Mit dem Dentalmuseum durch 2025 – Teil 15

„Wollen Sie die Kiste mit dem Polen-Feldzug sehen?“

mb
Eine Armee an Exponaten lagert im Dentalmuseum – unaufbereitet und unkatalogisiert – noch in irgendwelchen Ecken in irgendeinem Raum in einem der vier Gebäude, umhüllt von einer Patina der Geschichte. Doch Museumsleiter Andreas Haesler weist den Weg. Ein wenig ehrfürchtig sieht man zu, wie er den noch nicht gehobenen Schatz hervorkramt und die Kiste öffnet …

Mit dem Erscheinen dieser Ausgabe (am 1. September 2025) ist es exakt 86 Jahre her, dass „seit 5.45 Uhr … zurückgeschossen“ wird. Der Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs hatte begonnen. Der deutsche Weg an die Front war dabei systematisch vorbereitet, gezielte jahrelange Aufrüstung samt eingeschädelter Ideologie. Kriegstüchtige Herrenmenschen greifen nach Lebensraum im Osten. So gerafft, so bekannt.

Alles scheint im Vorfeld generalstabsmäßig derart durchorganisiert gewesen zu sein, dass man vorbereitet war, mit Beginn des Krieges die verwundeten deutschen Soldaten systematisch zu erfassen. Patientenakte, klinische Bilder, Röntgenaufnahmen, Therapiemaßnahmen. Krankenblatt um Krankenblatt, alle datiert auf die ersten Septembertage, zieht Haesler aus der Kiste.

Darunter die Akte des hier abgebildeten, jungen Soldaten mit dem Einschussloch in der Wange – „vermutlich ein Durchschuss, bei dem die Kugel aus dem Mund wieder ausgetreten ist, weil sie röntgenologisch nicht zu orten ist“, sagt Haesler. Sukzessive dechiffriert man die Sütterlinschrift: „Krankheitsbezeichnung: Zertrümmerungsfraktur“, dann das Zugangsdatum „6.9.1939“.

Wie kamen die Kisten nach ­Zschadraß?

Es war – wie so oft – ein Anruf, dieses Mal aus Halle im Jahr 2021. „Herr Haesler, jetzt schmeißen sie es weg!“ Aufgrund der Auflösung der Sammlung des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg musste auch der universitäre Nachlass von Prof. Erwin Reichenbach (1897–1973) neu geregelt werden.

Womit wir bei einem der schillerndsten und bedeutendsten Zahnmediziner und Kieferchirurgen des vergangenen Jahrhunderts gelandet sind. Jener Reichenbach leistete im Zweiten Weltkrieg Kriegsdienst als Oberfeldarzt der Reserve. Auf der Website „catalogus professorum halensis“ steht ergänzend: „In dieser Zeit befasste er sich vor allem mit wiederherstellender plastischer Gesichtschirurgie.“ – was sich etwa in seinen Veröffentlichungen „Erste kieferchirurgische Erfahrungen aus dem Feldzug gegen Polen“ (1940) und „Ergebnisse frontnaher Wiederherstellungschirurgie bei Gesichtsverletzungen. Ergebnisse aus dem Einsatz an der Ostfront I“ (1942) widerspiegelt.

Ausstellen oder einlagern?

Hier könnte dieser Text zu Ende sein. Aber wenn Haesler im Dentalmuseum ein Reichenbach-Kabinett einrichten will, kommt er um mehr Biografie nicht herum. Dann muss er die komplette Vita des „doppelten Genossen“ (Enno Schwanke)erzählen – mit allen für die Zeit typischen Brüchen, Konflikten und Zwangslagen. Diese Aufgabe hat der Aachener Professor für Medizin­ethik und Medizingeschichte Dominik Groß so umrissen: Reichenbach gehört „zu den wenigen Fachvertretern, die sowohl im ‚Dritten Reich‘ als auch in der DDR eine ordentliche Professur erlangten. Überdies war er langjähriger Vizepräsident der Leopoldina – und damit ein exponierter Repräsentant der ostdeutschen Gelehrtengesellschaft. Doch während Reichenbachs Bedeutung als Wissenschaftler unbestritten ist, wird sein Verhältnis zum Nationalsozialismus, aber auch seine politische Rolle in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) höchst uneinheitlich beurteilt“.

Das ist die Herausforderung.

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