Zahnmedizin jenseits der Komfortzone
Inzwischen war ich in Peru, Jamaika und der Dominikanische Republik. Alle Einsätze liefen über NGOs, meist unter deutscher Leitung mit lokalen Partnerorganisationen. Was nach Struktur und Sicherheit klingt, bedeutet in der Realität: selbst zahlen, selbst organisieren, selbst Verantwortung übernehmen. Eine finanzielle Unterstützung über den zahnmedizinischen Austauschdienst (ZAD) ist für Studierende zwar möglich, aber keineswegs garantiert. Sie hängt – wie bei vielen Einrichtungen – von Budgets, von den Antragszahlen und manchmal schlicht vom richtigen Zeitpunkt ab.
Auslandsfamulatur – what to do before
Projektauswahl und Timing: „Wann?“ und „Wohin?“ sind die ersten Fragen, die es zu klären gilt. Orientierung bietet hier etwa die Website vom Zahnmedizinischen Austauschdienst (ZAD),auf der Einsätze nach Ländern und Organisationen sortiert vorgestellt werden. Gerade in den Semesterferien ist die Nachfrage hoch und die verfügbaren Plätze sind entsprechend schnell vergeben. Berufstätige Zahnärztinnen und Zahnärzte profitieren hier von ihrer größeren zeitlichen Flexibilität – viele Projekte bevorzugen zudem approbierte Kollegen.
Teilnahmebestätigung: Um eine Teilnahmebestätigung zu erhalten, sind in den meisten Projekten mindestens vier Wochen vor Ort abzuleisten. Für Studierende gilt: Für die Projekte darf nur unter Anwesenheit und Aufsicht eines approbierten Zahnarztes gearbeitet werden. Lest euch dazu unbedingt die Erfahrungsberichte zu den jeweiligen Projekten durch!
Spenden- und Materialbeschaffung: Hier empfehle ich, rechtzeitig mit der Organisation der Spendenmittel zu beginnen. Die Projektleitungen stellen in der Regel als Orientierung Materiallisten mit den am dringendsten benötigten Verbrauchsgütern zur Verfügung. Spenden lassen sich meist per E-Mail oder über einen persönlichen Kontakt bei Dentalfirmen, Depots oder auch privaten Praxen organisieren – häufig in Form abgelaufener, aber noch nutzbarer Materialien oder sogar Geräte.
Reise und Unterkunft: Wenn ihr noch durchs Land reisen wollt, müsst ihr die Flüge und die Reiseroute selbst planen und (meist auch) finanzieren. Auch die Unterkunft liegt oft in der Verantwortung der Teilnehmenden. Die Projekte geben allerdings häufig hilfreiche Hinweise. In manchen Gebieten, wo es einfach keine Hotels oder Apartments gibt, bieten Einheimische gegen einen kleinen Aufpreis Unterkunft und Verpflegung an. Tipp: Zum Teil haben Hilfsorganisationen Kooperationen mit ausgewählten Fluggesellschaften, hier bekommt ihr bessere Konditionen als bei privaten Buchungen, also erkundigt euch bei der Projektleitung rechtzeitig nach den Möglichkeiten.
Medizinische Vorbereitung: Eine reisemedizinische Beratung vor dem Abflug empfehle ich ausdrücklich. Die notwendigen Impfungen hängen von der Region und der Route ab – zum Beispiel Amazonasgebiet versus Hochland. Unterschätzt die Untersuchungen in der Reisemedizin vor und nach der Famulatur nicht. Krankheiten wie Typhus, Malaria, Tollwut und diverse Magen-Darm-Parasiten und -Pilze sind mir auf jedem Einsatz begegnet – trotz Einhaltung der Hygienemaßnahmen. Auch an Krankheiten wie AIDS und Cholera solltet ihr denken. Die Mehrheit der Patienten, die in den Projekten behandelt werden, wissen nichts von ihrer Krankheit. Macht darum einen Check beim Arzt nach der Reise und habt eine gute Reiseapotheke dabei.
Visum und Einreise: Die Einreisebestimmungen variieren je nach Land und Aufenthaltsdauer. In vielen Ländern werden Reisepässe aktiv kontrolliert, die touristischen Aufenthaltsfristen müssen genau beachtet werden. Auch hier empfehle ich die Erfahrungsberichte zu lesen.
