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Aus der Wissenschaft

Nicht-pharmakologische Methoden zur Angstreduktion bei Zahnextraktionen

Die Musikintervention zeigte sich in der vorliegenden Übersichtsarbeit als eine der am besten belegten und zugleich einfachsten Angst-reduzierenden Maßnahmen. © motionshooter - stock.adobe.com, AIDIN – stock.adobe.com
Peer W. Kämmerer
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Zahnbehandlungsangst bei Extraktionen wird traditionell pharmakologisch adressiert, etwa durch Sedierung oder Anxiolytika, was jedoch mit Nebenwirkungen und Kontraindikationen verbunden ist. Eine litauische Arbeitsgruppe um Mažutė et al. verfolgte daher das Ziel, die Evidenz zu nicht-pharmakologischen Verfahren bei erwachsenen Extraktionspatienten systematisch zusammenzufassen und daraus eine praxisnahe Orientierung für die klinische Anwendung abzuleiten.

Zahnbehandlungsangst ist eine relevante Zugangsbarriere zur zahnärztlichen Versorgung: Sie führt nicht selten zu Vermeidungsverhalten, erhöhtem Stress und in der Folge zu einer Verschlechterung der Mundgesundheit. Pharmakologische Ansätze wie Benzodiazepine können bei ausgeprägter Furcht wirksam sein, sind aber wegen ihrer Nebenwirkungen und Kontraindikationen nicht uneingeschränkt empfehlenswert. Entsprechend hat sich das Interesse der Forschung zunehmend auf nicht-pharmakologische Verfahren verlagert – Musik, geführte Imagination, virtuelle Realität, audiovisuelle Ablenkung oder strukturierte Patientenaufklärung –, die eine Angstreduktion ohne medikamentöse Sedierung anstreben. Die Evidenz ist jedoch verstreut und uneinheitlich und es fehlen direkte Vergleichsstudien, die klären könnten, welches Verfahren das wirksamste ist. Die Autoren begründen ihre Arbeit daher mit dem Bedarf, die Befunde speziell für den Kontext der Zahnextraktion zu bündeln und kritisch zu bewerten.

Materialien und Methoden

Für die Übersichtsarbeit wurde primär in MEDLINE/PubMed im Zeitraum vom 18. September 2014 bis zum 18. September 2024 recherchiert, ergänzt durch eine supplementäre Suche in ScienceDirect zur Verringerung des Retrieval-Bias. Eingeschlossen wurden ausschließlich randomisierte kontrollierte Studien (RCT) an Erwachsenen (≥ 18 Jahre), die sich einer Zahnextraktion unterzogen und bei denen eine nicht-pharmakologische Intervention gegen die Standardversorgung oder keine Intervention geprüft wurde; Voraussetzung war die Erfassung der Angst über validierte psychologische Instrumente (etwa MDAS, STAI, VAS) oder physiologische Parameter (Herzfrequenz, Blutdruck, Speichelkortisol). Ausgeschlossen wurden pädiatrische Kollektive, Patienten mit kognitiven oder psychiatrischen Einschränkungen, schweren systemischen Erkrankungen sowie Studien mit pharmakologischer Sedierung als primärer Intervention.

Von ursprünglich 3.857 Datensätzen verblieben nach Sichtung 25 RCT. In der Risikobewertung mittels Cochrane RoB 2.0 wurden 21 Studien als „niedriges Risiko“ und vier als „einige Bedenken“ eingestuft; keine Studie wies ein hohes Gesamtrisiko auf. Wegen der ausgeprägten Heterogenität von Protokollen und Endpunkten erfolgte keine Metaanalyse; die Daten wurden narrativ nach Interventionskategorien zusammengefasst und die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz mittels GRADE bewertet.

Ergebnisse

Über die 25 RCT hinweg berichtete die Mehrzahl der Studien günstige Effekte auf den psychoemotionalen Status. Am breitesten untersucht waren Musik-basierte Interventionen (elf Studien), die in unterschiedlichster Form (von klassischer Musik über binaurale Beats und 432-Hz-Musik bis zu patientengewählten Stücken) durchgängig Reduktionen der Angstscores (MDAS, STAI, VAS) sowie teils der physiologischen Stressmarker (Herzfrequenz, Speichelkortisol) zeigten. Mit moderater Vertrauenswürdigkeit war dies die am besten belegte Kategorie.

