Überreglementierung und wirtschaftliche Zwänge erdrücken die Zahnärzteschaft
Wie steht es um die zahnmedizinische Versorgung in Berlin?
Dr. Jana Lo Scalzo (KZV Berlin): Die gute Nachricht vorweg: Die Versorgung ist gesichert. Aber sie ist kein Selbstläufer. Die Zahl der Zahnärztinnen und Zahnärzte in Berlin ist seit vielen Jahren stabil. Gleichzeitig sinkt allerdings die Zahl der Praxen, weil immer mehr Zahnärzte angestellt arbeiten. Zudem ist in Berlin – wie in vielen anderen Bundesländern – der Altersdurchschnitt der aktiven Zahnärzte recht hoch. Dieser Strukturwandel verändert die ambulante Versorgung. Deshalb muss die Politik jetzt die Rahmenbedingungen für Praxisstandorte und insbesondere für die Niederlassung stärken, damit die Versorgung in den Bezirken auch langfristig wohnortnah und flächendeckend gesichert bleibt.
Dr. Bianca Göpner-Fleige (ZÄK Berlin): Insgesamt ist die zahnmedizinische Versorgung in Berlin gut. Jedoch gibt es in einigen Bezirken eine hohe Dichte zahnärztlicher Versorgung und in einigen wenigen tendenziell eine Unterversorgung. Wer in Berlin von Fachkräftemangel spricht, meint eher ein Verteilungsproblem. Alle wollen an den Ku’damm, nur wenige nach Spandau oder Hellersdorf.
Welche Themen beschäftigen die Zahnärztinnen und Zahnärzte?
Lo Scalzo: Die Berliner Zahnärzteschaft blickt mit großer Sorge auf die Entwicklung des zahnärztlichen Versorgungswerks. Gleichzeitig erleben die Praxen immer mehr gesetzliche Eingriffe und Einschränkungen. Auf Bundesebene verschärft das kürzlich verabschiedete GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz den wirtschaftlichen Druck. Auch mögliche weitere einschränkende strukturelle Vorgaben durch die „Finanzkommission Gesundheit“ bis Ende 2026 werden kritisch gesehen. Um die Versorgung zu sichern, brauchen wir dringend gute, verlässliche statt ständig wechselnde Rahmenbedingungen.
Göpner-Fleige: Die Berliner Zahnärzte belasten im Praxisalltag vor allem die ausufernde Bürokratie, die Digitalisierung sowie Sicherheits- und Hygieneanforderungen. Wir sind völlig überreglementiert. Alle wiederholen mantraartig den Bürokratieabbau, und trotzdem wird durch immer weitere Vorgaben immer mehr Bürokratie geschaffen.
Mit welchen Schwierigkeiten kämpft die Zahnärzteschaft?
Lo Scalzo: Die Berliner Zahnarztpraxen stehen zunehmend unter Kostendruck und gleichzeitig fehlt es an Fachkräften. Steigende Personal-, Energie-, Material- und Dienstleistungskosten treffen auf ein deutlich schwächeres Umsatzwachstum. Die Bürokratie nimmt weiter zu. Das bindet Zeit und Ressourcen, die in der Versorgung fehlen. Besonders für kleinere und inhabergeführte Praxen wird es zunehmend schwieriger, wirtschaftlich zu arbeiten und gleichzeitig attraktive Arbeitsplätze anzubieten und damit in die Zukunft des Praxisstandorts zu investieren.
Göpner-Fleige: Unseren Praxen bereiten die ausufernde Bürokratie und die Digitalisierung große Probleme und Hindernisse. Wenn zum Beispiel neue TI-Vorgaben umgesetzt werden müssen, arbeiten wir oft auch abends oder am Wochenende daran, unsere Praxen fit und angebunden zu halten. Belastend sind auch massive Kostensteigerungen durch Einhaltung von immer höheren Sicherheitsauflagen und Validierungspflichten. Wer soll das alles bezahlen?
Übertriebene Sicherheits- und Hygieneanforderungen, wie zum Beispiel der Leiterbeauftragte, geben uns zeitlich, inhaltlich und kapazitiv den Rest. Eine Zahnärzteschaft, der das Wohl der Patienten anvertraut ist, ist wohl in der Lage, betriebssichere Leitern einzusetzen.
Eine weitere Herausforderung ist es, für uns zahnmedizinisches Fachpersonal zu finden und langfristig zu binden, das bezahlbar ist und auch bereit ist, mehr als halbtags tätig zu sein. Daher kann man auch bei der Berliner Ausbildungsplatzabgabe ab zehn Mitarbeitern nur den Kopf schütteln.
Eine besondere und große Herausforderung für die Berliner Zahnärzteschaft ist die aktuell laufende Aufklärung der Verluste des Versorgungswerks. Es ist mehr als verständlich und nach aktuell öffentlich bekanntem Ermittlungsstand wohl leider auch berechtigt, dass sich die Kolleginnen und Kollegen Sorgen um ihre Altersversorgung machen. Als Standesvertretung der Berliner Zahnärzteschaft begrüßen wir alle Maßnahmen, die zu einer transparenten Klärung der aktuellen Situation beitragen und die Sicherung unserer Altersversorgung zum Ziel haben. Den neu gewählten Gremien im Versorgungswerk sollte volles Vertrauen entgegengebracht werden. Fokus muss jetzt sein, neben der Ursachenanalyse das verbliebene Vermögen und damit die Renten zu sichern.
Trotz all dieser genannten Herausforderungen lag die Wahlbeteiligung zur Delegiertenwahl der ZÄK Berlin nur bei 35 Prozent. Das heißt, es fehlt leider auch an Engagement und Beteiligung unserer Kollegenschaft selbst. Wir brauchen politischen Nachwuchs!
Welche Forderungen haben Sie an die Landespolitik?
Lo Scalzo: Die Politik muss die Versorgung stärken, statt ihre Grundlagen weiter zu schwächen. Wir fordern, Prävention dauerhaft zu sichern, nicht nur, aber insbesondere für vulnerable Patientengruppen. Praxisstandorte müssen gestärkt und die Rahmenbedingungen für die ambulante Versorgung verbessert werden. Beim Bürokratieabbau brauchen wir gemeinsam mit der Politik konkrete und wirksame Lösungen. Für Reformen gilt: Wer Versorgung ändern möchte, muss diejenigen beteiligen, die sie täglich leisten. Die zahnärztlichen Organisationen gehören deshalb immer an den Verhandlungstisch.
Göpner-Fleige: Ich wünsche mir und stehe sehr gerne für einen regelmäßigen Austausch mit der Politik zu all unseren Belangen zur Verfügung. Eine konstruktive Kommunikation miteinander ist elementar. Wir schildern unsere Sorgen und Probleme, möchten gehört werden und gemeinsam praxisnahe Lösungen erarbeiten. Wichtig ist mir hierbei nicht nur das bloße Ansprechen, sondern das Lösen und vor allem das Umsetzen.
Wir sind für die Gesundheitsversorgung der Stadt essenziell. Mit unseren über 6.200 großartigen Kolleginnen und Kollegen in Berlin erfüllen wir nicht nur zahnmedizinische Belange. Wir leisten einen wichtigen Teil zu einer gesunden Gesellschaft. Wir sprechen mit unseren Patientinnen und Patienten, und oft geht es nicht nur um Zähne, und das ist gut so! Ein ehrlich gemeintes Gespräch und Zeit für unsere Patientinnen und Patienten helfen allen.
Die Fragen stellte Anne Orth.






