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Interview mit der Zahnärztin und Yogalehrerin Johanna Lemcke

„Die Arbeit am Behandlungsstuhl erfordert dringend einen körperlichen Ausgleich“

Die Hamburger Zahnärztin Johanna Lemcke hat selbst erlebt, welche körperlichen Auswirkungen Stress und Fehlhaltung am Stuhl haben können. Als zusätzlich ausgebildete Yogalehrerin und Heilpraktikerin weiß sie, was gegen Rückenschmerzen, Verspannungen und Stress hilft. Hier erzählt sie auch, wie Praxisinhaberinnen und -inhaber ein betriebliches Gesundheitsmanagement einfach und niedrigschwellig in ihrer Praxis etablieren können.

Frau Lemcke, Sie bieten seit 2012 für die Zahnärztekammer Hamburg eintägige Yogakurse an. Der Titel Ihrer nächsten Veranstaltung lautet „Ein Weg zum eigenen Ausgleich und zur entspannten Behandlungssituation.“ Klingt, als ginge es nur am Rande um körperliche Effekte.

Johanna Lemcke: Das Wort Yoga bedeutet „Verbindung“ – zum Beispiel zwischen Körper, Geist und Seele. Yoga ist eine ganzheitliche Übungsmethode, die zu mehr Gesundheit, Beweglichkeit, Ruhe und Ausgeglichenheit führen kann. Ein sanfter Weg zu mehr Fitness und einem besseren Körpergefühl, der einen anderen Ansatz verfolgt, als wir ihn aus Sportprogrammen kennen, und ohne Leistungsdruck. Nach einiger Übungspraxis wächst die Bewusstheit für die körperlichen und geistigen Bedürfnisse – es entsteht die Möglichkeit, rechtzeitig Verspannungen entgegenzusteuern und Stresssituationen im (Behandlungs-)Alltag zu mildern und die eigene Propriozeption weiter zu entwickeln.

Dies geschieht durch Körperübungen, die zum Beispiel am Stützapparat arbeiten, also an den Muskeln, Sehnen, Bändern und Faszien – gleichzeitig auch an den Drüsensystemen, den Organen und der Psyche. Einen wesentlichen Anteil an der Wirkung hat auch die Atmung. Der Wechsel zwischen Entspannung und Aktivität löst Verspannungen, der Atem als verbindendes Element kombiniert alle Systeme.

Gerade für Zahnärztinnen und Zahnärzte, die in ihrem Beruf stark gefordert sind und sich in permanenter körperlicher Nähe zu anderen Menschen – und somit in deren Energiefeld – befinden, ist es wichtig, achtsam in der Behandlung zu agieren und eine gute Arzt-Patienten-Beziehung aktiv zu gestalten. Indem ich lerne, mich selbst als Mensch und Behandelnde oder Behandelnder bewusster wahrzunehmen, meine Haltung und meine Atmung zu spüren, mich immer mehr zu zentrieren, nehme ich auch den Patienten auf einer anderen Ebene wahr.

Ich kann empathischer und neutraler agieren und reagieren, wodurch sich selbst fordernde Behandlungssituationen für alle Seiten – auch für die Assistenz – entspannter gestalten lassen. Den Spaß an der Arbeit nicht verlieren, sich regenerieren mit kleinen, einfachen Maßnahmen und Übungen sowie Mikropausen einbauen, um nach ­Feierabend nicht völlig erschöpft zu sein.

Mein Kurs ist ein „Hands-on-Kurs“ ist ein Schnupperkurs, um Yoga durch das eigene praktische Tun auszuprobieren – denn nur so können wir die Wirkung des Yogas erfahren.

Wie sind Sie selbst zum Yoga gekommen? Und wie sieht heute Ihre persönliche ­Yogapraxis aus?

Ich bin zum Yoga letztlich durch den eigenen Leidensdruck gekommen – durch die in unserem Beruf so weit verbreiteten Rückenschmerzen. Auch, um mir einen Ausgleich zu schaffen und abzuschalten. Schon während des Staatsexamens haben mir meine Yogaübungen geholfen, ruhiger durch die Prüfungen zu gehen. Heute bin ich ­eigentlich jeden Tag „auf der Matte“, je nach Tagesprogramm mal kürzer, mal länger. Durch die langen Berufsjahre am Behandlungsstuhl bleibt ein gewisser struktureller Verschleiß sicherlich nicht aus, aber um möglichst lange ­beweglich zu bleiben, ist eine regelmäßige Übungspraxis notwendig.

Welche Effekte bemerken Sie in Ihrem ­Behandlungsalltag?

In meinem Behandlungsalltag versuche ich, eine möglichst neutrale Haltung einzunehmen, innerlich wie äußerlich. Professionalität und Gelassenheit auszustrahlen. Bin ich ruhig im Moment und habe eine zentrierte Basis in mir, so überträgt sich das auf den Patienten. Besonders bei Kindern und sehr ängstlichen oder sehr fordernden Klienten gelingen der Zugang und der Kommunikationsaufbau ­besser aus der Sicherheit von innen heraus. Durch eine positive, empathische Grundeinstellung und bewusstes ­„Pacing“ – eine einfache Technik aus der Hypnose – entwickelt sich das gesamte Behandlungsgeschehen angenehmer, und Vertrauen wird aufgebaut. Mit eingesetzten Techniken, wie zum Beispiel angeleiteten, kleinen Atemübungen oder der Wahrnehmung von weit entfernten Körperteilen, führe ich den Patienten in den Behandlungsablauf, ähnlich wie im Yogaunterricht.

