Parodontitis: Wir müssen jetzt vor die Erkrankungswelle kommen!
Die Schwere der Erkrankung wird dabei im Rahmen eines Stagings in vier Stadien eingestuft. Diese reichen von leichten über moderate bis hin zu schweren Verlaufsformen (Stadien I bis III). Stadium IV stellt die schwerste Form dar, bei der das Risiko eines Verlusts der verbleibenden Zähne besteht.
In der DMS • 6 wurde nicht nur die aktuelle Verbreitung der Parodontitis in Deutschland untersucht, sondern es wurden auch individuelle Krankheitsverläufe über einen Zeitraum von neun Jahren analysiert.
Parodontitis bei Erwachsenen
Bereits im jüngeren Erwachsenenalter gelten nach dieser Klassifikation 95 Prozent der Personen als parodontal erkrankt. Lediglich knapp 4 Prozent weisen gesunde parodontale Verhältnisse auf.
Die Analyse der individuellen Krankheitsverläufe über neun Jahre zeigt, dass die entscheidende Dynamik der Erkrankung nicht (erst) im höheren Lebensalter auftritt, sondern bereits im Erwachsenenalter stattfindet. Innerhalb von neun Jahren entwickeln 19 Prozent der jüngeren Erwachsenen eine schwere Form der Parodontitis. Dies entspricht einer Verdopplung der schweren Erkrankungsfälle in dieser Lebensphase.
Darüber hinaus erkranken 63 Prozent der zuvor parodontal gesunden jüngeren Erwachsenen im Beobachtungszeitraum. Auch die Sondierungstiefen nehmen im Erwachsenenalter doppelt so stark zu wie bei Seniorinnen und Senioren.
Parodontitis bei Senioren
Jüngere Seniorinnen und Senioren weisen eine hohe parodontale Krankheitslast auf: 85 Prozent dieser Altersgruppe sind von Parodontitis betroffen. Gleichzeitig verschiebt sich die Erkrankungsschwere in höhere Stadien, sodass jeweils etwa ein Viertel der 65- bis 74-Jährigen an einer moderaten, einer schweren oder einer sehr schweren Form der Erkrankung leidet. Etwa fünf Prozent der jüngeren Seniorinnen und Senioren sind zahnlos. Parodontal gesunde Verhältnisse treten in dieser Altersgruppe nicht mehr auf. Allerdings können nach den Kautelen der wissenschaftlichen Klassifikation knapp zehn Prozent nicht klassifiziert werden, zum Beispiel wegen überkronter Zähne.
In diesem Lebensabschnitt ist eine langsame Erkrankungsprogression nur noch bei leichten Erkrankungsformen zu erwarten. Überwiegend wird eine moderate Progression beobachtet. Mit zunehmender Erkrankungsschwere steigt jedoch auch die Geschwindigkeit der Krankheitsentwicklung. Bei schweren und sehr schweren Formen macht sie einen bedeutsamen Anteil aus (18 beziehungsweise 29 Prozent).
Vorerkrankung als Risikofaktor für den Krankheitsverlauf
Der Fortschritt einer Parodontalerkrankung hängt wesentlich vom bisherigen Erkrankungsverlauf ab. Bei Erwachsenen und Senioren ohne oder mit leichter Parodontitis nimmt die Sondierungstiefe innerhalb von neun Jahren um 0,3 mm beziehungsweise 0,5 mm zu. Bei schwerer Parodontitis zeigt sich dagegen in beiden Altersgruppen eine Abnahme der Sondierungstiefe.
Dies lässt sich einerseits dadurch erklären, dass derzeit vor allem schwere parodontale Erkrankungen behandelt werden und sich dadurch die Sondierungstiefen verbessern können. Andererseits können stark betroffene Zähne teilweise nicht mehr erfolgreich therapiert werden und müssen extrahiert werden. Dies führt epidemiologisch ebenfalls zu einer Verringerung der durchschnittlichen Sondierungstiefe, da auch Zahnverluste mit zunehmender Erkrankungsschwere häufiger auftreten.
