2040 könnte jeder 5. Hausarztsitz unbesetzt sein
Ziel der Studie war, Zahlen für die von der Bundesregierung für 2026 angekündigte Reform der Primärversorgung zu ermitteln. Die Ergebnisse zeigen, dass sich der Hausärztemangel regional sehr unterschiedlich entwickeln wird. Den Berechnungen zufolge wird im Jahr 2040 fast ein Fünftel der rund 400 deutschen Kreise und damit 19 Prozent hausärztlich unterversorgt sein, – viele davon in ländlichen Regionen, während in Großstädten nahezu alle Hausarztstellen besetzt sein werden.
Für Baden-Württemberg fällt die Entwicklung besonders ungünstig aus: Die Hausarztdichte soll dort von 58 je 100.000 Einwohner im Jahr 2024 auf 51 im Jahr 2040 zurückgehen, stärker als im Bundesdurchschnitt, der von 62 auf 58 sinkt (minus fünf Prozent). Als Folge könnten rund 6,5 Millionen hausärztliche Behandlungsfälle nicht mehr versorgt werden.
Weniger Einzelpraxen, mehr MVZ
Bereits 2021 hatte IGES die Zukunft der Primärversorgung untersucht. Die neue Prognose zur Hausarztdichte fällt nun etwas günstiger aus als noch vor fünf Jahren: minus fünf statt minus neun Prozent Rückgang der bundesweiten Hausarztdichte. Das liegt zum einen daran, dass inzwischen mehr Medizinabsolventen hausärztlich tätig sind. Zum anderen arbeiten immer mehr Hausärzte im Rentenalter weiter.
Neben der reinen Zahl der Hausärzte verändert sich auch die Art, wie hausärztliche Versorgung organisiert wird, wie die Studie für Baden-Württemberg zeigt. Demzufolge sank dort der Anteil der Einzelpraxen leicht auf 70 Prozent, während der Anteil der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) auf vier Prozent und der Berufsausübungsgemeinschaften auf 26 Prozent stieg.
Zuwachs bei nichtärztlichen Gesundheitsberufen
Deutlich zugenommen hat der Anteil von Hausärzten in Anstellung im Ländle: von 11 Prozent 2015 auf 28 Prozent im Jahr 2025. Die Zahl der Hausärzte selbst blieb mit gut 7.000 Personen nahezu konstant, die tatsächlich verfügbare hausärztliche Kapazität sank aber wegen zunehmender Teilzeittätigkeit um fast 4 Prozent. Eine besondere Rolle spielt in Baden-Württemberg die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV): 2025 nahmen 72 Prozent der Hausarztpraxen daran teil, das ist weit über dem Bundesdurchschnitt, der bei 22 Prozent liegt.
Gleichzeitig hat die Mitarbeit nichtärztlicher Gesundheitsberufe zugenommen: Fast 1.600 Personen waren 2025 als Nichtärztliche Praxisassistenzen (NäPa) tätig, was einem Plus von 74 Prozent im Vergleich zu 2015 entspricht. Zudem waren rund 3.600 als Versorgungsassistenz in der Hausarztpraxis (VERAH) im Rahmen der HzV tätig – ein Plus von 94 Prozent.
Einflussfaktoren auf den ambulanten Versorgungsbedarf untersucht
Teil der Studie war eine Szenarioanalyse, die untersucht, wie sich die für 2040 in Baden-Württemberg erwartete Versorgungslücke von 6,5 Millionen Behandlungsfällen verringern oder sogar ganz schließen ließe. So könnte der Versorgungsbedarf zum Beispiel durch bessere Prävention um fünf Prozent sinken und die Zahl der Behandlungsfälle um 1,5 Millionen auf fünf Millionen reduzieren.
Steigt der Anteil der Medizinabsolventen, die sich für die Allgemeinmedizin entscheiden, von den prognostizierten 9,2 auf 11 Prozent, verringert sich die Lücke auf 5,5 Millionen Fälle. Den stärksten Einfluss hätte der stärkere Einbezug nichtärztlicher Fachkräfte, der die Lücke um 2,1 Millionen auf 4,4 Millionen Fälle verringern könnte.
Echte Primärversorgung statt bloßer Facharzt-Steuerung
Die Studienautoren weisen darauf hin, dass vermutlich keine der Stellschrauben für sich genommen ausreicht, um die prognostizierte Lücke zu schließen. Vielmehr müsste auf mehreren Ebenen gehandelt werden. Laut IGES könnte die Lücke durch optimierte personelle, organisatorische und technologische Bedingungen geschlossen werden. Dies setze jedoch eine „echte Primärversorgung“ voraus, die mehr sei als eine bloße Steuerung zum Facharzt.
Die geplanten Reformen in diesem Bereich sollten daher vor allem auf den Aufbau einer interprofessionellen und mit regionalen Angeboten kooperierenden Versorgung setzen. Entscheidend sei, dass die künftige Primärversorgung den Großteil gesundheitlicher Anliegen selbst abschließend behandeln kann, was interprofessionelle und mit regionalen Strukturen kooperierende Versorgungsformen voraussetzt.
Zur Studie: „Primärversorgung 2035+: Gesundheit vor Ort neu gestalten, Perspektiven für Baden-Württemberg, Impulse für Deutschland“. Grundlage der Berechnungen waren Daten der KV Baden-Württemberg, der Hausärztlichen Vertragsgemeinschaft AG und des Bundesarztregisters der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.


169






