Hausarztmodell senkt ungesteuerte Facharztbesuche um 50 Prozent
Seit 2011 prüfen die Goethe-Universität Frankfurt und das Universitätsklinikum Heidelberg alle zwei Jahre die Effekte der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) in Baden-Württemberg. Auch die neueste Evaluation zeigt erkennbare Vorteile dieses Modells im Vergleich zur Regelversorgung, meldet die AOK BW: So verzeichnete das Modell 2022 zwar etwa 3,1 Millionen Hausarztkontakte mehr, aber eben auch 1,36 Millionen unkoordinierte Facharztbesuche ohne Überweisung weniger.
Rund 5.900 Ärztinnen und -Ärzte betreuen im Ländle mehr als zwei Millionen freiwillig eingeschriebene AOK-Versicherte im Primärarztsystem. 2022 konnten der AOK BW zufolge allein bei den 110.200 Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz im Vergleich zur Regelversorgung gut 3.500 stationäre Notaufnahmen, 16.900 Rettungsdiensteinsätze und 3.200 Behandlungen im ambulanten Bereitschaftsdienst vermieden werden. Darüber hinaus wurden von 2011 bis 2022 bei 119.000 Diabetikern mehr als 9.200 schwerwiegende Komplikationen umgangen, ebenso 700 Amputationen sowie 4.800 Herzinfarkte und Schlaganfälle.
Besser versorgt bei geringeren Kosten?
Außerdem wurden 2022 circa 24.000 mehr Influenza-Impfungen durchgeführt und rund 7.500 weniger Verordnungen potenziell ungeeigneter Medikamente an ältere Menschen ab 65 Jahren abgegeben. „Diese bessere Versorgungsqualität wird seit Jahren bei geringeren Kosten erreicht“, bilanziert die Krankenkasse.
Die Professoren Attila Altiner aus Heidelberg und Ferdinand Gerlach aus Frankfurt am Main führen diese Effekte auf die intensivere hausärztliche Betreuung im Rahmen des Hausarztmodells zurück. Potenziell schwerwiegende Verläufe würden frühzeitig erkannt und bei Bedarf rasch zur fachärztlichen Abklärung weitergeleitet. Die große Diskrepanz bei der Nutzung von Notfallstrukturen unterstreiche die Wirksamkeit einer effektiven hausärztlichen Steuerung.
„Patientinnen und Patienten und ihre Hausärztinnen und Hausärzte arbeiten – im Vergleich zur Regelversorgung – enger zusammen. Gemeinsam werden Ziele vereinbart und kontrolliert.“
Prof. Dr. Attila Altiner, Ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg
Besonders ältere und chronisch kranke Menschen, die über 60 Prozent der Teilnehmenden ausmachen, profitieren demnach messbar vom Primärarztmodell. Während der Pandemie wurden sie der Studie zufolge weiterhin engmaschig von ihren Hausärzten betreut, wohingegen Patienten der Regelversorgung aufgrund von Kontaktbeschränkungen und der Sorge vor Ansteckung die notwendige ärztliche Hilfe oft nur zögerlich in Anspruch genommen hätten.
Ein Modell ohne Sanktionen oder Regresse
Altiner spricht sich angesichts der Studienergebnisse ganz entschieden für den Ausbau des Primärarztmodells in Deutschland aus: „In der HZV steht die Versorgungsqualität vor der Versorgungsquantität." Es gebe kaum eine Maßnahme im Gesundheitswesen, die so klar den Nachweis erbringe, dass das Primärarztsystem kontinuierlich wirkt und noch dazu krisenresistent ist. Ein weiterer Vorteil des Modells sei auch, dass es die Versorgung langfristig verbessere, ohne mit Sanktionen oder Regressen in Verbindung zu stehen.
Die HZV steht den Studienautoren zufolge vor der Herausforderung, eine Versorgung zu gewährleisten, die sowohl qualitativ hochwertig als auch wirtschaftlich ist. Diese beiden Zielsetzungen stünden häufig in einem Spannungsverhältnis zueinander. Vor diesem Hintergrund stelle sich die Frage, ob gezielte Mehrinvestitionen im hausärztlichen Versorgungssektor mittel- bis langfristig zu einer Reduktion der Gesamtausgaben eines Versichertenkollektivs führen können.
Bei der Einführung der HZV habe man vorrangig in die Verwaltung der Krankenkasse und in zusätzliche EDV investiert. Zudem mussten Hausärzte und Patienten von der Teilnahme überzeugt werden, dazu die Fachärzte, die ins Programm eingebunden wurden – Kardiologen, Orthopädinnen und Urologen. Vereint habe alle das Interesse, dass weniger Patientinnen und Patienten in ihre Wartezimmer strömen und dort die Termine für Erkrankte blockieren, obwohl sie beim Hausarzt besser versorgt wären.
