Intraoralscanner – wirklich (un)verzichtbar?!
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
mich persönlich freut es sehr, dass wir dem Intraoralscanner hier Raum für einen ausführlichen Fortbildungsteil geben. Denn kaum ein anderes technisches Gerät hat den zahnärztlichen Alltag in meinem bisherigen Berufsleben stärker verändert. Ich erinnere mich noch sehr genau an meine erste Begegnung mit diesem Thema. Das war während meines Studiums an der LMU München in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre – damals ausschließlich im Zusammenhang mit dem CEREC-System und zunächst eher theoretischer Natur. Albert Mehl, heute Professor in Zürich und damals noch Habilitand in München, beschäftigte sich bereits intensiv mit der computergestützten Fertigung dentaler Restaurationen. Das war für mich als Student spannend, faszinierend und eine Richtung, in die ich mich auch entwickeln wollte.
Die zweite prägende Begegnung folgte im Jahr 2000, als ich als junger Assistent in der Praxis meines Vaters zunehmend Keramik-Inlays – zugleich Thema meiner Promotion – einsetzte und wir die Anschaffung eines Keramik-Pressofens für das Labor planten. Der Mitarbeiter des Depots versuchte damals, uns stattdessen ein CEREC-System zu verkaufen. Aus seiner Sicht war dies dem klassischen Workflow bereits ebenbürtig.
Was möchte ich damit sagen? Vor rund 30 Jahren lag der Fokus der Digitalisierung primär auf der Restauration. Ziel war es, keramische Versorgungen möglichst direkt und effizient herzustellen – und dafür musste die Mundsituation digitalisiert werden. Das eigentlich Revolutionäre dieser Entwicklung, ein digitales Abbild der Mundhöhle mit all seinen Vorteilen weit über die Herstellung von Restaurationen hinaus zu schaffen, war noch gar nicht so recht in den Blick gekommen, man freute sich zunächst einfach über die keramischen Restaurationen.
Als wir an der Universität München ab 2004 unsere ersten klinischen Studien mit Lithiumdisilikatkronen und -brücken durchführten, wurden diese im Labor geschliffen, kristallisiert und verblendet. Als eine Art „Dreingabe“ erhielten wir damals eine intraorale Aufnahmeeinheit des aktuellen CEREC-Systems. Dennoch war es vollkommen selbstverständlich – und so sah es auch das Studienprotokoll vor –, zunächst eine konventionelle physische Abformung zu erstellen. Der weitere Workflow verlief klassisch über das Modell im Labor, das dort mithilfe eines Laborscanners digitalisiert wurde. Die CAD/CAM-gefertigten Restaurationen wurden anschließend im Artikulator kontrolliert und angepasst. Die Digitalisierung beschränkte sich damit nahezu vollständig auf die Arbeitsschritte im Labor. Wahrscheinlich hätten auch Kronen, die direkt auf Basis intraoraler Scandaten hergestellt worden wären, klinisch nicht schlechter funktioniert. Dennoch blieb der direkte digitale Workflow – damals häufig als „Chairside Workflow“ bezeichnet – einer vergleichsweise kleinen Gruppe besonders engagierter Kolleginnen und Kollegen vorbehalten: den echten CEREC-Enthusiasten.
Aus diesem zunächst losen Netzwerk entstanden später wissenschaftliche Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für computergestützte Zahnheilkunde oder die International Society of Computerized Dentistry. Parallel entwickelte die Firma Cadent ein puderfreies intraorales Scansystem, dessen erste Generation 2006 auf den Markt kam. Der Fokus lag hier früh auf kieferorthopädischen Anwendungen und offenen digitalen Workflows – insbesondere für die Aligner-Therapie.
Auch am Massachusetts Institute of Technology wurde ein Intraoralscanner entwickelt. Das daraus hervorgegangene Unternehmen Brontes Technologies wurde später von 3M übernommen, wodurch der Scanner schließlich als LAVA COS (Chairside Oral Scanner) seinen Weg in den Markt fand. Die Einführung dieses Systems auf einem beeindruckenden Symposium 2008 in St. Paul, Minnesota, ist mir bis heute lebhaft in Erinnerung geblieben. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde klar, wohin die Entwicklung gehen würde – weg von der rein restaurativen Anwendung und hin zur umfassenden Erfassung dreidimensionaler Daten.