Verfahren der virtuellen Realität oder der immersiven Ablenkung (drei Studien) senkten die intraoperative Angst und verbesserten den Patientenkomfort, mit einer Verschiebung der Herzratenvariabilität in Richtung parasympathischer Aktivität. Entspannungs- und Atemtechniken sowie Aromatherapien (vor allem Lavendel) erwiesen sich als kostengünstige, leicht umsetzbare Optionen mit Hinweisen auf eine Angstminderung, allerdings auf dünnerer Studienbasis. Die Akupunktur und verwandte Techniken zeigten messbare physiologische Effekte, während die eigentlichen Angstendpunkte nicht konsistent signifikant ausfielen.

Klinisch besonders aufschlussreich ist die Kategorie der informationsbasierten und audiovisuellen Maßnahmen (sieben Studien) mit gemischten Ergebnissen: Während manche Aufklärungsformate die Angst senkten, steigerten detaillierte chirurgische Videos und sehr umfangreiches präoperatives Informationsmaterial die antizipatorische Angst, insbesondere bei Patienten mit einem zu Beginn hohen Angstniveau. Format, Zeitpunkt und Individualisierung der Aufklärung erwiesen sich damit als entscheidende Stellgrößen. Insgesamt reichte die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE von niedrig bis moderat, wobei nur die Musik-basierten Verfahren eine moderate Einstufung erreichten.

Diskussion

Die Arbeit von Mažutė et al. ist keine Wirksamkeitsanalyse einer einzelnen Methode, sondern eine breit angelegte Kartierung des aktuellen Wissensstands, fokussiert auf einen Eingriff, der in nahezu jeder Praxis zum Alltag gehört. Genau darin liegt ihr praktischer Wert: Sie adressiert ein allgegenwärtiges Problem mit überwiegend kostengünstigen, risikoarmen und leicht implementierbaren Maßnahmen, allen voran Musik und geführte Atmung.

Der für die Praxis lehrreichste Befund ist zugleich der kontraintuitivste: Mehr Information ist nicht automatisch besser. Detaillierte Demonstrationen des Eingriffs können bei ängstlichen Patienten die Anspannung erhöhen, so dass Umfang und Form der Aufklärung dem individuellen Patienten angepasst werden sollten. Die Autoren plädieren konsequenterweise für ein abgestuftes, patientenzentriertes Vorgehen, einfache Maßnahmen wie Hintergrundmusik oder Atemübungen für viele Patienten, immersive oder strukturierte Verfahren (virtuelle Realität, kognitiv-verhaltensbezogene Ansätze) für stärker Betroffene.

Bei der Bewertung ist Zurückhaltung angebracht. Die Recherche stützte sich im Kern auf eine einzige Datenbank, die ausgeprägte Heterogenität der Literatur schloss eine Metaanalyse aus, viele Studien waren klein, und eine Verblindung ist bei diesen Interventionen naturgemäß schwierig (Risiko von Performance- und Detektionsbias). Langzeitdaten zur Dauerhaftigkeit der Angstreduktion fehlen weitgehend und die GRADE-Vertrauenswürdigkeit bleibt überwiegend niedrig.

Die Quintessenz für die Praxis ist daher maßvoll, aber belastbar: Nicht-pharmakologische Verfahren ersetzen keine indizierte Sedierung, sie sind jedoch wertvolle Begleitmaßnahmen, die das Behandlungserlebnis bei geringem Aufwand und Risiko verbessern können, vorausgesetzt, sie werden individuell ausgewählt und nicht schematisch angewandt.

Mažutė B.,Astramskaitė-Januševičienė I.,Juodžbalys G. et al.: Methods used in adult dental extraction patients to improve psychoemotional status: systematic review. BMC Oral Health(2026). doi.org/10.1186/s12903-026-08209-6.

Univ.-Prof. Dr. Dr. Peer W. Kämmerer

Leitender Oberarzt/
Stellvertr. Klinikdirektor
Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer-
und Gesichtschirurgie – Plastische
Operationen, Universitätsmedizin Mainz
Augustusplatz 2, 55131 Mainz

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