desinfektionslösung sind sofort gebrauchsfertig.

Die Frage nach dem richtigen Sealer

Bezüglich des Sealers gilt: Neben den traditionellen Calciumhydroxid- und Zinkoxideugenolpräparaten, welche durch ihre hohe Löslichkeit weniger zu empfehlen seien, kommen heute besonders Kunstharzpräparate, wie AH26 beziehungsweise der Nachfolger AH Plus® (identisch mit TopSeal), zur Anwendung. Ebenso sind silikonbasierte Sealer, wie RoekoSeal® Automix, geeignet und zeigten in Untersuchungen sehr gute Resultate.

Im praktischen Teil wurden die aufbereiteten Kunststoffblöcke und natürlichen Zähne im Warmfüllverfahren mittels Thermafil® obturiert. Dabei empfahl der Referent, der diese Technik schon seit Jahren erfolgreich einsetzt, nach der Obturation den Thermafil ®-Stift noch eine Zeit lang zu fixieren, damit durch den Fingerdruck die Schrumpfung von ein bis zwei Prozent noch kompensiert werden kann. Neben der Thermafil ®-Technik konnten interessierte Workshop-Teilnehmer zudem mit der Hybridtechnik (Obtura II® und System B) Erfahrungen sammeln.

Mittels maschineller Feilen, wie dem RaCe®-System, lassen sich auch Wurzelfüllungen bequem und zügig wieder revidieren. Auch dies wurde mittels des Endosteppers®, der hierzu ein spezielles Programm besitzt, von den Teilnehmern des Workshop ausprobiert und bestätigte die sichere Handhabung.

Was kommt danach

Der letzte Themenbereich war die postendodontische Versorgung, wobei ein adhäsiver Verschluss und nach kurzer Zeit daran anschließend die adhäsive Weiterversorgung in Form eines Inlays/Onlays oder eines Stumpfaufbaus sowie die Anfertigung einer Krone die optimale Versorgung darstellt. Falls ein Stiftaufbau, etwa im Frontzahnbereich, geplant sei, so sollte dies eher mit Glasfaser- oder Zirkonoxidkeramikstiften erfolgen.

Zum Abschluss des Workshops fand eine Diskussion und ein Erfahrungsaustausch statt. Dabei äußerten sich alle Teilnehmer einhellig sehr positiv über den Workshop. Dies lag nach Meinung vieler Kursteilnehmer an der Tatsache, dass Prof. Baumann praxisnahe Hinweise gab und diese wissenschaftlich untermauerte. Daraus entwickelten sich zahlreiche Informations- und Diskussionsmöglichkeiten, wobei keine Frage unbeantwortet blieb.

Insgesamt war dieser Workshop eine Möglichkeit, Informationen und Erfahrungen zu sammeln und auszutauschen. Diesem Ziel soll auch die kürzlich gegründete Deutsche Gesellschaft für Endodontie e.V. dienen.

Dr. med. dent. Hubert Roggendorf

Klinik für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten

der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität

Bonn, Abteilung für Zahnärztliche Propädeutik

und Exp. Zahnheilkunde

Welschnonnenstraße 17, 53111 Bonn

E-Mail:

hubert.roggendorf@uni-bonn.de

Dr. med. dent. Matthias Roggendorf

Kieferklinik Erlangen,

Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie

der Friedrich-Alexander-Universität

Erlangen-Nürnberg

Glückstraße 11, 91054 Erlangen

E-Mail:

mrogge@dent.uni-erlangen.de

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