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Zwei Fallbeispiele zur Biologisierung des Augmentats

PRF in Implantologie und Parodontalchirurgie

Als autologes Blutkonzentrat dient PRF als biologisch aktive Matrix und Träger regenerativer Signalproteine. In Kombination mit Knochenersatzmaterialien oder Kollagenmembranen kann es die frühe Weichgewebsintegration unterstützen und den Volumenerhalt begünstigen. © Jens Weusmann
Torsten Conrad
,
Jens Weusmann
,
James Deschner
,
Shahram Ghanaati
  •  
Platelet-Rich Fibrin (PRF) kann den natürlichen Wundheilungsprozess nach oralchirurgischen Eingriffen beschleunigen. Anhand von zwei Fällen – Socket-Sealing mit späterer Implantation an Zahn 24 sowie einer Wurzelamputation an Zahn 26 – zeigen wir das Vorgehen, die Materialkombinationen und den Heilungsverlauf.

Der Behandlungsverlauf bestand aus zwei klinischen Teilindikationen: einer Socket Preservation mit späterer Implantation in regio 24 sowie einer Wurzelamputation mit Kamm-erhaltender Defekttherapie an Zahn 26. Sowohl beim implantologischen als auch beim parodontalchirurgischen Eingriff wurde PRF als Matrix (Plug) und/oder in flüssiger Form zur Biologisierung des Augmentats eingesetzt. Der Nahtverschluss erfolgte fallbezogen (primär oder nur adaptiert) mit einer strukturierten Nachsorge. Die Biologisierung des jeweiligen Augmentats mittels PRF wurde eingesetzt, um die frühe Wundheilung und die Gewebeintegration zu unterstützen.

Hintergrund

Der Ersatz entzündlich oder atrophisch verlorengegangener Knochensubstanz durch Augmentation ist seit Jahrzehnten etabliert. Klassischerweise wird ein dichter Wundverschluss angestrebt, um die bakterielle Besiedlung des Augmentats zu verhindern [Terheyden, 2021]. Terheyden weist darauf hin, dass eine makroskopisch feste Adaptation gut durchbluteter Wundränder keinen bakteriendichten Verschluss gewährleistet, die Biofilmbildung im Augmentat jedoch verzögern kann. In definierten Situationen kann dabei „die Barrierefunktion von PRF und Membranen ausreichen“.

Materialien und zelluläre Reaktionen

Augmentative Verfahren beruhen auf dem Zusammenspiel von Biomaterial, Defektmorphologie und zellulärer Wundheilungsantwort. Dabei treten Immunreaktionen mit mononukleären Zellen, Lymphozyten, Fibroblasten und Makrophagen auf. In einigen Fällen sind auch Fremdkörperreaktionen mit mehrkernigen Riesenzellen zu beobachten, die Einfluss auf die Integration und die Langzeitstabilität der Augmentation nehmen können [Al-Maawi et al., 2017]. Neben klassischen augmentativen Maßnahmen im Sinne einer Socket- oder Ridge Preservation kann der Alveolenverschluss mittels solider PRF-Plug-Matrix eine biologische Alternative beziehungsweise Ergänzung darstellen. Die S3-Leitlinie „Einsatz von Platelet-Rich Fibrin (PRF) in der dentalen Implantologie“ zeigt, dass der Alveolenverschluss mittels PRF-Plug den Volumenerhalt im Kieferkamm verbessern und den Verlust der Kieferkammbreite gegenüber spontaner Wundheilung reduzieren kann [AWMF, 2022]. PRF hat sich als ein vielversprechendes Biomaterial herausgestellt, das Heilungsprozesse unterstützen und die Regeneration von Knochen- und Weichgewebe fördern kann [Choukroun et al., 2006].

PRF-Zentrifugationsprotokolle

Platelet-Rich Fibrin ist ein autologes Blutkonzentrat, das ohne Zusatz von Antikoagulantien aus dem peripheren Blut des Patienten gewonnen wird [Choukroun et al., 2006; Ghanaati et al., 2014]. Es enthält eine hohe Konzentration an Thrombozyten, Leukozyten und Wachstumsfaktoren, die an der Geweberegeneration beteiligt sind. PRF kann in flüssiger oder in fester Form angewendet werden. [Ghanaati et al., 2014; Miron et al., 2017]. Das Low-Speed Centrifugation Concept (LSCC) beschreibt systematische Zentrifugationsprotokolle, bei denen die relative Zentrifugalkraft gezielt variiert wird. Die relative Zentrifugalkraft (RCF) beeinflusst die Anzahl der Zellen (Thrombozyten, Leukozyten sowie die Konzentration freigesetzter Wachstumsfaktoren) im Fibrin und die Menge des gewonnenen Fibrins. Die Bioaktivität steigt mit der Anzahl der Zellen. Das nach dem High-RCF-Protokoll gewonnene PRF enthält den größten Fibrinanteil. Das Low-RCF-Protokoll hingegen liefert besonders zellreiche PRF-Präparate mit hoher Bioaktivität – vorteilhaft für die Förderung der Angiogenese und der initialen Wundheilung [Ghanaati et al., 2014; Ghanaati & Al-Maawi, 2019].

