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Studie „Berufsbild angehender und junger Zahnärztinnen und Zahnärzte“ – Teil 1

Der Weg in die Niederlassung

Die Entscheidung für die eigene Praxis ist für viele Zahnärztinnen und Zahnärzte ein bedeutender beruflicher Schritt. Sie markiert den Übergang zu mehr Eigenständigkeit und eröffnet neue Gestaltungsspielräume. Welche Erwägungen dabei eine Rolle spielen, wie sich der Weg zur eigenen Praxis konkret gestaltet und welche individuellen Pfade eingeschlagen werden, zeigt der erste Beitrag der vierteiligen Serie zur Studie „Berufsbild angehender und junger Zahnärztinnen und Zahnärzte“ des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ).

Für diesen Beitrag wurden insbesondere die Befragungsergebnisse von 622 Personen ausgewertet, die ihre Praxis in den Jahren 2021 und 2022 neu gegründet haben.

Hintergrund

Wie treffen junge Zahnärztinnen und Zahnärzte die Entscheidung für die Selbstständigkeit und wie gestalten sie die ersten Jahre in der eigenen Praxis? Diese vierteilige Serie stellt zentrale Ergebnisse der Langzeitstudie „Berufsbild angehender und junger Zahnärztinnen und Zahnärzte“ des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ) vor. Das IDZ begleitet seit 2014 Zahnmedizinstudierende, Assistenz- und angestellte Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie junge Praxisinhaberinnen und -inhaber und ermöglicht damit einen umfassenden Einblick in Motive, Entscheidungswege und Praxiserfahrungen jüngerer Generationen im Berufsstand. Im Mittelpunkt stehen Zahnärztinnen und Zahnärzte, die sich 2021 und 2022 niedergelassen haben. Ihre Rückmeldungen zeigen, wie vielfältig Wege in die Selbstständigkeit heute verlaufen und wie eng berufliche Ziele mit individuellen Lebensentwürfen verknüpft sind. Die Ergebnisse vermitteln ein aktuelles Bild zahnärztlicher Niederlassung.

Der Entscheidungsprozess

Die Entscheidung für oder gegen eine Niederlassung entwickelt sich oft über einen längeren Zeitraum und ergibt sich aus einem Zusammenspiel persönlicher, beruflicher und struktureller Überlegungen. Dabei prägen drei übergeordnete Bereiche den Entscheidungsprozess:

  1. Lebensplanung: Dazu gehört etwa die Vereinbarkeit mit familiären Zielen, ein Kinderwunsch oder die Berufstätigkeit des Partners beziehungsweise der Partnerin.

  2. Wirtschaftliche und organisatorische Rahmenbedingungen: Dies können beispielsweise Absicherung, Verdienstmöglichkeiten oder Personalverfügbarkeit sein.

  3. Selbstverwirklichung und Autonomie: Beispielsweise der Wunsch, eigene Chefin oder eigener Chef zu sein oder ein individuelles Praxiskonzept umzusetzen.


Zu Beginn des Berufslebens bewerten die meisten Zahnärztinnen und Zahnärzte nahezu alle dieser Einflussfaktoren als gleichermaßen wichtig für eine Niederlassung. Mit zunehmender Berufserfahrung lernen sie jedoch, diese Faktoren stärker zu gewichten und klare Prioritäten zu setzen, was die Entscheidungsfindung erleichtert. Welche Faktoren letztlich den Ausschlag geben, unterscheidet sich dabei stark von Person zu Person und erklärt die Vielfalt der Wege in die Niederlassung.

Die überwiegende Mehrheit entscheidet sich aus Überzeugung für die Selbstständigkeit. Sie wird vor allem als Chance empfunden, eigene Vorstellungen von Praxisorganisation, medizinischen Abläufen und Führung umsetzen zu können. In lediglich zehn Prozent der Fälle resultiert die Niederlassung aus einer Abwendung von der Anstellung. Ein bewusster ­Priorisierungsprozess der eigenen Vorstellungen von Niederlassung hilft, die Entscheidung strukturiert und zielgerichtet treffen zu können.

Wer gründet wann?

Das mittlere Niederlassungsalter der Befragten liegt bei 36,3 Jahren. Zwischen Approbation und Niederlassung vergehen im Durchschnitt 8,7 Jahre, in denen zunächst mehrere Jahre Berufserfahrung in der Anstellung gesammelt werden. Berufliche Auszeiten können diese Phase verlängern. Eine vorangegangene Befragung ergab, dass über 99 Prozent der Auszeiten während der Anstellung aufgrund von Schwangerschaften und Kinderbetreuung genommen werden.

Zahnärztinnen und ‑ärzte mit unternehmerischem oder zahnärztlichem Familienhintergrund lassen sich deutlich früher nieder. Ihnen vermitteln biografische Erfahrungen mit Praxisführung Sicherheit und erleichtern den Schritt in die Selbstständigkeit.