Erfahrungsaustausch: Der Kontakt zu „Ehemaligen“ ist sehr hilfreich. Hier bieten die Projektleitungen meist eine Kontaktaufnahme per WhatsApp an. Erfahrungsberichte und Reiseberichte finden sich oft direkt auf den ZAD-Projektseiten und liefern realistische Einblicke in Ablauf, Organisation und Herausforderungen.
Finanzierung: Es besteht eineFördermöglichkeit über den ZADbei entsprechender Antragstellung. Die Bewilligung ist jedoch abhängig vom Budget und der Anzahl der Bewerbenden. Zusätzlich ist es möglich, eine Förderung über die apoBank-Stiftung (bis zu 1.000 Euro pro Person) zu erhalten;Voraussetzung hierfür ist ein sorgfältig formulierter Antrag mit klarer Projektbeschreibung, den ihr im Namen der NGO einreicht.Dabei müsst ihr unbedingt die Fristen beachten, denn die Bewertung – und im besten Fall Bewilligung – der Anträge, erfolgt durch ein Gremium, das nur selten tagt. Nach Abschluss des Studiums gibt es kaum noch Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung. Allerdings bieten manche Projekte die Möglichkeit einer steuerlichen Absetzbarkeit an. Hier kann nach der Reise eine sogenannte Ausfallpauschale für das „entgangene Einkommen“ während des Einsatzes geltend gemacht werden. Das ist auch für Studierende möglich, allerdings in deutlich abgeschwächter Form.
Bewusstsein der Grenzerfahrung: Abschließend möchte ich euch den ehrlichen Hinweis geben, dass man an seine Grenzen stoßen kann – nicht nur körperlich, sondern auch emotional und mental. Sich zwei Wochen lang nur mit einem Eimer kaltem Wasser waschen zu können, die Höhenkrankheit, Magen-Darm, der Kontakt zu Menschen mit schlimmsten Schicksalsschlägen, der menschenverachtende Umgang der Gesellschaft mit Frauen und Kindern und die Erfahrung von Leid und Armut – eine Famulatur wird eure persönlichen Grenzen neu setzen, ganz abgesehen von den beruflichen.
Bei meiner ersten Famulatur in der Dominikanischen Republik hatte ich Glück: Ich bekam ein Stipendium der apoBank-Stiftung, die Medizin- und Zahnmedizinstudierende bei ausgewählten sozialen Projekten mit bis zu 1.000 Euro unterstützt (siehe Kasten). Ob ein Antrag bewilligt wird, entscheidet ein Gremium, das nur wenige Male im Jahr tagt, die Vorlaufzeiten sind entsprechend groß. Die Zusage minderte den finanziellen Druck, doch bis zum Abflug blieb noch viel zu tun. Denn eine Auslandsfamulatur verlangt vor allem Eigeninitiative, Geduld und einen langen Atem. Ist die Teilnahme am Wunschprojekt bestätigt und ein passender Zeitraum gefunden, folgen die Flugbuchung, die Routenplanung und die Suche der Unterkunft. Bei den meisten Projekten liegt die Organisation der Famulatur in kompletter Eigenverantwortung und -finanzierung.
Wie viel Zahnmedizin passt eigentlich in einen Koffer?
Der wohl aufwendigste und langwierigste Prozess ist allerdings die Beschaffung von Spendenmaterialien, Instrumenten sowie zahnmedizinischen und humanitären Verbrauchsgütern. Die Rückmeldung der Firmen und Vereine ist dabei leider oft ernüchternd. Viele E-Mails bleiben unbeantwortet, andere enden in höflichen Absagen, weil die Nachfrage schlicht zu hoch ist. Bei der ganzen Organisation und den Vorbereitungen neben dem Studium habe ich mich dann doch gefragt: Ist es diesen Stress wert?
Umso dankbarer war ich für Menschen, die mich in dieser Phase unterstützt haben. In meinem Fall war das Tobias Bauer von DIANO e.V. Er half mir nicht nur bei der Beschaffung der Materialien, die vor Ort wirklich gebraucht werden, sondern auch bei der Organisation der Flüge, die allein wohl deutlich komplizierter und teurer geworden wären.