Biologisierung mittels PRF

Ziel der Biologisierung ist die gezielte Modulation des Heilungsprozesses durch die Förderung regenerativer Zellantworten. Die Wirkung von PRF entfaltet sich über mehrere Mechanismen, dazu zählt seine Funktion als Reservoir für Wachstumsfaktoren (zum Beispiel PDGF, TGF-β, VEGF), als provisorische Matrixstruktur sowie als modulierender Stimulus für Makrophagen und Fibroblasten. Durch die hohe Zell- und Wachstumsfaktordichte in PRF können frühe inflammatorische und angiogene Prozesse moduliert werden, was die Gewebeintegration von Augmentaten beschleunigen kann [Choukroun et al., 2006; Al-Maawi et al., 2019]. Zahlreiche Studien zeigen, dass PRF die Heilung sowohl im Weich- als auch im Hartgewebe verbessert und gleichzeitig postoperativen Komplikationen vorbeugen kann [Miron et al., 2017]. Der Alveolenverschluss mittels PRF-Plug kann den Volumenerhalt gegenüber einer spontanen Heilung verbessern und wird in der S3-Leitlinie für offen abheilende Alveolen als Behandlungsoption genannt [AWMF, 2022; Sharma et al., 2020; Marenzi et al., 2015; Molina-Barahona et al., 2025]. Die Kombination von PRF mit Knochenersatzmaterialien oder Kollagenmembranen ermöglicht eine zusätzliche biologische Aufwertung herkömmlicher Augmentate, so auch bei Socket-Sealing, Ridge Preservation und implantologischen Behandlungen. 

Die 54-jährige Frau stellte sich mit Beschwerden an den Zähnen 24 und 26 vor. Ihr ausdrücklicher Wunsch war der größtmögliche Zahnerhalt. Im Verlauf stellte sich jedoch Zahn 24 als nicht erhaltbar heraus.

Zuerst wird separat das Procedere an Zahn 24 beschrieben, auch wenn sich die Therapieschritte zum Teil zeitlich überlappten. Das PRF wurde in diesem Fall als unterstützendes Biomaterial eingesetzt, um mittels Biologisierung des xenogenen Knochenersatzmaterials den Heilungsprozess zu fördern und das Volumen des Kieferkamms zu erhalten. Die Wundheilung verlief zufriedenstellend und es zeigte sich ein stabiler Volumenerhalt im Bereich des Kieferkamms nach der Operation.

Kasuistik 24

Anamnese und Diagnostik

Die systemisch gesunde Patientin stellte sich mit einer rezidivierenden Entzündung des Zahnes 24 vor. Aufgrund der klinischen Symptomatik in Verbindung mit der DVT-Aufnahme konnte die Diagnose „Längsfraktur der Wurzel des Zahns 24“ gestellt werden (Abbildung 1).

Chirurgisches Vorgehen – Phase 1

Der längsfrakturierte Zahn 24 wurde extrahiert, das Granulationsgewebe sorgfältig entfernt (Abbildung 2a) und anschließend mittels antimikrobieller photodynamischer Therapie (aPDT) (Fa. Helbo, Wels, Österreich) die Extraktionsalveole dekontaminiert.

Aufgrund der ausgedehnten Infektion und des Verlusts der vestibulären Knochenlamelle wurde auf eine primäre Augmentation verzichtet. Stattdessen erfolgte der Alveolenverschluss leitlinienorientiert mittels zweier PRF-Plugs, die mit einer PTFE-Kreuznaht (4-0) fixiert wurden. Dafür wurde das High-RCF-Protokoll (710 ×g) verwendet. Nach der Zentrifugation wurde der Fibrin-Clot von den Erythrozyten (rote Phase) getrennt und zu einem PRF-Plug gepresst (Abbildung 3).