Auch unterschiedliche Lebensentwürfe beeinflussen den Zeitpunkt der Niederlassung. Zahnärztinnen und Zahnärzte, die sich auf wirtschaftliche und organisatorische Rahmenbedingungen fokussieren, gründen im Mittel 6,5 Jahre nach der Approbation. Diejenigen, die eine Vereinbarkeit mit der Familie stärker berücksichtigen, nehmen sich dagegen rund 10,8 Jahre Zeit.

Diese Spannbreite unterstreicht die Vielfalt individueller Karrierewege. Es gibt nicht den einen idealen Zeitpunkt für die Niederlassung, sondern einen individuellen Rhythmus, der sich aus persönlichen Zielen und Lebensumständen ergibt.

Von der Entscheidung zur Umsetzung

Vom bewussten Entschluss bis zur tatsächlichen Niederlassung vergehen im Mittel 12,6 Monate. Besonders zeitintensiv gestaltet sich in vielen Fällen die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten oder einer Praxis zur Übernahme. Wer dabei auf familiäre oder berufliche Netzwerke zurückgreifen kann, kann den Zeitraum der Praxissuche deutlich reduzieren:

  • bei der Übernahme einer elterlichen Praxis von 8,3 auf durchschnittlich 0,6 Monate,

  • bei der Übernahme einer Praxis früherer Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber von 8,3 auf 3,2 Monate,

  • beim Einstieg oder Beitritt in eine Bestandspraxis von 10,2 auf 3,7 Monate (elterliche Praxis) beziehungsweise 5,4 Monate (Praxis ehemaliger Arbeitgeber/Arbeitgeberin).


Die als besonders anspruchsvoll wahrgenommenen Bereiche sind vor allem die Einarbeitung in rechtliche und administrative Anforderungen sowie die Finanzierung und damit verbundene Prozesse. Dieses Wissen kann bereits früh im Berufsleben erworben werden und erleichtert später die Gründungsphase – ein Thema, das im abschließenden vierten Teil der Serie vertieft wird.

Nahezu alle Zahnärztinnen und Zahnärzte beschreiten den Niederlassungsprozess nicht alleine, sondern suchen Unterstützung bei Kammern, Kassenzahnärztlichen Vereinigungen und im Kollegenkreis. Die erhaltene Beratung wird überwiegend als wertvoll und motivierend beschrieben.

Vielfalt statt Einheitsweg

Die Studie zeigt, dass es viele erfolgreiche Wege zur Niederlassung gibt – geprägt von unterschiedlichen Lebensentwürfen, individuellen beruflichen Wünschen und verschiedenen Persönlichkeiten. Das Bewusstmachen der eigenen Prioritäten und Lebensziele hilft, Orientierung auf diesem beruflichen Weg zu finden.

Zur Serie

  1. Der Weg in die Niederlassung – Wie entsteht der Wunsch nach einer eigenen Praxis, und welche Faktoren prägen den persönlichen Gründungsweg? (zm 11/2026)

  2. Familie und Niederlassung – Wie beeinflussen Partnerschaft und Kinderwunsch Zeitpunkt und Form der Selbstständigkeit? (zm 12/2026)

  3. Strukturen neu gegründeter Praxen – Wie gestalten junge Niedergelassene ihre Praxis organisatorisch, personell und räumlich? (zm 13-14/2026)

  4. Herausforderungen bei der Niederlassung – Welche Aufgaben prägen die ersten Monate und welche Unterstützung wird als hilfreich erlebt? (zm 15-16/2026)

Praxisinhaberinnen und ‑inhaber teilen ein positives Selbstverständnis der Niederlassung, die sie als Chance auf Gestaltungsfreiheit, Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit wahrnehmen.

Zur Methodik: Die Studie „Berufsbild angehender und junger Zahnärztinnen und Zahnärzte“ basiert auf longitudinalen Primärdaten, die zwischen 2014 und 2019 im Mixed-Methods-Design deutschlandweit erhoben wurden. Alle Zahnmedizinstudierenden, die im Wintersemester 2014/15 im 9. und 10. Fachsemester eingeschrieben waren, wurden zur Teilnahme eingeladen und quantitativ (2015 n = 1.395; 2017 n = 618; 2019 n = 570) sowie qualitativ befragt. Ergänzend fand 2023 eine bundesweite quantitative Erhebung unter allen neu niedergelassenen Zahnärztinnen und Zahnärzten der Jahre 2021 und 2022 statt (n = 622).

Dr. med. dent., M.Sc. Nele Wicking

Wissenschaftliche Referentin
Referat III: Zahnärztliche
Professionsforschung
Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ)
Universitätsstraße 73, 50931 Köln

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