Erfolgsfaktor ist die Patientensteuerung
Laut AOK BW lagen die Mehrausgaben im primärärztlichen Sektor 2021 für HZV-Versicherte bei 50,9 Prozent. Bei den Gesamtausgaben über alle Versorgungsbereiche ergaben sich jedoch für HZV-Versicherte 4,3 Prozent niedrigere Ausgaben im Vergleich zur Kontrollgruppe der Nicht-HZV-Versicherten. Dieser Unterschied sei vor allem auf geringere Kosten im stationären Bereich sowie bei den Arzneimitteln zurückzuführen – beides die Kostentreiber im Gesundheitswesen.
„Unsere Haus- und Facharztverträge sind und bleiben eindeutig die bessere Alternative zur Regelversorgung. Der entscheidende Erfolgsfaktor ist nach wie vor die Steuerung der Patientenversorgung“, bilanziert Dr. Norbert Smetak, Vorstandsvorsitzender von MEDI Baden-Württemberg und MEDI GENO Deutschland.
„Eine Steuerung bietet Stabilität, Orientierung und Übersicht“
Eine konsequent gesteuerte Primärversorgung ist der Schlüssel für ein modernes, leistungsfähiges und patientennahes Gesundheitssystem. Sie sorgt dafür, dass Menschen verlässlich orientiert, medizinisch sinnvoll begleitet und bedarfsgerecht versorgt werden. Dabei geht es nicht darum, Leistungen einzuschränken, sondern im Gegenteil: um eine besser koordinierte, hochwertigere und sicherere Versorgung. Gerade in einer zunehmend komplexen Versorgungslandschaft bietet die hausärztliche Primärversorgung Orientierung, Stabilität und Übersicht.
Hausarztpraxisteams begleiten ihre Patientinnen und Patienten oft über viele Jahre. Diese kontinuierliche Beziehung ist zentral für eine wirksame Patientensteuerung: Sie reduziert unkoordinierte Facharztkontakte, vermeidet Doppeluntersuchungen und verhindert unnötige Wege im System. Gleichzeitig stärkt sie die Versorgungskontinuität – insbesondere für chronisch erkrankte oder besonders vulnerable Menschen.
Mit der geplanten Einführung eines verbindlichen Primärversorgungssystems in der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) und im Kollektivvertrag setzt die Bundesregierung eine bedeutende gesundheitspolitische Weichenstellung. Durch die hausärztliche Steuerung werden überlastete Facharztpraxen von leichten Routineanlässen entlastet, sodass Patientinnen und Patienten mit dringenden Anliegen schneller einen Termin erhalten.
Die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) zeigt seit Jahren, wie ein modernes Primärversorgungssystem in der Praxis funktioniert: wissenschaftlich validiert, fest etabliert und millionenfach genutzt – eine Struktur, auf die die Politik aufbauen kann. Mit dem Transformationskonzept „HÄPPI“ bietet die HZV Hausarztpraxen eine zukunftsfähige Entwicklungsperspektive. Mit multiprofessionellen Teams, digitaler Unterstützung und konsequenter Patientenzentrierung wird die hausärztliche Versorgung leistungsfähiger, effizienter und resilienter – und ist damit problemlos in der Lage, die vom ZI kalkulierten zusätzlichen zwei Patientenkontakte pro Tag im Primärarztsystem zu bewältigen. HZV und HÄPPI schaffen gemeinsam ein modernes, starkes Primärarztsystem – sicher, effizient und zukunftsfest.
Diesen „Qualitätsvorsprung in der Versorgung halten wir seit 17 Jahren – und wir werden diesen Weg weiter fortsetzen“, bekräftigt Johannes Bauernfeind, Vorstandsvorsitzender der AOK BW. Zugleich blieben aber viele Herausforderungen bestehen, wie zu viele, oft unnötige Patientenkontakte und fehlende Anreize für eine koordinierte Versorgung. Bauernfeind betont: „Unser Gesundheitssystem ist darüber hinaus das teuerste in Europa – trotzdem fehlt es an echter Versorgungsqualität. Wir brauchen deshalb eine koordinierte, sektorenunabhängige Versorgung und eine echte Strukturreform des Kollektivsystems für eine zukunftsfähige und gelingende Primärversorgung.“
Evaluation der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV), AOK Baden-Württemberg, Ausgabe 2025