Chirurgisches Vorgehen – Phase 2

Neun Monate später war die Alveole zufriedenstellend mit neu gebildetem Knochengewebe gefüllt. Daraufhin wurde ein Zirkonoxidimplantat (SDS 1.2; Durchmesser 3,8 mm, Länge 14 mm; Swiss Dental Solutions, Kreuzlingen, Schweiz) inseriert (Abbildung 6) und der Implantationssitus mit einem Augmentat aus porcinem deproteiniertem Knochen (90 Prozent) und porcinem Kollagen (10 Prozent) (Fa. Purgo, Seongnam, Korea. Produkt Purgo THE Graft™ Collagen), das zuvor mit flüssigem PRF (Low-RCF-Protokoll 44 ×g) biologisiert worden war, aufgefüllt.

Das Augmentat wurde mit einer porcinen Kollagenmembran (Purgo BioCover™) abgedeckt und mittels PTFE-Nähten (4-0) befestigt (Abbildung 7) und das Implantat provisorisch versorgt (Abbildung 9).

Verlauf und klinisches Ergebnis

Im weiteren Verlauf zeigte sich elf Tage post OP eine suffiziente klinisch sichtbare Wundheilung (Abbildung 9), die nach zehn Wochen weitgehend abgeschlossen erschien (Abbildung 10). Nebenbefundlich war ein teilweiser Verlust der provisorischen Versorgung zu erkennen.

Zwölf Wochen nach Implantation konnte das Implantat mit einer definitiven, zementierten Krone versorgt werden (Zirkonoxid verblendet) (Abbildung 11).

Kasuistik 26

Im Anschluss an die beschriebene Implantatversorgung stellte sich die Patientin aufgrund des DVT-Befunds sowie der subjektiv empfundenen parodontalen Entzündung in regio 26 vor.

Anamnese und Befund

Klinisch zeigte sich eine rezidivierende Fistelbildung an Zahn 26 im mesiovestibulären Bereich. Die Sondierungstiefen waren unauffällig, bis auf den mesialen Bereich, wo sie mit 11  mm mesial und 10  mm palatinal pathologisch erhöht waren. Unter Berücksichtigung des Röntgenbefunds (Abbildung 12) konnte die Diagnose „Längsfraktur der mesialen Wurzel 26“ gestellt werden.

Chirurgisches Vorgehen

Es erfolgte eine minimalinvasive Lappenbildung mittels modified papilla preservation flap (MPPF) an Zahn 26 (Abbildung 14) und die Amputation der mesialen Wurzel (Abbildung 15). Anschließend wurde xenogenes bovines Knochenersatzmaterial mit Kollagen mit flüssigem PRF (Low-RCF-Protokoll, 44 ×g) biologisiert und in den Defekt eingebracht.

Distal erfolgte eine primäre Adaptation der Wundränder, während mesial bewusst eine Sekundärheilung angestrebt wurde – die Wundränder wurden lediglich mit monofiler Polypropylen-Naht 6-0 adaptiert (Abbildung 16).

Verlauf und Ergebnis

14 Tage postoperativ bei der Nahtentfernung zeigten sich klinisch entzündungsfreie Verhältnisse (Abbildung 17). Sechs Monate postoperativ erfolgte die Kronenversorgung.

Abbildung 19 zeigt die Situation 18 Monate postoperativ nach Versorgung mit einer definitiven Restauration (Zirkonoxid verblendet). Deutlich sichtbar ist der Erhalt der vestibulären und der vertikalen Kieferkammdimension.

Diskussion und Ausblick

PRF enthält Thrombozyten-/Leukozyten-reiche Fraktionen und Wachstumsfaktoren und kann frühe angiogene sowie zelluläre Prozesse unterstützen. In den gezeigten Fällen wurde PRF als Schutz-/Leitmatrix und zur Biologisierung von Augmentaten verwendet; potenzielle Vorteile betreffen die frühe Gewebeorganisation, die Koagelstabilität und den Patientenkomfort bei reduzierter Weichgewebsmobilisation.

Eine generelle Überlegenheit gegenüber vollständig geschlossenen Verfahren lässt sich daraus nicht ableiten; die Indikationsstellung und Defektmorphologie bleiben entscheidend. Die vorgestellten Kasuistiken verdeutlichen das klinische Potenzial biologisierter Therapiekonzepte.