Episodenhafter Verlauf der Parodontitis
Die Ergebnisse der Bevölkerungsstudie unterstützen Erkenntnisse aus der experimentellen Epidemiologie chronischer Erkrankungen: Karies und Parodontitis verlaufen nicht linear, verschlechtern sich also nicht kontinuierlich, sondern wechseln zwischen Phasen der Stagnation und der Progression. In der Regel treten längere Phasen auf, in denen die Parodontitis stabil bleibt und gut kontrolliert werden kann. Diese werden jedoch durch kürzere Episoden mit erhöhter Krankheitsaktivität unterbrochen, in denen die Erkrankung rasch fortschreiten kann.
Der grundsätzlich langsame und chronische Verlauf der Parodontitis zeigt sich beispielsweise darin, dass die durchschnittliche Tiefe der Zahnfleischtaschen bei Erwachsenen innerhalb von neun Jahren lediglich um 0,2 mm und bei Senioren sogar nur um 0,1 mm zunimmt.
Endstation Zahnverlust
Das gemeinsame Endstadium von Karies und Parodontitis ist der Zahnverlust – ein Prozess, der sich in der Regel über viele Jahre bis Jahrzehnte entwickelt. Die Daten der DMS-Studie zeigen, dass das Risiko hierfür im Seniorenalter am höchsten ist.
62 Prozent der Menschen erleiden Zahnverluste im Seniorenalter, was etwa doppelt so häufig ist wie im Erwachsenenalter. Erwachsene verlieren innerhalb von neun Jahren durchschnittlich 0,6 Zähne, während Senioren im gleichen Zeitraum durchschnittlich zwei Zähne verlieren und damit mehr als dreimal so viele. Neben dem Alter spielt auch eine Rolle, ob bereits Zahnverluste vorliegen. Personen mit vollständigem Zahnbestand verlieren deutlich weniger Zähne als Personen, die bereits zuvor Zahnverluste erlitten haben.
Fazit
Die entscheidende parodontale Krankheitsprogression findet vor allem im mittleren Erwachsenenalter zwischen dem 40. und dem 50. Lebensjahr statt und nicht erst im Seniorenalter. Dennoch werden derzeit die meisten Parodontitisbehandlungen erst im höheren Lebensalter durchgeführt – also zu einem vergleichsweise späten Zeitpunkt. Aus epidemiologischer Sicht besteht die größte sozialmedizinische Herausforderung der Zahnmedizin daher in einer nachhaltigen Verringerung der hohen parodontalen Krankheitslast. Mögliche Lösungsansätze zeigen die Erfahrungen aus der Kariesprävention:
Die Behandlung der bestehenden Erkrankungsfälle – insbesondere der rund 14 Millionen schweren Erkrankungen – muss intensiviert werden, um die aktuelle Krankheitslast zu reduzieren. Dies ist die Aufgabe der Tertiärprävention.
Die DMS-Daten zeigen außerdem, dass eine hohe parodontale Krankheitsaktivität bereits im Erwachsenenalter besteht. Deshalb sollte die zahnmedizinische Versorgung darauf abzielen, Parodontitis frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, bevor schwere Krankheitsstadien entstehen. Dies umfasst die Früherkennung und die Frühbehandlung und gehört zur Sekundärprävention.
Langfristig entscheidend ist die nachhaltige Verringerung neuer Erkrankungsfälle. Bei der Karies konnte dies unter anderem durch Maßnahmen der Gruppen- und der Individualprophylaxe erreicht werden. Die grundlegenden Strukturen hierfür bestehen bereits. Besonders wichtig erscheint die frühzeitige Vermittlung Parodontitis-relevanter Kenntnisse sowie praktischer Fähigkeiten zur Mundhygiene (beispielsweise zur Reinigung der Interdentalräume) bereits während der Entwicklung des bleibenden Gebisses. Dies ist eine Aufgabe der Primärprävention.
Durch eine deutliche Verringerung der parodontalen Krankheitslast kann der lebenslange Erhalt der Zähne gefördert werden. Gleichzeitig leisten Zahnmedizinerinnen und Zahnmediziner damit einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Gesundheitsförderung der Bevölkerung. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit gemeinsamen Risikofaktoren chronischer Erkrankungen.
Wie der finnische Epidemiologe und Parodontologe Jukka Ainamo formulierte: „The dentition is intended to last a lifetime.“






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