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Diskussion zur geplanten Primärversorgung

Wie lassen sich die Patienten künftig besser steuern?

ao
Politik
„Schneller zum Arzt dank Primärversorgung? Die ambulante Versorgung von morgen“ – darum ging es gestern Abend bei einer Diskussionsveranstaltung in Berlin. Eingeladen hatte der GKV-Spitzenverband.

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will im Sommer einen Gesetzentwurf für ein Primärversorgungssystem vorlegen. Wie sollte ein solches System ausgestaltet sein, damit Patienten schneller einen Arzttermin bekommen? Was muss es leisten? Darüber tauschten sich gestern Abend Tino Sorge (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im BMG und Dr. Janosch Dahmen, gesundheitspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen aus. Weiterhin diskutierten Prof. Dr. Jutta Bleidorn, Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin am Uniklinikum Jena und Vizepräsidentin der DEGAM (Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin) und Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands.

„Viele Patientinnen und Patienten bewegen sich unkoordiniert durchs Gesundheitssystem“, kritisierte Stoff-Ahnis bei der Begrüßung. Auch der demographische Wandel wirke sich aus. Die letzte Befragung im Auftrag des GKV-Spitzenverbands habe ergeben, dass 25 Prozent der gesetzlich Versicherten länger als 30 Tage auf einen Facharzttermin warten mussten. Einfluss auf die Wartezeit habe auch, ob Patienten gesetzlich oder privat versichert seien. Der GKV-Spitzenverband sehe daher großen Handlungsbedarf. Während die Bundesregierung laut ihrem Koalitionsvertrag ein Primärarztsystem einführen wolle, spreche der GKV-Spitzenverband von einem Primärversorgungssystem, betonte Stoff-Ahnis.

Sie sei froh, dass ein Primärversorgungssystem geplant sei, sagte Bleidorn in ihrem Impulsvortrag. Sie zeigte sich überzeugt, dass eine klare Steuerung durch die Hausärzte die Versorgung verbessern werde.

Direkter Zugang zu Fachärzten verbraucht viel Arztzeit

Hausärzte versorgten sehr unterschiedliche Menschen mit einer ganzheitlichen Herangehensweise. Viele Patienten hätten mehrere Erkrankungen; auch seelische Befindlichkeiten und soziale Probleme spielten eine Rolle. „Hausärzte kennen die Menschen, die zu ihnen kommen, und können ihre Beschwerden einordnen“, so Bleidorn.

57 Prozent der Patienten würden fallabschließend in Hausarztpraxen behandelt. Allerdings sei es sehr schwierig, Patienten, die dringend eine Behandlung bräuchten, in die Facharztebene zu vermitteln. Andererseits verbrauche der direkte Zugang von Patienten zu Fachärzten, die beim Hausarzt gut versorgt werden könnten, viel Arztzeit. „Derzeit haben wir eine Überversorgung. Wir erlauben uns eine breite Prävention mit der Gießkanne“, bemängelte Bleidorn.

Praxis der Zukunft soll eine „interprofessionelle Teampraxis“ sein

Die Allgemeinmedizinerin skizzierte, wie sie sich ein künftiges Primärversorgungssystem vorstellt: Wesentliche Grundpfeiler sollten ein verbindliches Überweisungssystem und eine klare Steuerungsfunktion der hausärztlichen Ebene sein. Dafür sei es notwendig, verbindliche Versorgungspfade für bestimmte Erkrankungen festzulegen. So bräuchten beispielsweise Patienten, die Schilddrüsenhormone einnehmen, keinen Termin beim Radiologen. Die Hausarztpraxis könne sie vollständig versorgen.

Um die verbindliche Steuerungsfunktion übernehmen zu können, sind aus Sicht von Bleidorn zudem Vergütungsanreize für die Hausarztpraxen notwendig. Weitere Elemente seien eine entsprechende Aus- und Weiterbildung, eine ordentliche Datenerfassung, Monitoring und digitale Unterstützung. Sie könne sich auch eine interprofessionelle Zusammenarbeit vorstellen. „Die Praxis der Zukunft wird eine interprofessionelle Teampraxis sein“, führte Bleidorn aus. Um das neue System zu etablieren, brauche es einen langen Atem. „Ich würde mir sehr wünschen, dass das in Gang kommt“, betonte sie.

Sorge spricht von „Besserer Steuerung“ und „mehr Verbindlichkeit“

In der Podiumsdiskussion informierte Tino Sorge (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im BMG, zunächst über den Stand des Arbeitsprozesses im Ministerium. Derzeit führe das BMG noch Fachdialoge durch. Im Sommer will das Ministerium dann einen Gesetzentwurf für ein Primärversorgungssystem vorlegen. Das Gesetz solle Anfang 2027 in Kraft treten.

„Wir wollen eine bessere Steuerung. Das System braucht ein gewisses Maß an Verbindlichkeit“, blieb Sorge vage. Ob die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) künftig ausgeweitet werden soll, sei noch unklar. In jedem Fall müsse ein Primärversorgungssystem mittel- und langfristig funktionieren. „Die Patienten sollen künftig zeitnah einen Arzttermin bekommen“, nannte Sorge den Mehrwert, den das neue System bringen solle.