PRF als autologes Biomaterial kann eine biologisch unterstützte Wundheilung fördern und in ausgewählten Situationen eine reduzierte Weichgewebemanipulation ermöglichen. Trotz vielversprechender klinischer Beobachtungen bedarf es weiterer prospektiver Studien mit größeren Fallzahlen, um die Langzeiteffekte von PRF-Protokollen im Vergleich zu etablierten Verfahren zu evaluieren. Auch die klinische Standardisierung der PRF-Anwendung – insbesondere hinsichtlich der Materialkombinationen – bleibt ein zukunftsweisendes Thema.

Literaturliste

  • Al-Maawi, S., Orlowska, A., Sader, R., Kirkpatrick, C. J., & Ghanaati, S. (2017). In vivo cellular reactions to different biomaterials—Physiological and pathological aspects and their consequences. Seminars in Immunology, 29, 49–61. doi.org/10.1016/j.smim.2017.06.001.

  • Al-Maawi, S., Herrera-Vizcaíno, C., Orlowska, A., Willershausen, I., Sader, R., Miron, R. J., Choukroun, J., & Ghanaati, S. (2019). Biologization of collagen-based biomaterials using liquid-platelet-rich fibrin: New insights into clinically applicable tissue engineering. Materials, 12(23), 3993. doi.org/10.3390/ma12233993.

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. (2022). S3-Leitlinie: Einsatz von Platelet-Rich-Fibrin (PRF) in der dentalen Implantologie (AWMF-Registernummer 083-042, Langfassung, Stand Dezember 2022). Deutsche Gesellschaft für Implantologie im Zahn-, Mund- und Kieferbereich (DGI) / Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK).

  • Choukroun, J., Diss, A., Simonpieri, A., Girard, M.-O., Schoeffler, C., Dohan, S. L., Dohan, A. J. J., Mouhyi, J., & Dohan, D. M. (2006). Platelet-rich fibrin (PRF): A second-generation platelet concentrate. Part IV: Clinical effects on tissue healing. Oral Surgery, Oral Medicine, Oral Pathology, Oral Radiology, and Endodontology, 101(3), e56–e60. doi.org/10.1016/j.tripleo.2005.07.011.

  • Choukroun, J., & Ghanaati, S. (2018). Reduction of relative centrifugation force within injectable platelet-rich-fibrin (PRF) concentrates advances patients’ own inflammatory cells, platelets and growth factors: The first introduction to the low speed centrifugation concept. European Journal of Trauma and Emergency Surgery, 44(1), 87–95. doi.org/10.1007/s00068-017-0767-9.

  • Ghanaati, S., Booms, P., Orlowska, A., Kubesch, A., Lorenz, J., Rutkowski, J., Landes, C., Sader, R., Kirkpatrick, C. J., & Choukroun, J. (2014). Advanced platelet-rich fibrin: A new concept for cell-based tissue engineering by means of inflammatory cells. Journal of Oral Implantology, 40(6), 679–689. doi.org/10.1563/aaid-joi-D-14-00138.

  • Ghanaati, S., & Al-Maawi, S. (2018). Autologe Alternative: Herstellung von PRF gemäß des Low-Speed Centrifugation Concept (LSCC) zur Knochen- und Weichgeweberegeneration. teamwork, 3/2018, Sonderdruck.

  • Ghanaati, S., & Al-Maawi, S. (2019). Autologes Blutkonzentrat zur Unterstützung der Regeneration: Platelet Rich Fibrin (PRF). Implantologie Journal, 11/2019, 14–17.

  • Marenzi, G., Riccitiello, F., Tia, M., di Lauro, A., & Sammartino, G. (2015). Influence of leukocyte- and platelet-rich fibrin (L-PRF) in the healing of simple postextraction sockets: A split-mouth study. BioMed Research International, 2015, 369273. doi.org/10.1155/2015/369273.

  • Miron, R. J., Zucchelli, G., Pikos, M. A., Salama, M., Lee, S., Guillemette, V., Fujioka-Kobayashi, M., Bishara, M., Zhang, Y., Wang, H.-L., Chandad, F., Nacopoulos, C., Simonpieri, A., Aalam, A. A., Felice, P., Sammartino, G., Ghanaati, S., Hernandez, M. A., & Choukroun, J. (2017). Use of platelet-rich fibrin in regenerative dentistry: A systematic review. Clinical Oral Investigations, 21(6), 1913–1927. doi.org/10.1007/s00784-017-2133-z.

  • Molina-Barahona, M., Castillo, J., Freire-Meza, E., Vásquez-Palacios, A. C., Morales-Navarro, D., & Avecillas-Rodas, R. (2025). Radiographic evaluation in alveolar preservation using platelet-rich fibrin: A randomized controlled trial. Dentistry Journal, 13(6), 231. doi.org/10.3390/dj13060231.

