Die Politik muss die Lebensmittelindustrie zum Umdenken bewegen
Dass die menschliche Gesundheit in einem nicht unerheblichen Maß auch mit der Ernährung zusammenhängt, dürfte inzwischen allgemein Konsens sein. Die Mundgesundheit ist durch das, was wir und aber natürlich auch unsere Patientinnen und Patienten tagtäglich zu sich nehmen, besonders betroffen. Die deutschen Zahnärztinnen und Zahnärzte haben es geschafft, durch intensive Prävention die Mundgesundheit der Deutschen an die Weltspitze zu befördern. Hinsichtlich Ernährung sind unseren Bemühungen allerdings Grenzen gesetzt. Hier ist eben auch die Politik gefragt, mit verhaltenspräventiven Maßnahmen zu steuern.
Denn – um es klar zu sagen – der Konsum von Zucker, Alkohol und anderen ungesunden Lebensmitteln ist hierzulande deutlich zu hoch. So werden in Deutschland pro Kopf jährlich etwa 35 Kilogramm Zucker verzehrt, das sind 95 Gramm am Tag. Das ist mehr als doppelt so viel wie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen. Neben allgemeinmedizinischen Risiken wie Übergewicht und Diabetes ist in der Zahnmedizin vor allem Karies ein Problem der zuckerreichen Ernährung. Selbst Kleinkinder sind schon betroffen. Besonders bedenklich ist, dass viele Kinderprodukte zu stark gesüßt sind – oft mit versteckten Zuckerarten.
Als Lösungsansatz schlägt die Bundeszahnärztekammer ein Bündel struktureller Maßnahmen vor, dazu gehören
die Einführung einer verpflichtenden (und verständlichen) Lebensmittelkennzeichnung,
eine deutliche Zuckerreduzierung in Lebensmitteln für (Klein-)Kinder, inklusive einer klaren Kennzeichnung des Zuckers,
die Beschränkung von Werbung für stark zuckerhaltige Lebensmittel
und die Einführung von Herstellerabgaben für stark zucker- und/oder säurehaltige Softdrinks.
Während einige Hersteller an überzuckerten Snacks und Getränken besonders gut verdienen, zahlt die Allgemeinheit die Schäden. Eine zweckgebundene Abgabe der Hersteller auf eine überhöhte Zuckermenge könnte zu einer besseren Gesundheit und einer nachhaltigen Entlastung von Gesundheitssystem und Sozialwesen beitragen. Die Erfahrungen anderer Länder zeigen, dass solche Herstellerabgaben die Rezepturen wirksam zuckerärmer machten. Die Einnahmen sollten natürlich in die Prävention fließen. Eine kluge Ernährungs- und Präventionspolitik kann somit beidem begegnen: Sie schützt insbesondere Kinder und Jugendliche und entlastet zugleich das Gesundheitssystem.
Nachdem die britische Regierung 2018 eine Abgabe für Softdrinks eingeführt hatte, die die Hersteller entrichten müssen, wenn ihre Getränke steuerpflichtige Grenzwerte überschreiten, sank der Zuckergehalt dramatisch. Einige Softdrinks enthalten heute nur noch etwa die Hälfte des Zuckers im Vergleich zu Deutschland. Eine Studie der TU München belegte im Jahr 2024, dass die Getränkeindustrie in Deutschland dagegen ihren ohnehin wenig ambitionierten Zielen bei der Zuckerreduktion meilenweit hinterherhinkt. Zwischen 2015 und 2021 reduzierte sich der durchschnittliche Zuckergehalt in Erfrischungsgetränken lediglich um zwei Prozent, während in Großbritannien im gleichen Zeitraum durch die Abgabe eine Reduktion um 29 Prozent erfolgt ist.
Mitte Januar hat sich auch die WHO für höhere Steuern auf alkohol- und zuckerhaltige Getränke ausgesprochen. Eine niedrige Besteuerung sorge dafür, dass schädliche Produkte billig blieben, teilte die WHO mit. Immer mehr Gesundheitssysteme gerieten aber unter finanziellen Druck durch vermeidbare, durch Zucker und Alkohol verursachte Erkrankungen und Verletzungen.
Es hat sich klar gezeigt, dass sich die Lebensmittelindustrie allein mit Appellen nicht dazu bewegen lässt, ihre Produkte zu ändern. Hinzu kommt eine starke Lobby, die inzwischen auch öffentlich mobil macht und vor vermeintlichen Verboten und erhöhten Verbraucherpreisen warnt. Aber es kann nicht sein, dass die Gesundheit der Bevölkerung für den Profit der Lebensmittel- und Agrarindustrie geopfert wird. Deshalb werden wir als Bundeszahnärztekammer auch weiter auf politischer Ebene dafür kämpfen, dass die Lebensmittelindustrie endlich durch entsprechende Maßnahmen zum Umdenken gezwungen wird. Natürlich ist Zuckerreduktion nur ein Baustein hin zu einem besseren Ernährungs- und Konsumverhalten. Aber wir müssen da anfangen, wo wir schnell Wirkung erzielen können.
Dr. Romy Ermler
Präsidentin der Bundeszahnärztekammer



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