Die Spaltversorgung ist eine interdisziplinäre Langzeitbehandlung
LKGS gehören weltweit zu den häufigsten angeborenen Fehlbildungen. Für Europa werden 4,5 bis 12,5 Fälle je 10.000 Lebendgeborene angegeben, für Vietnam 5,4 bis 14,3 Fälle. Da in Vietnam mehr Kinder geboren werden als in vielen europäischen Ländern, ist somit auch die absolute Zahl der betroffenen Kinder hoch.
Die Entstehung ist multifaktoriell und beruht auf dem Zusammenspiel genetischer und umweltbedingter Faktoren während der frühen Embryonalentwicklung. Zu den maternalen Risikofaktoren zählen eine unzureichende perikonzeptionelle Versorgung mit Folsäure und anderen Mikronährstoffen, Rauchen, ein präexistenter Diabetes mellitus sowie bestimmte teratogene Medikamente, insbesondere Antiepileptika. Auch Alkohol, Infektionen und Mangelernährung werden als mögliche Einflussfaktoren diskutiert.
Dazu beeinflussen die sozioökonomischen Bedingungen die Ernährung, die Vorsorge und den Zugang zur Gesundheitsversorgung. Für eine ursächliche Bedeutung von Dioxinen aus Agent Orange, einem chemischen Entlaubungsmittel, das das US-Militär im Vietnamkrieg einsetzte, besteht trotz tierexperimenteller Hinweise bislang keine ausreichende epidemiologische Evidenz. Die Exposition gilt daher als möglicher, nicht als gesicherter Risikofaktor.
Leider ist die kontinuierliche interdisziplinäre Versorgung in Vietnam nicht flächendeckend gewährleistet. Große Zentren in Hanoi, Hue oder Ho-Chi-Minh-Stadt können umfassende Behandlungen anbieten, sind für Familien aus abgelegenen und wirtschaftlich benachteiligten Regionen jedoch häufig nur durch lange und kostspielige Reisen erreichbar. Internationale Teams mildern dieses Versorgungsdefizit, konzentrieren sich aber vielfach auf Primäreingriffe, insbesondere Lippenverschlüsse. Gaumenverschlüsse, Restlöcher und weitere Sekundäreingriffe bleiben teilweise unberücksichtigt, wie wir festgestellt haben.
Das Versorgungsdefizit vor allem auf dem Land ist groß
Deviemed wurde 1995 auf Initiative des vietnamesischen Kieferchirurgen Dr. Khue Do-Quang gegründet. Angesichts erheblicher Versorgungsdefizite bei Kindern mit Gesichtsspalten warb er bei seinen MKG-Kollegen in Deutschland um Unterstützung.
Als gemeinnützig anerkannte Vereinigung behandeln wir auch komplexe Primär- und Sekundärfälle. Bei den zwei jährlichen Einsätzen arbeiten MKG-Chirurgie, Anästhesie, HNO-Heilkunde, Logopädie, Kieferorthopädie sowie OP- und Anästhesiepflege zusammen – dadurch ermöglichen wir sowohl eine interdisziplinäre Patientenversorgung als auch die Weiterbildung lokaler Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte. Die Fortbildung vor Ort ist dabei ein zentraler Bestandteil der „Hilfe zur Selbsthilfe“.
Bald folgten Einsätze in Dong Hoi (1998), Hue (ab 1999), Da Nang (2001 bis 2025) und Hai Phong (2007 bis 2009). Da Nang war aufgrund seiner guten Verkehrsanbindung über viele Jahre das Zentrum der Arbeit. Da zuletzt weniger Patienten zu unserer kostenlosen Behandlung kamen und der Aufbau eines dauerhaft arbeitenden einheimischen Spaltzentrums nicht gelang, verlegten wir den Einsatzort 2025 nach Quy Nhon. Das dortige Gia Lai Provincial Central General Hospital verfügt über Kinder-, HNO- und MKG-Abteilungen und ermöglicht einen besseren Zugang für Familien aus entlegenen Bergregionen an den Grenzen zu Laos und Kambodscha.
Neben MKG-Chirurgen gehörten von Beginn an Anästhesisten, OP- und Anästhesiepflege sowie lokale Fachkräfte zu unserem Team. Unter anfangs schwierigen Bedingungen waren die fachliche Erfahrung und Improvisationsvermögen entscheidend. Vor allem in Hue und Da Nang gelang es uns, einheimische Anästhesieteams kontinuierlich fortzubilden.
Die langjährige medizinische und akademische Kooperation zwischen Deutschland und Vietnam über Prof. Tanja Jantzen ermöglichte den beiden vietnamesischen Anästhesisten Tat Dung Nguyen und Thuong Bui Thi aus Hue die erfolgreiche Promotion zum Dr. med. an der Universität Greifswald. Tat Dung Nguyen und Thuong Bui Thi unterstützten mit ihren Deutsch- und Englischkenntnissen die Kommunikation mit dem Personal und den Familien.