  • Sharma, A., Ingole, S., Deshpande, M., Ranadive, P., Sharma, S., Kazi, N., & Rajurkar, S. (2020). Influence of platelet-rich fibrin on wound healing and bone regeneration after tooth extraction: A clinical and radiographic study. Journal of Oral Biology and Craniofacial Research, 10(4), 385–390. doi.org/10.1016/j.jobcr.2020.06.012.

  • Terheyden, H. (2021). Augmentationschirurgie: Biologische Grundlagen, Operationstechniken, klinische Herausforderungen (1. Aufl.). Quintessenz Verlag. ISBN 978-3-86867-548-1.

Platelet-Rich Fibrin (PRF) kann den natürlichen Wundheilungsprozess nach oralchirurgischen Eingriffen beschleunigen. Anhand von zwei Fällen – Socket-Sealing mit späterer Implantation an Zahn 24 sowie einer Wurzelamputation an Zahn 26 – zeigen wir das Vorgehen, die Materialkombinationen und den Heilungsverlauf.

Der Behandlungsverlauf bestand aus zwei klinischen Teilindikationen: einer Socket Preservation mit späterer Implantation in regio 24 sowie einer Wurzelamputation mit Kamm-erhaltender Defekttherapie an Zahn 26. Sowohl beim implantologischen als auch beim parodontalchirurgischen Eingriff wurde PRF als Matrix (Plug) und/oder in flüssiger Form zur Biologisierung des Augmentats eingesetzt. Der Nahtverschluss erfolgte fallbezogen (primär oder nur adaptiert) mit einer strukturierten Nachsorge. Die Biologisierung des jeweiligen Augmentats mittels PRF wurde eingesetzt, um die frühe Wundheilung und die Gewebeintegration zu unterstützen.

Hintergrund

Der Ersatz entzündlich oder atrophisch verlorengegangener Knochensubstanz durch Augmentation ist seit Jahrzehnten etabliert. Klassischerweise wird ein dichter Wundverschluss angestrebt, um die bakterielle Besiedlung des Augmentats zu verhindern [Terheyden, 2021]. Terheyden weist darauf hin, dass eine makroskopisch feste Adaptation gut durchbluteter Wundränder keinen bakteriendichten Verschluss gewährleistet, die Biofilmbildung im Augmentat jedoch verzögern kann. In definierten Situationen kann dabei „die Barrierefunktion von PRF und Membranen ausreichen“.

Materialien und zelluläre Reaktionen

Augmentative Verfahren beruhen auf dem Zusammenspiel von Biomaterial, Defektmorphologie und zellulärer Wundheilungsantwort. Dabei treten Immunreaktionen mit mononukleären Zellen, Lymphozyten, Fibroblasten und Makrophagen auf. In einigen Fällen sind auch Fremdkörperreaktionen mit mehrkernigen Riesenzellen zu beobachten, die Einfluss auf die Integration und die Langzeitstabilität der Augmentation nehmen können [Al-Maawi et al., 2017]. Neben klassischen augmentativen Maßnahmen im Sinne einer Socket- oder Ridge Preservation kann der Alveolenverschluss mittels solider PRF-Plug-Matrix eine biologische Alternative beziehungsweise Ergänzung darstellen. Die S3-Leitlinie „Einsatz von Platelet-Rich Fibrin (PRF) in der dentalen Implantologie“ zeigt, dass der Alveolenverschluss mittels PRF-Plug den Volumenerhalt im Kieferkamm verbessern und den Verlust der Kieferkammbreite gegenüber spontaner Wundheilung reduzieren kann [AWMF, 2022]. PRF hat sich als ein vielversprechendes Biomaterial herausgestellt, das Heilungsprozesse unterstützen und die Regeneration von Knochen- und Weichgewebe fördern kann [Choukroun et al., 2006].