Für mich persönlich kam der eigentliche Durchbruch mit dem TRIOS 3 von 3Shape im Jahr 2018. Plötzlich waren in vielen Fällen physische Abformungen kaum noch erforderlich. Erstmals konnten auch Gesamtkiefer in vertretbarer Zeit und mit für zahlreiche Anwendungen ausreichender Genauigkeit gescannt werden. Dadurch erleichterte sich der Alltag nicht nur für das gesamte Praxisteam erheblich, sondern auch für unsere Patientinnen und Patienten.
Inzwischen sind wieder fast zehn Jahre vergangen – ein guter Zeitpunkt also für eine ehrliche Bestandsaufnahme: Was funktioniert heute wirklich digital? Wo liegen weiterhin Grenzen? Was ist klinisch sinnvoll? Und gibt es vielleicht auch heute noch Indikationen, bei denen die konventionelle Abformung Vorteile bietet?
Obwohl wir Zahnärztinnen und Zahnärzte in vielen Bereichen sehr technikaffin sind, begegnen viele dem Thema „Digitaler Workflow“ noch erstaunlich zurückhaltend. Natürlich spielen die hohen Investitionskosten eine Rolle. Vielleicht fragen sich auch viele Kolleginnen und Kollegen, warum sie die bewährten analogen Prozesse aufgeben sollen, wenn das Digitale zwar unstrittig Vorteile bietet, aber in der Qualität des Outcomes nicht weit genug über das Analoge hinausreicht und zusätzlich einen hohen Einarbeitungsaufwand erfordert.
Gleichzeitig – das zeigen die Erfahrungen vieler Anwender – wollen jedoch diejenigen, die einmal konsequent mit einem Intraoralscanner gearbeitet haben, nicht mehr auf dieses System verzichten. Denn mit den digitalen Daten verändert sich nicht nur die Abformung selbst, sondern häufig auch der gesamte diagnostische und therapeutische Denkprozess. Ebenso verändern sich unsere Definitionen von Erfolg und Misserfolg. Dieser Umstieg verursacht zwar Aufwand, aber genau hier liegen die eigentlichen Stärken der Digitalisierung: in Reproduzierbarkeit, Vorhersagbarkeit und Prozesssicherheit.
Wer in den digitalen Workflow wechselt, für den öffnen sich auch viele neue Perspektiven, die analog nicht möglich wären. Heute können wir den „virtuellen Patienten“ erstellen, indem wir dreidimensionale Datensätze aus Intraoralscan, Gesichtsscan und DVT zusammenführen. Dadurch wird es möglich, selbst über große Distanzen hinweg interdisziplinär zusammenzuarbeiten und dabei stets auf derselben Datengrundlage zu planen. Gleichzeitig entsteht ein nahezu durchgängiger Workflow – von der fotorealistischen Planung über das Mock-up bis hin zur finalen klinischen Umsetzung. Gerade umfangreiche funktionelle oder ästhetische Veränderungen lassen sich heute dreidimensional simulieren und mit hoher Präzision reproduzierbar umsetzen. Dadurch sind wir in vielen Bereichen therapeutisch deutlich sicherer geworden als im analogen Zeitalter.
Empfehlungen der Leitlinie in separaten Infokästen
Seit März 2026 steht mit der Leitlinie zum „Intraoralscan in der Zahnmedizin“ eine konsentierte wissenschaftliche Grundlage zur Bewertung digitaler intraoraler Scanverfahren zur Verfügung. In Ergänzung zu den Beiträgen dieser Fortbildung werden von den Autoren der Leitlinie wichtige Statements/Empfehlungen der Leitlinie und Hintergrundtexte in einem separaten Infokasten präsentiert. So wird deutlich, welche Schwerpunkte die Leitlinie zum Thema des Beitrags gesetzt hat.
Die Leitlinie wurde unter der Koordination von Prof. Dr. Jan-Frederik Güth und durch die federführenden Autoren PD Dr. Tobias Graf und Miriam Ruhstorfer verfasst. Institutionell federführend waren die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) und die Deutsche Gesellschaft für computergestützte Zahnheilkunde (DGCZ).
Der Intraoralscanner hat sich damit von einem Gerät zur Herstellung von Restaurationen zu einer zentralen digitalen Schnittstelle der modernen Zahnheilkunde entwickelt. Er unterstützt uns heute nicht nur bei der CAD/CAM-Fertigung von Zahnersatz, sondern ebenso bei der Diagnostik, bei Verlaufskontrollen, interdisziplinären Planungen und komplexen Therapiekonzepten (mit oder ohne dentale Implantate) – und zukünftig sicher noch bei vielem mehr.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen der Beiträge – und natürlich bei der täglichen Arbeit mit Ihrem Scanner.
Ihr Florian Beuer



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