Deviemed operiert und bildet einheimische Kräfte aus
In Da Nang wurde über Jahre gemeinsam mit einem niedergelassenen HNO-Arzt die mikroskopgestützte Einlage von Paukenröhrchen etabliert. Nach dem Wechsel nach Quy Nhon entstand dort ebenfalls eine Kooperation mit der HNO-Abteilung. Künftig wollen wir gemeinsam auch Tympanoplastiken durchführen. Außerdem erhalten schwerhörige Kinder in Zusammenarbeit mit lokalen Hörgeräteakustikern gespendete Hörgeräte. Bereits in der Anfangszeit ermöglichte Dr. Christoph Greven aus Krefeld mit dem „Audiomobil“ die Diagnostik und Therapie von Mittelohrerkrankungen. Da Gaumenspalten häufig mit chronischen Mittelohrergüssen und daraus resultierenden Funktionseinbußen verbunden sind, haben die HNO-Behandlung und die Nachsorge besondere Bedeutung.
Viele der vorgestellten Kinder und Jugendlichen weisen Sprachauffälligkeiten auf. Für die Therapieplanung müssen wir entscheiden, ob eine logopädische Behandlung ausreicht oder ob ein sprechverbessernder Eingriff erforderlich ist. Da uns bislang kein flexibles Endoskop zur Beurteilung des velopharyngealen Verschlusses zur Verfügung steht, stützt sich die Funktionsdiagnostik wesentlich auf die Erfahrung der mitreisenden Logopädinnen.
Das Team der MKG-Abteilung motiviert die Kinder zudem mithilfe von Bildern und Malbüchern zum Sprechen. Ergänzend finden Elternseminare zu den Themen Sprache und Mundhygiene statt. Eine gute Mundhygiene ist bei Spaltfehlbildungen besonders wichtig, um Karies, einen vorzeitigen Stützzonenverlust und Einschränkungen einer späteren kieferorthopädischen Therapie zu vermeiden.
Der Fall: Huy Nie
Auch der Bedarf an qualifizierter kieferorthopädischer Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Spaltfehlbildungen ist groß. Seit 2008 engagieren sich Prof. Angelika Stellzig-Eisenhauer und Prof. Bert Braumann mit Seminaren und praxisorientierten Kursen in Da Nang und Hue. Nach einer umfassenden Diagnostik entwickeln sie dort individuelle Therapiepläne gemeinsam mit den behandelnden Zahnärzten und supervidieren die Behandlungen.
Unterstützt wird das Programm durch Dr. Tam Dam von der Universität Hue und Chi Pham aus Da Nang, die eine dreijährige kieferorthopädische Weiterbildung an der Universität Würzburg absolviert hat. Im Rahmen der Kooperation mit der Universität Hue wurden wissenschaftliche Projekte initiiert, die auch von der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie gefördert werden. Sachspenden wie Brackets, Bögen und Zangen sichern die Weiterbehandlung operierter Patienten.
Fazit
Die erfolgreiche Rehabilitation von Kindern mit Gesichtsspalten erfordert eine abgestimmte interdisziplinäre Langzeitbehandlung. Mit zwei Einsätzen pro Jahr und begrenzten finanziellen Mitteln kann Deviemed diese Versorgung allein nicht dauerhaft gewährleisten.
Während wir die Weiterbildung in der Anästhesie und in der Kieferorthopädie gut etablieren konnten, war der Aufbau nachhaltiger Strukturen in der MKG-Chirurgie schwieriger. In Vietnam ist keine ärztliche und zahnärztliche Doppelapprobation erforderlich; das Fach wird von unterschiedlich weitergebildeten Ärzten und Zahnärzten ausgeübt. Zudem ist der interdisziplinäre Behandlungsansatz nicht überall fest verankert.
Die (zunehmenden) chirurgischen Kurzzeiteinsätze ausländischer Teams führten nicht immer zu einer Weiterbildung der lokalen Teams oder zu besseren Langzeitergebnissen. Spezialisierte Kliniken bleiben für arme Familien aus den Bergregionen schwer erreichbar. Wir bemühen uns daher um langfristige Kooperationen mit örtlichen MKG-Abteilungen – und Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Dies wurde teilweise durch von Krankenhäusern verlangte Pauschalen für Patientenakquise und Kostendeckung erschwert.
Deviemed lebt von Spenden
Wenn Sie die interdisziplinäre Arbeit von Deviemed unterstützen wollen, können Sie spenden:
Deutsch-Vietnamesische Gesellschaft zur Förderung der Medizin in Vietnam e. V.
Niederrheinische Sparkasse RheinLippe
IBAN: DE71 3565 0000 0000 2301 44
BIC: WELADED1WES
Seit 1995 konnten wir insgesamt etwa 3.900 Patienten an den verschiedenen Einsatzorten versorgen. Langfristiges Ziel ist es, die Lebensqualität und die soziale Teilhabe von Menschen mit Spaltfehlbildungen in Vietnam zu verbessern. Durch den Dreiklang aus Behandlung, Fortbildung und gemeinsamer Qualitätssicherung sollen die funktionellen und die psychosozialen Ergebnisse sowie die lokalen Versorgungsstrukturen gestärkt werden. Besonders in den schwer zugänglichen Regionen Mittelvietnams besteht jedoch weiterhin ein erheblicher Bedarf an verlässlichen interdisziplinären Behandlungsangeboten.
Weitere Informationen finden Sie auf der Website www.deviemed.de.