PRF-Zentrifugationsprotokolle

Platelet-Rich Fibrin ist ein autologes Blutkonzentrat, das ohne Zusatz von Antikoagulantien aus dem peripheren Blut des Patienten gewonnen wird [Choukroun et al., 2006; Ghanaati et al., 2014]. Es enthält eine hohe Konzentration an Thrombozyten, Leukozyten und Wachstumsfaktoren, die an der Geweberegeneration beteiligt sind. PRF kann in flüssiger oder in fester Form angewendet werden. [Ghanaati et al., 2014; Miron et al., 2017]. Das Low-Speed Centrifugation Concept (LSCC) beschreibt systematische Zentrifugationsprotokolle, bei denen die relative Zentrifugalkraft gezielt variiert wird. Die relative Zentrifugalkraft (RCF) beeinflusst die Anzahl der Zellen (Thrombozyten, Leukozyten sowie die Konzentration freigesetzter Wachstumsfaktoren) im Fibrin und die Menge des gewonnenen Fibrins. Die Bioaktivität steigt mit der Anzahl der Zellen. Das nach dem High-RCF-Protokoll gewonnene PRF enthält den größten Fibrinanteil. Das Low-RCF-Protokoll hingegen liefert besonders zellreiche PRF-Präparate mit hoher Bioaktivität – vorteilhaft für die Förderung der Angiogenese und der initialen Wundheilung [Ghanaati et al., 2014; Ghanaati & Al-Maawi, 2019].

Biologisierung mittels PRF

Ziel der Biologisierung ist die gezielte Modulation des Heilungsprozesses durch die Förderung regenerativer Zellantworten. Die Wirkung von PRF entfaltet sich über mehrere Mechanismen, dazu zählt seine Funktion als Reservoir für Wachstumsfaktoren (zum Beispiel PDGF, TGF-β, VEGF), als provisorische Matrixstruktur sowie als modulierender Stimulus für Makrophagen und Fibroblasten. Durch die hohe Zell- und Wachstumsfaktordichte in PRF können frühe inflammatorische und angiogene Prozesse moduliert werden, was die Gewebeintegration von Augmentaten beschleunigen kann [Choukroun et al., 2006; Al-Maawi et al., 2019]. Zahlreiche Studien zeigen, dass PRF die Heilung sowohl im Weich- als auch im Hartgewebe verbessert und gleichzeitig postoperativen Komplikationen vorbeugen kann [Miron et al., 2017]. Der Alveolenverschluss mittels PRF-Plug kann den Volumenerhalt gegenüber einer spontanen Heilung verbessern und wird in der S3-Leitlinie für offen abheilende Alveolen als Behandlungsoption genannt [AWMF, 2022; Sharma et al., 2020; Marenzi et al., 2015; Molina-Barahona et al., 2025]. Die Kombination von PRF mit Knochenersatzmaterialien oder Kollagenmembranen ermöglicht eine zusätzliche biologische Aufwertung herkömmlicher Augmentate, so auch bei Socket-Sealing, Ridge Preservation und implantologischen Behandlungen. 

Die 54-jährige Frau stellte sich mit Beschwerden an den Zähnen 24 und 26 vor. Ihr ausdrücklicher Wunsch war der größtmögliche Zahnerhalt. Im Verlauf stellte sich jedoch Zahn 24 als nicht erhaltbar heraus.

Zuerst wird separat das Procedere an Zahn 24 beschrieben, auch wenn sich die Therapieschritte zum Teil zeitlich überlappten. Das PRF wurde in diesem Fall als unterstützendes Biomaterial eingesetzt, um mittels Biologisierung des xenogenen Knochenersatzmaterials den Heilungsprozess zu fördern und das Volumen des Kieferkamms zu erhalten. Die Wundheilung verlief zufriedenstellend und es zeigte sich ein stabiler Volumenerhalt im Bereich des Kieferkamms nach der Operation.

Kasuistik 24

Anamnese und Diagnostik

Die systemisch gesunde Patientin stellte sich mit einer rezidivierenden Entzündung des Zahnes 24 vor. Aufgrund der klinischen Symptomatik in Verbindung mit der DVT-Aufnahme konnte die Diagnose „Längsfraktur der Wurzel des Zahns 24“ gestellt werden (Abbildung 1).

Chirurgisches Vorgehen – Phase 1

Der längsfrakturierte Zahn 24 wurde extrahiert, das Granulationsgewebe sorgfältig entfernt (Abbildung 2a) und anschließend mittels antimikrobieller photodynamischer Therapie (aPDT) (Fa. Helbo, Wels, Österreich) die Extraktionsalveole dekontaminiert.

Aufgrund der ausgedehnten Infektion und des Verlusts der vestibulären Knochenlamelle wurde auf eine primäre Augmentation verzichtet. Stattdessen erfolgte der Alveolenverschluss leitlinienorientiert mittels zweier PRF-Plugs, die mit einer PTFE-Kreuznaht (4-0) fixiert wurden. Dafür wurde das High-RCF-Protokoll (710 ×g) verwendet. Nach der Zentrifugation wurde der Fibrin-Clot von den Erythrozyten (rote Phase) getrennt und zu einem PRF-Plug gepresst (Abbildung 3).