Spätestens im Flieger schleicht sich neben Mut und Stolz auch ein Gefühl der Angst ein. Der Respekt davor, Leid zum ersten Mal wirklich zu erleben. Zu begreifen, wie sich weltpolitische Strukturen und Geschichte auf ein Land und seine Bevölkerung auswirken können und die Machtlosigkeit, die einen dann überfällt. Zahnmedizin ist in vielen Teilen der Welt kein Bestandteil des Versorgungssystems, sondern ein seltenes Ereignis. Ein Eingriff, der nicht nur Schmerzen lindert, sondern auch Würde zurückgibt.
Zum ersten Mal so richtig klar wurde mit das im Rahmen meiner Famulatur in der dominikanischen Großstadt Puerto Plata. Hier leben haitianische Geflüchtete in informellen Dörfern. Ohne sauberes Wasser und eine sanitäre Infrastruktur, ausgestoßen und verdrängt von der Gesellschaft, in der sie Zuflucht suchen. Krankheiten gehören hier zum Alltag – und Zahnschmerzen sind selten ein isoliertes Problem: Entzündungen, Abszesse und systemische Erkrankungen greifen ineinander. Die Zusammenarbeit mit dem einheimischen Arzt Dr. Milton Moronta war daher an diesen Einsatzorten unabdingbar.
Gemeinsam mit meiner Kommilitonin half ich im Rahmen des DIANO-Projekts Dr. Moronta beim Aufbau der Zahnmedizin in der Klinik in Puerto Plata. Sie bringt ausschließlich kostenfreie, auf Spendenmaterialien aufgebaute medizinische Hilfe an die Ärmsten der Region. Wir transportierten Spendenmaterialien auf eigene Kosten quer durchs Land, richteten Arbeitsplätze ein, so dass hier inzwischen eine neue Station für Studierende entstanden ist und somit auch zahnmedizinische Versorgung erfolgen kann.
Eine Famulatur ist weniger ein Karrierebaustein
Der zweite Einsatz führte mich nach Peru, wo ich unter anderem in einem Kloster gearbeitet habe. Hier leben Familien, die von extremer Armut betroffen sind, auch viele Kinder, die durch Schicksalsschläge zu Vollwaisen wurden. Ein Großteil von ihnen spricht nur indigene Sprachen und ist gesellschaftlich weitgehend ausgeschlossen. Eine medizinische oder zahnmedizinische Versorgung existiert praktisch nicht – die Familien könnten sie auch nicht bezahlen.
Besonders prägend waren die Einsätze in abgelegenen Bergdörfern der Anden. Regionen, die selbst innerhalb des Landes kaum erreichbar sind, oft ist die nächste Stadt einen mehrstündigen Fußmarsch entfernt. Eingebettet in eine karge, aber eindrucksvolle Landschaft, mit Alpaka-Herden und Kartoffelfeldern.
Mein dritter und letzter Einsatz führte mich nach Jamaika. Die Arbeit hier richtete sich vor allem an minderjährige Schwangere. Neben Aufklärung und Prophylaxe dominierten akute Notfälle. Die Mangelernährung führt häufig zu schweren Zahnhartsubstanzschäden und Frakturen, somit gehören Extraktionen zum Behandlungsalltag. Neben der Patientenversorgung durfte ich hier zwei inspirierenden jungen Zahnärztinnen zur Seite stehen. Ein interkultureller Austausch, von dem nicht nur die Patienten profitieren konnten, sondern auch ich – weil ich erleben durfte, wie sich weltweit junge, talentierte und empathische Zahnärztinnen und Zahnärzte um das Wohl ihrer Patienten sorgen.
Fazit
Eine Famulatur ist weniger ein Karrierebaustein, sie ist vielmehr eine tolle Möglichkeit, diesen schönen Beruf neu zu begreifen. Denn manchmal verändert der Ort, wo wir arbeiten, unseren Blick auf die Zahnmedizin. Und die Menschen, die wir damit erreichen.
Unser Beruf geht weit über den Behandlungsstuhl hinaus – insbesondere dort, wo Hilfe keine Selbstverständlichkeit ist. In meinen nun fast drei Berufsjahren als junge Zahnärztin auf dem Weg in die Oralchirurgie, habe ich vor allem im Ausland eine andere und tiefe Sinnhaftigkeit im eigenen Tun gefunden, die mich bis heute jeden Tag in meiner Arbeit hier in der Heimat begleitet.