Strittig sind HzV-Verträge und Rolle von digitalen Tools

Strittig blieb in der Diskussion, welche Rolle künftig die HzV-Verträge sowie digitale Unterstützungstools bei der Ersteinschätzung spielen sollen. Dr. Janosch Dahmen, gesundheitspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, wies darauf hin, dass seine Fraktion ein eigenes Konzept für ein Primärversorgungssystem vorgelegt habe. Darin sei vorgesehen, dass es die hausarztzentrierte Versorgung weiterhin geben solle. Dahmen plädierte dafür, das neue System verbindlich für alle Patienten einzuführen.

Auch die stellvertretende Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands Stoff-Ahnis warb für ein verbindliches System, allerdings mit einer kollektivvertraglichen Ausgestaltung. „Wir brauchen eine neue Regelversorgung. Selektivverträge kann es künftig nicht mehr geben“, stellte sie klar. Allerdings könnten HzV-Verträge auch in Zukunft noch freiwillig entstehen, präzisierte sie auf Nachfrage.

Stoff-Ahnis erläuterte, wie sie sich ein künftiges Primärversorgungssystem vorstellt. Ein Konzept dazu hatte der GKV-Spitzenverband bereits im Februar veröffentlicht. Laut diesem Modell sollen Haus- und Kinderärzte die Koordination übernehmen. Sie sollen durch digitale Tools unterstützt werden. Patienten wüssten oft nicht, wer der richtige Ansprechpartner sei, erläuterte Stoff-Ahnis. Navigationstools könnten ihnen dabei Orientierung geben und auch die Frage beantworten, wie dringend der Behandlungsbedarf sei. Bei Bagatellerkrankungen sei auch eine Anleitung zur Selbstbehandlung denkbar. „Das kann helfen, nicht notwendige Arztkontakte zu vermeiden“, so Stoff-Ahnis.

Dem widersprach Allgemeinmedizinerin Bleidorn. „Eine digitale Ersteinschätzung ist nicht so trivial wie vermutet. Dies führt oft zu mehr Arztkontakten, da das System auf Nummer sicher geht“, gab sie zu bedenken. Digitale Ersteinschätzung sollte daher in ärztliche Ersteinschätzung eingebettet werden. Zudem kämen alte und sehr kranke Menschen nicht mit einer digitalen Plattform klar. Viele fühlten sich schon jetzt abgehängt. „Sie brauchen Menschen vor Ort, die sie betreuen“, betonte Bleidorn.

Dahmen: digitale Tools nicht als „Bollwerk“ vorschalten

Auch Grünen-Politiker Dahmen warnte davor, digitale Ersteinschätzung wie eine Art „Bollwerk“ vorzuschalten. „Durch ein bisschen KI und Chatbot lässt sich das Problem der Über- und Fehlversorgung nicht lösen“, machte er deutlich. Die Reform dürfe nicht zu einem „digitalen Hütchenspiel“ werden. „Es muss einen Arzt geben, der sich kümmert“, sagte der Gesundheitsexperte, der selbst Mediziner ist. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass eine umfassende Strukturreform ausbleibe.

Dahmen plädierte für ein einheitliches, verbindliches System. Dabei sollten sich die Patienten in einer Primärversorgungspraxis einschreiben. Bei einer Dauerbehandlung müsse es Überweisungsmöglichkeiten geben. Zusätzliche Überweisungsmöglichkeiten sollten je nach Dringlichkeit gestaffelt werden. Wichtig sei, Versorgungspfade festzulegen; auch Jahrespauschalen seien sinnvoll. Bei einer Reform würden Verteilungskämpfe unter den Ärzten nicht ausbleiben, prognostizierte Dahmen.

Sorge sprach sich hingegen gegen eine „Entweder-oder-Diskussion“ aus. Er plädierte für ein „Sowohl als auch“. Es müsse darum gehen, Ärzte durch Digitalisierung zu entlasten, damit sie sich um die Patienten kümmern könnten. Dies sei gerade in ländlichen Regionen wichtig.

Künftig Drei-Klassen-System?

Diskutiert wurde auch über die Frage, wie künftig mit Patienten umgegangen werden soll, die sich nicht an den vorgegebenen Weg hielten, sondern direkt zum Facharzt gingen. „Wenn das zusätzliche Kosten verursacht, muss der Versicherte dann für einen Facharzt-Termin mehr bezahlen“, befand Sorge. Grünen-Politiker Dahmen riet davon ab, ein Drei-Klassen-System einzuführen – bestehend aus einem „Holzklassetarif“, einem „Premiumtarif“ und einem „GKV-Plus-Tarif“. „Dann haben wir alles falsch gemacht“, warnte er. Jeder solle künftig einen Hausarzt haben, der die Versorgung steuere. Selbstzahlerleistungen werde es allerdings auch künftig geben, schränkte der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen ein.

„Eine Verbesserung werden wir nur erreichen, wenn es ein verbindliches System ist“, betonte Stoff-Ahnis. Allgemeinmedizinerin Bleidorn sprach sich dafür aus, die Wahlfreiheit zu erhalten. Bei einer klaren Steuerung würden sich die Patienten jedoch gut aufgehoben fühlen. „Dann brauchen wir keine Drei-Klassen-Medizin“, sagte sie.

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