Chirurgisches Vorgehen – Phase 2

Neun Monate später war die Alveole zufriedenstellend mit neu gebildetem Knochengewebe gefüllt. Daraufhin wurde ein Zirkonoxidimplantat (SDS 1.2; Durchmesser 3,8 mm, Länge 14 mm; Swiss Dental Solutions, Kreuzlingen, Schweiz) inseriert (Abbildung 6) und der Implantationssitus mit einem Augmentat aus porcinem deproteiniertem Knochen (90 Prozent) und porcinem Kollagen (10 Prozent) (Fa. Purgo, Seongnam, Korea. Produkt Purgo THE Graft™ Collagen), das zuvor mit flüssigem PRF (Low-RCF-Protokoll 44 ×g) biologisiert worden war, aufgefüllt.

Das Augmentat wurde mit einer porcinen Kollagenmembran (Purgo BioCover™) abgedeckt und mittels PTFE-Nähten (4-0) befestigt (Abbildung 7) und das Implantat provisorisch versorgt (Abbildung 9).

Verlauf und klinisches Ergebnis

Im weiteren Verlauf zeigte sich elf Tage post OP eine suffiziente klinisch sichtbare Wundheilung (Abbildung 9), die nach zehn Wochen weitgehend abgeschlossen erschien (Abbildung 10). Nebenbefundlich war ein teilweiser Verlust der provisorischen Versorgung zu erkennen.

Zwölf Wochen nach Implantation konnte das Implantat mit einer definitiven, zementierten Krone versorgt werden (Zirkonoxid verblendet) (Abbildung 11).

Kasuistik 26

Im Anschluss an die beschriebene Implantatversorgung stellte sich die Patientin aufgrund des DVT-Befunds sowie der subjektiv empfundenen parodontalen Entzündung in regio 26 vor.

Anamnese und Befund

Klinisch zeigte sich eine rezidivierende Fistelbildung an Zahn 26 im mesiovestibulären Bereich. Die Sondierungstiefen waren unauffällig, bis auf den mesialen Bereich, wo sie mit 11  mm mesial und 10  mm palatinal pathologisch erhöht waren. Unter Berücksichtigung des Röntgenbefunds (Abbildung 12) konnte die Diagnose „Längsfraktur der mesialen Wurzel 26“ gestellt werden.

Chirurgisches Vorgehen

Es erfolgte eine minimalinvasive Lappenbildung mittels modified papilla preservation flap (MPPF) an Zahn 26 (Abbildung 14) und die Amputation der mesialen Wurzel (Abbildung 15). Anschließend wurde xenogenes bovines Knochenersatzmaterial mit Kollagen mit flüssigem PRF (Low-RCF-Protokoll, 44 ×g) biologisiert und in den Defekt eingebracht.

Distal erfolgte eine primäre Adaptation der Wundränder, während mesial bewusst eine Sekundärheilung angestrebt wurde – die Wundränder wurden lediglich mit monofiler Polypropylen-Naht 6-0 adaptiert (Abbildung 16).

Verlauf und Ergebnis

14 Tage postoperativ bei der Nahtentfernung zeigten sich klinisch entzündungsfreie Verhältnisse (Abbildung 17). Sechs Monate postoperativ erfolgte die Kronenversorgung.

Abbildung 19 zeigt die Situation 18 Monate postoperativ nach Versorgung mit einer definitiven Restauration (Zirkonoxid verblendet). Deutlich sichtbar ist der Erhalt der vestibulären und der vertikalen Kieferkammdimension.

Diskussion und Ausblick

PRF enthält Thrombozyten-/Leukozyten-reiche Fraktionen und Wachstumsfaktoren und kann frühe angiogene sowie zelluläre Prozesse unterstützen. In den gezeigten Fällen wurde PRF als Schutz-/Leitmatrix und zur Biologisierung von Augmentaten verwendet; potenzielle Vorteile betreffen die frühe Gewebeorganisation, die Koagelstabilität und den Patientenkomfort bei reduzierter Weichgewebsmobilisation.

Eine generelle Überlegenheit gegenüber vollständig geschlossenen Verfahren lässt sich daraus nicht ableiten; die Indikationsstellung und Defektmorphologie bleiben entscheidend. Die vorgestellten Kasuistiken verdeutlichen das klinische Potenzial biologisierter Therapiekonzepte.