Sie haben erwähnt, dass Sie Ihr Angebot bewusst als Kurs konzipiert haben, in dem auch die Möglichkeiten anderer konventioneller Bewegungs- und Rückentrainings vermittelt werden. Wie kam es dazu?

Schnupperkurs deshalb, weil ich die Hemmschwelle, sich an Yoga heranzutrauen, möglichst gering halten will – das impliziert Einfachheit. Und Yoga ist geeignet für jede und jeden, egal ­welche körperlichen Voraussetzungen und „sportlichen“ Vorerfahrungen vorhanden sind. Die Arbeit am Behandlungsstuhl erfordert einen körperlichen Ausgleich, einseitige Haltung und stereotype Handgriffe fordern den Halte- und Stützapparat extrem.

Auch das Nervensystem ist durch die Nähe zu anderen Menschen mehr gefordert als zum Beispiel eine Arbeit am Schreibtisch. Als ich mit meinen Kursen 2010 begann, war die Vorstellung von Yoga noch eher vom sich verknotenden, überaus flexiblen indischen Yogi geprägt – heute eher das in eng anliegenden Lifestyleklamotten gewandete It-Girl, das Influenzend leichtfüßig über die Bildschirme turnt … Das motiviert den normalen Durchschnittsmenschen wenig, und es gibt immer genug Gründe, Wichtigeres zuerst zu erledigen, anstatt sich um sich selbst zu kümmern.

Meine Ausbildungen basieren zum größten Teil auf dem Kundalini-Yoga (etwa mit „Yoga der Energie“ zu übersetzen), das weniger bekannt ist als das Hatha-Yoga mit seinen vielfältigen Erscheinungsformen. Zwischen Hatha- und Kundalini-Yoga gibt es aber viele Überschneidungen. Ich versuche, im Kurs den Teilnehmenden eine Art Erfahrungsüberblick zu geben und sie zu motivieren, für sich ein „Zuhause“ im Yoga zu finden oder die Scheu zu überwinden, sich regelmäßig für eine für sie geeignete Praxis zu öffnen. Dabei schaue ich natürlich auch nach links und rechts, haben doch andere Bewegungstechniken viel zu bieten oder ­basieren gar auf Yogatechniken. Wie heißt es doch so schön: Wer heilt, hat recht. Also findet auch die eine oder andere, zum Beispiel aus dem Pilates oder Qigong bekannte Übung, ihren Eingang in meinen Kurs; Feldenkreis, Liebscher-Bracht … Was mir gut tut, kann den Kolleginnen und Kollegen auch nicht schaden.

Mit welchen Anforderungen kommen Teilnehmende in Ihre Kurse? Und wie haben sich deren Bedürfnisse in den letzten Jahren verändert?

Es wird nach Entspannung gesucht, mal weniger zu „müssen“ als „ausprobieren zu dürfen“. Dies ist ein Kurs, um vielleicht erste Erfahrungen zu machen im Yoga – es gibt aber durchaus auch Teilnehmer, die wieder kommen. Interessant ist, dass in den vergangenen Jahren zunehmend, manchmal mehr als 50 Prozent männliche Kollegen sind. Wir machen keinen Sport, aber bewegen uns dennoch gezielt. Ohne Konkurrenz oder Leistungsdruck arbeitet jeder für sich allein auf der Matte. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind heute weniger von Neugier angetrieben, Yoga ist ja schon längst im Mainstream angekommen. Vielmehr suchen sie nach Möglichkeiten der Entspannung und einem Ausgleich zum hektischen Leben. Es werden Techniken und Übungen vermittelt, die bei regelmäßiger Übung diesem Anspruch gerecht werden können. Und auch, wenn die Regelmäßigkeit im eigenen Alltag nicht umgesetzt werden kann, bleibt doch die Erfahrung eines wohltuenden Workshops und bei Bedarf ein Hand-out zum Nachschlagen.

Was raten Sie Praxischefs und -Chefinnen, die ein niedrigschwelliges Angebot zur Vorbeugung von Haltungsschäden und zum besseren Stressmanagement im Team einführen wollen?

Ganz weit vorne steht hier: Vorbild sein, Bewusstheit für Arbeitsabläufe und wiederkehrende unangenehme Situationen in Bezug auf Stress entwickeln, Hinweise geben auf Haltungen am Stuhl, wechselnde Arbeitshaltungen sowie Sitzpositionen ermöglichen. Immer wieder die eigene Position überprüfen. Mikropausen einlegen. Das erfordert, inneres Gewahrsein und ­Augenmerk auf die eigene Propriozeption zu legen.

Einfache Übungen aus dem Kurs können gern weitergegeben werden für die Lockerung zwischendurch oder man ermöglicht den Mitarbeiterinnen eine eigene Kursteilnahme. Das Wichtige ist dranbleiben! Wie alles im Leben bedarf es einer regelmäßigen Wiederholung, um Prozesse zu implementieren und zu verinnerlichen – und das am besten mit Spaß und Freude.

Das Gespräch führte Marius Gießmann.

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