Chronische Erkrankungen beeinflussen sich gegenseitig
Gesundes Verhalten lässt sich umso schwerer aufrechterhalten, je weiter unten auf der sozialen Leiter man sich befindet. Frühere Erklärungen für soziale Ungleichheiten haben sich vor allem auf individuelle Verhaltensweisen konzentriert und die sozialen Determinanten von Gesundheit und Krankheit vernachlässigt.
Lange Zeit waren auch die vorherrschenden Ansätze zur Förderung von Gesundheit auf einzelne und spezifische Krankheiten gerichtet und haben die Mundgesundheit von der Allgemeingesundheit getrennt. Zunehmend werden die gemeinsamen Risikofaktoren deutlich, die einer Vielzahl bedeutender chronischer Krankheiten gemein sind, einschließlich der Krankheiten des Mundes und der Zähne.
Karies ist nach der Global Burden of Disease-Study sogar die häufigste chronische Erkrankung weltweit. Die gemeinsamen Risikofaktoren liegen nach derzeitigem Stand hauptsächlich in der Ernährung, die ebenfalls für allgemeinmedizinische chronische Krankheiten wie Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes mitverantwortlich ist. Parodontalerkrankungen liegen in der Rangliste der chronischen Krankheiten auf Rang 6. Rauchen und Stress sind zwei Beispiele für gemeinsame Risikofaktoren, die ebenfalls auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen wirken.
Chronische Krankheiten gehören fast allesamt zu den Lebensstil-abhängigen und damit grundsätzlich vermeidbaren Erkrankungen. Am komplexesten wirksam sind die Ernährung (insbesondere der Zuckerkonsum) sowie Rauchen und Alkoholkonsum. Die Erkenntnislage nimmt zu, dass chronische Erkrankungen sich gegenseitig beeinflussen. Im Fall von Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Zusammenhang mit den chronischen Erkrankungen der Zahnmedizin bedeutet dies vor allem: häufiger schwere Parodontitis, mehr fehlende und weniger funktionstüchtige Zähne.
Mundgesundheit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Gut ein Viertel der jüngeren Seniorinnen und Senioren in der DMS • 6 weisen kardiovaskuläre Erkrankungen auf. Dies entspricht im Wesentlichen auch der Verbreitung in der Bevölkerung. Insofern ist allein dieser Befund ein interessanter Hinweis auf die weitreichende Bevölkerungsrepräsentativität der DMS • 6 an sich!
Mit kardiovaskulären Erkrankungen assoziiert sind Einschränkungen bei der Mundgesundheit – die Zusammenhänge mit parodontalen Erkrankungen sind bekannt. Die DMS • 6 zeigt außerdem, dass Menschen mit kardiovaskulären Erkrankungen häufiger zahnlos sind und den Bezahnten etwa zwei Zähne mehr fehlen als Seniorinnen und Senioren ohne kardiovaskuläre Erkrankungen. Dies bedeutet gleichzeitig, dass sie zwei funktionstüchtige Zähne weniger besitzen. Die zahnmedizinische Prävention muss Menschen mit kardiovaskulären Erkrankungen frühzeitig ins Blickfeld nehmen, um diesen gesundheitlichen Ungleichheiten begegnen zu können.
Mundgesundheit und Typ-2-Diabetes
Diabetes gehört zu den wichtigen chronischen Erkrankungen und die wechselseitigen Bedingungen zeigen sich entsprechend deutlich im Mundgesundheitsprofil von Menschen mit Typ-2-Diabetes. Sie haben häufiger schwere parodontale Verläufe und mehr Wurzelkaries, mehr fehlende Zähne und weniger funktionstüchtige Zähne. Der Anteil zahnloser Menschen ist bei Typ-2-Diabetes viermal so hoch. Außerdem zeigt sich, dass diese Menschen häufiger beschwerdeorientiert die zahnärztliche Praxis aufsuchen als die Mehrheit in dieser Altersgruppe.
Ein kontrollorientiertes Inanspruchnahmeverhalten zahnärztlicher Dienstleistungen ist jedoch eine wichtige präventive Maßnahme im Sinne der Sekundärprävention, denn diese ermöglicht eine Früherkennung oraler Erkrankungen bereits zu einem Zeitpunkt, bevor die Patienten selbst Symptome verspüren. Durch die Früherkennung und -behandlung können in der Folge schwere Verläufe häufig rechtzeitig eingedämmt werden – was klare Auswirkungen auf die Zahnverlustrate hätte.
Für die Karies ist das für die junge Bevölkerung bereits in großen Teilen durch das Verweissystem der Gruppenprophylaxe im schulzahnärztlichen Dienst in die zahnärztliche Praxis gelungen. Bei Typ-2-Diabetes zeichnet sich genauso ein spezialisierter Präventionsbedarf ab wie die Notwendigkeit der interprofessionellen Zusammenarbeit und die Überwindung von Sektorengrenzen in der gemeinsamen medizinischen Versorgung.
Zahnmedizin als Seismograf für chronische Erkrankungen
Der gemeinsame Risikofaktorenansatz bietet noch eine ganz andere Perspektive die Zahnmedizin auch als eine Art Frühwarnsystem zu begreifen hinsichtlich späterer chronischer allgemeinmedizinischer Erkrankungen. Die zahnärztliche Profession ist jene medizinische Disziplin, die hierzulande von sehr weiten Teilen der Bevölkerung fast über den gesamten Lebensbogen regelmäßig aufgesucht wird. Das ist beinahe ein Alleinstellungsmerkmal.
Die Anamnese berücksichtigt jetzt schon die regelhafte Erfassung wichtiger Risikofaktoren für zahnmedizinische Erkrankungen – und, wie wir nun wissen, gleichzeitig vieler weiterer chronischer Erkrankungen, die sich erst im Laufe des Lebens entwickeln. Die Auswirkungen einer risikohaften Lebensweise manifestieren sich bereits frühzeitig in der Mundhöhle und werden entsprechend frühzeitig erkannt – bei der Karies mitunter bereits im Kindes- oder sogar schon im Kleinkindalter (frühkindliche Karies; ECC).
DMS • 6 en détail
Alle Informationen und Erkenntnisse der Sechsten Deutschen Mundgesundheitsstudie in fünf Beiträgen:
zm 10/2026: Karies
zm 11/2026: Restaurationen
zm 12/2026: Parodontitis
zm 13-14/2026: Systemerkrankungen
zm 15-16/2026: Fazit – Bedeutung der Ergebnisse für die Versorgung
Auch parodontale Erkrankungen werden durch das in der GKV etablierte Screeningverfahren sehr frühzeitig gesehen – und die aktuellen Daten der DMS • 6 zeigen eindeutig, dass sich bereits im frühen Erwachsenenalter die schwerwiegenden parodontalen Verlaufsformen eindeutig darstellen.
Die sich durch die gemeinsamen Risikofaktoren in der Mundhöhle manifestierenden Erkrankungen können insofern als Frühwarnsymptome späterer allgemeinmedizinischer chronischer Erkrankungen verstanden werden – mitunter Jahrzehnte, bevor diese Menschen beim Kardiologen oder Diabetologen vorstellig werden. Aber dann ist es für die Prävention allgemeinmedizinisch chronischer Erkrankungen zu spät! Zahnärztinnen und Zahnärzte könnten sich also als Seismografen verstehen für ein hohes Risiko späterer chronischer Krankheiten und so unsere DNA als Präventionsmediziner in die Allgemeinmedizin tragen.