PRF als autologes Biomaterial kann eine biologisch unterstützte Wundheilung fördern und in ausgewählten Situationen eine reduzierte Weichgewebemanipulation ermöglichen. Trotz vielversprechender klinischer Beobachtungen bedarf es weiterer prospektiver Studien mit größeren Fallzahlen, um die Langzeiteffekte von PRF-Protokollen im Vergleich zu etablierten Verfahren zu evaluieren. Auch die klinische Standardisierung der PRF-Anwendung – insbesondere hinsichtlich der Materialkombinationen – bleibt ein zukunftsweisendes Thema.

Literaturliste

  • Al-Maawi, S., Orlowska, A., Sader, R., Kirkpatrick, C. J., & Ghanaati, S. (2017). In vivo cellular reactions to different biomaterials—Physiological and pathological aspects and their consequences. Seminars in Immunology, 29, 49–61. doi.org/10.1016/j.smim.2017.06.001.

  • Al-Maawi, S., Herrera-Vizcaíno, C., Orlowska, A., Willershausen, I., Sader, R., Miron, R. J., Choukroun, J., & Ghanaati, S. (2019). Biologization of collagen-based biomaterials using liquid-platelet-rich fibrin: New insights into clinically applicable tissue engineering. Materials, 12(23), 3993. doi.org/10.3390/ma12233993.

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. (2022). S3-Leitlinie: Einsatz von Platelet-Rich-Fibrin (PRF) in der dentalen Implantologie (AWMF-Registernummer 083-042, Langfassung, Stand Dezember 2022). Deutsche Gesellschaft für Implantologie im Zahn-, Mund- und Kieferbereich (DGI) / Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK).

  • Choukroun, J., Diss, A., Simonpieri, A., Girard, M.-O., Schoeffler, C., Dohan, S. L., Dohan, A. J. J., Mouhyi, J., & Dohan, D. M. (2006). Platelet-rich fibrin (PRF): A second-generation platelet concentrate. Part IV: Clinical effects on tissue healing. Oral Surgery, Oral Medicine, Oral Pathology, Oral Radiology, and Endodontology, 101(3), e56–e60. doi.org/10.1016/j.tripleo.2005.07.011.

  • Choukroun, J., & Ghanaati, S. (2018). Reduction of relative centrifugation force within injectable platelet-rich-fibrin (PRF) concentrates advances patients’ own inflammatory cells, platelets and growth factors: The first introduction to the low speed centrifugation concept. European Journal of Trauma and Emergency Surgery, 44(1), 87–95. doi.org/10.1007/s00068-017-0767-9.

  • Ghanaati, S., Booms, P., Orlowska, A., Kubesch, A., Lorenz, J., Rutkowski, J., Landes, C., Sader, R., Kirkpatrick, C. J., & Choukroun, J. (2014). Advanced platelet-rich fibrin: A new concept for cell-based tissue engineering by means of inflammatory cells. Journal of Oral Implantology, 40(6), 679–689. doi.org/10.1563/aaid-joi-D-14-00138.

  • Ghanaati, S., & Al-Maawi, S. (2018). Autologe Alternative: Herstellung von PRF gemäß des Low-Speed Centrifugation Concept (LSCC) zur Knochen- und Weichgeweberegeneration. teamwork, 3/2018, Sonderdruck.

  • Ghanaati, S., & Al-Maawi, S. (2019). Autologes Blutkonzentrat zur Unterstützung der Regeneration: Platelet Rich Fibrin (PRF). Implantologie Journal, 11/2019, 14–17.

  • Marenzi, G., Riccitiello, F., Tia, M., di Lauro, A., & Sammartino, G. (2015). Influence of leukocyte- and platelet-rich fibrin (L-PRF) in the healing of simple postextraction sockets: A split-mouth study. BioMed Research International, 2015, 369273. doi.org/10.1155/2015/369273.

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Dr. Torsten Conrad

Zahnarztpraxis Dr. Torsten Conrad
Heinrichstr. 10, 55411 Bingen

PD Dr. Jens Weusmann

Universitätsmedizin der
Johannes Gutenberg-Universität Mainz,
Klinik für Parodontologie
und Zahnerhaltung
Augustusplatz 2, 55131 Mainz

Prof. Dr. James Deschner

Universitätsmedizin der
Johannes Gutenberg-Universität Mainz,
Klinik für Parodontologie
und Zahnerhaltung
Augustusplatz 2, 55131 Mainz

Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dr. med. habil. Shahram Ghanaati

Universitätsklinikum Frankfurt,
Klinik für Mund-, Kiefer-,
Plastische Gesichtschirurgie
Theodor-Stern-Kai 7, Haus 23 B,
60590 Frankfurt am Main

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