Thüringer Fortbildung „Häusliche Gewalt in der Familie“

Früh erkennen, richtig handeln

Häusliche Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist ein wichtiges, doch gesellschaftlich nach wie vor prekäres Thema. Thüringens Zahnärzteschaft hat anlässlich des 1. Akademietages der Fortbildungsakademie „Adolph Witzel“ der Landeszahnärztekammer Thüringen am 6. Juni 2009 im Rahmen einer Fachtagung dieses Thema ausführlich beleuchtet.

Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf eine gesunde geistige, körperliche und psychische Entwicklung. Sie sind körperlicher und seelischer Vernachlässigung, Misshandlung, Missbrauch und Gewalt jedoch oftmals wehrlos ausgeliefert. Es gibt kaum einen Bereich des gesellschaftlichen Lebens, der so sensibel ist, wie der Schutz von Kindern vor seelischer und körperlicher Misshandlung durch die eigene Familie. Staat und Gesellschaft sind daher gemeinsam gefordert, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um größtmöglichen Kinderschutz zu gewährleisten.

„Gewalt gegen Frauen und Misshandlungen von Kindern sind kriminelles Unrecht, welches täglich in unserer Gesellschaft passiert. Auch wir Zahnmediziner werden im Laufe unserer Tätigkeit mit häuslicher Gewalt an Frauen und Kindern konfrontiert“, eröffnete Kammerpräsident Dr. Andreas Wagner die interdisziplinär besetzte Fachtagung, an der etwa 75 Zahnärzte aus dem gesamten Freistaat teilnahmen.

Der Staatssekretär im Thüringer Sozialministerium Dr. Falk Oesterheld – er sprach für die Schirmherrin des 1. Akademietages, Sozialministerin Christine Lieberknecht, das Grußwort – machte deutlich, dass tägliche Gewalt in der Familie, die sich in erster Linie gegen Frauen und Kinder richtet, ein tiefgreifendes Problem der Gesellschaft ist. Ein Problemfeld, dem sich auch die Landesregierung intensiv widmet: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, das zeigten auch die erschreckenden Statistiken, auf die Oesterheld nicht nur in seinem Grußwort, sondern auch in der regen Diskussion verwies.

Dr. Juliane Höfig, Rechtsmedizinerin aus Jena, knüpfte in ihrem Vortrag nahtlos an die nüchternen Zahlen an und untermalte diese mit aufwühlenden Bildern aus der beruflichen Praxis. Dabei verlor sie jedoch zu keiner Zeit das Ziel ihres Vortrags aus den Augen, nämlich das Fachpublikum zu sensibilisieren und über Verletzungsmuster aufzuklären.

Die große Bedeutung, die die Landesregierung dem Thema beimisst, wurde auch durch den Vortrag von Justizministerin Marion Walsmann deutlich. Sie verwies auf die große Bedeutung interdisziplinärer Zusammenarbeit, auf die Schaffung von Netzwerken wie Anlaufstellen und erläuterte schwierige Fragestellungen im Spannungsfeld zwischen Kinder- und Jugendschutz auf der einen und ärztlicher Schweigepflicht auf der anderen Seite. Sie konnte dabei auch auf ihre umfangreiche Erfahrung aus ihrer Tätigkeit im „Weissen Ring“ zurückgreifen.

Baustein Beratung

Einen weiteren zahnmedizinisch-fachlichen Höhepunkt bildete der Vortrag von Dr. Curt Goho: Das Gesicht ist, so haben Studien gezeigt, bei Kindesmisshandlungen zu 70 Prozent betroffen. Vor allem orale Verletzungen würden dabei jedoch noch häufig übersehen. Um diesem Defizit zu begegnen und über das sichere Erkennen derartiger Verletzungen Kinder und Jugendliche vor weiterer Gewalt zu bewahren, zeigte Goho anhand tatsächlicher Fälle die schwierige Grenze zwischen Unfall- und Gewaltverletzungen auf.

Wichtige Bausteine im Netzwerk zur Verhinderung von Gewalt in der Familie sind die Beratungsstellen. Deren bedeutsame Arbeit schilderten Brigitta Wurschi, Evangelische Stadtmission Erfurt, anhand von Beispielen aus der Beratungsstelle der Caritas in Suhl und Birgit Löwe, Erziehungs- und Familienberaterin, anhand von Berichten aus der Arbeit der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt in Erfurt.

Das ebenfalls sehr komplexe und für juristische Laien häufig wenig nachvollziehbare Strafverfahren gerade auch mit Blick auf die oftmals schwierige Beweislage erläuterte die Erfurter Staatsanwältin Sabine Neumann.

Als Fazit bleibt: Häusliche Gewalt gegen Kinder wird sich nie gänzlich verhindern lassen. Das Schaffen von umfassenden Netzwerken, die Sensibilisierung der Gesellschaft und insbesondere von Personen, die aufgrund ihrer Fachlichkeit zu einem frühen Zeitpunkt Kontakt mit Gewaltopfern erlangen, und die Schulung zur Befähigung der sicheren und zutreffenden Diagnose „Verletzung aufgrund von Gewalteinwirkung“ müssen weiter vorangetrieben werden. Die Zahnärzte in Thüringen sind auf einem guten Weg.

Dr. Gottfried WolfRimbachstr. 17, 98527 Suhl

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