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Wie ein Zahnarzt Churchills Lispeln bewahrte

Sir Winston Leonard Spencer-Churchill war zweimal Premierminister – von 1940 bis 1945 sowie von 1951 bis 1955 – und führte Großbritannien durch den Zweiten Weltkrieg. © Yanukit Raiva / gettyimages, Yousuf Karsh / Library and Archives Canada
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Kurz nach seiner Ernennung zum Premierminister hält Winston Churchill am 13. Mai 1940 im britischen Unterhaus eine kurze Ansprache. Sie wird später als eine seiner berühmtesten Reden in die Geschichte eingehen. Er habe nichts zu bieten „außer Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“, lispelt er. Seine charakteristische Aussprache war bekanntlich sein Markenzeichen. Weniger geläufig ist, dass seine Prothese(n) darauf abgestimmt wurde(n).

Von Kindheit an hatte Churchill ein sehr ausgeprägtes natürliches Lispeln; er hatte Probleme mit seinen S's“, erklärte Jane Hughes, Leiterin des Hunterian Museum am Londoner Royal College of Surgeons dem Guardian anlässlich der Versteigerung einer von Churchills Prothesen im Sommer 2010. Ganz ohne britisches Understatement fügte sie hinzu: „Das sind die Zähne, die die Welt gerettet haben!“ Was für ein Werbespruch für das Museum, das ein Exemplar von Churchills Zahnersatz ausstellt. Denn, siehe oben: Es gibt noch drei weitere.

Wenn Churchill die Wut packte – was wohl nicht selten geschah –, war selbst sein Zahnersatz nicht mehr sicher. In Momenten besonders heftiger Erregung griff sich seinen Bediensteten zufolge der wortgewaltige, leicht cholerisch veranlagte Premier direkt in den Oberkiefer und schleuderte seine Prothese durch die Downing Street No. 10. Manchmal bis an die nächste Wand.

„Nazis“ klangen bei ihm wie „Narzeessch“

Weshalb Zahntechniker Derek Cudlipp nach den Anweisungen von Churchills Zahnarzt Dr. Wilfred Fish vorsorglich gleich mehrere Exemplare anfertigte. Berichten zufolge sollen damals „zur Sicherheit“ stets vier verwendbare Prothesen vorgehalten worden sein: Eine trug Churchill, den Ersatz führte sein Privatsekretär ständig mit sich und die beiden Reserve-Exemplare verblieben bei Cudlipp und Fish, um im Fall einer Reparatur als Back-up zu dienen.

„Mein Vater erzählte viele Geschichten darüber, wie Churchill seinen Daumen hinter die Vorderzähne legte und sie einfach wegschnippte. Daran, wie weit sie durch den Raum flog und ob sie gegen die gegenüberliegende Wand prallte, konnte er angeblich erkennen, wie gut die Kriegsanstrengungen vorangingen.“

Nigel Cudlipp, Sohn von Churchills Zahntechniker, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP


Um Churchills charakteristische Aussprache zu bewahren, also: um sein Markenzeichen zu schützen, konzipierte Fish – damals einer der besten Zahnärzte des Landes – die Prothesen so, dass die Goldplatte und die Vorderzähne ein wenig Spiel zum Gaumen hatten. So konnte der Speichel dazwischen frei fließen, was zusammen mit dem Lispeln den für Churchill typischen Klang erzeugte, heißt es in einer Forschungsarbeit des Royal College.

Aufgrund des gleichzeitig konstruktions- und wesensbedingt erhöhten Verschleißes an den Prothesen sei der Premier auf die permanente Betreuung durch seinen Zahnarzt dringend angewiesen gewesen. Die Sonderanfertigungen für seinen Oberkiefer bestanden aus sechs Porzellan-Zahnverblendungen, Platindrähten und eben jener unabsichtlich nicht eng anliegenden Goldplatte, so dass die charakteristische Akustik des wortgewaltigen Politikers zeitlebens konserviert wurde.

Dr. Wilfred Fish

Zahnarzt, Forscher, Standespolitiker und Ritter

Wilfred Fish (1894–1974) war einer der bedeutendsten Zahnärzte seiner Generation. Nach seinem Studium in Manchester und seinem Dienst im Royal Army Medical Corps erwarb er 1924 seinen Doktortitel (MD). 1932 wurde ihm von der Universität London der Doctor of Science (DSc) verliehen. Fish genoss einen hervorragenden Ruf für seine Studien zur Zahnpathologie, zur Ätiologie der Parodontitis und zur Verwendung von Zahnersatz.

Neben Forschungspositionen am Royal Dental Hospital und am St. Mary’s Hospital führte Fish eine florierende Privatpraxis und engagierte sich standespolitisch. 1944 wurde er Vorsitzender des Dental Board, 1956 erster Präsident des General Dental Council und später Dekan sowie Direktor des Fachbereichs Zahnmedizin am Royal College of Surgeons of England.

Als Anerkennung dieser Leistungen – und auf persönliche Empfehlung Churchills – wurde Fish 1954 in den Ritterstand erhoben. Der Premier selbst informierte seinen Zahnarzt im Januar 1954 darüber per Brief. Darin schrieb er, dass er sehr erfreut sei, dass es ihm zugefallen sei, ihn für eine „well-deserved Honour“ zu empfehlen – und legte dem Brief eine seiner Prothesen bei, mit der Bitte um Nachjustierung.

Zum späteren Verbleib der vier Prothesen gibt es widersprüchliche Angaben. Als Churchill am 30. Januar 1965, sechs Tage nach seinem Tod, im Rahmen eines Staatsbegräbnisses beigesetzt wurde, trug er „wahrscheinlich“ ein Exemplar, berichten verschiedene Quellen. Ein weiteres soll eingeschmolzen worden sein.

Und wo sind die Prothesen heute?

Klar ist hingegen: Fish übergab seine Kopie an Cudlipp. Der schenkte eine Prothese im Jahr 2000 dem Hunterian Museum. Und das letzte Exemplar wurde von Cudlipps Sohn Nigel im Sommer 2010 für umgerechnet 17.700 Euro versteigert. Im Februar 2024 kam dieses Exemplar dann ein zweites Mal unter den Hammer und wechselte für knapp 27.000 Euro den Besitzer. Der Käufer war nach Angaben des Auktionshauses Codswold ein britischer Churchill-Sammler.

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