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Interview mit Dr. Alexander Dorschner über Sportzahnmedizin im Eishockey

„Die Spieler wollen nach einem Trauma sofort wieder aufs Eis“

Dr. Alexander Dorschner (re.) spielt selbst Eishockey in der zweiten Mannschaft der Saale Bulls. privat
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Zahnmedizin
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Wenn beim Eishockey Puck oder Schläger aufs Gesicht treffen, muss es schnell gehen. Teamzahnarzt Dr. Alexander Dorschner betreut die Saale Bulls in Halle und erklärt, warum Mundschutz im Profisport noch immer keine Selbstverständlichkeit ist, wie Zahntraumata versorgt werden – und weshalb Mundgesundheit auch eine Frage der Leistungsfähigkeit ist.

Herr Dr. Dorschner, Sie betreuen die Saale Bulls als Teamzahnarzt. Wie sind Sie dazu gekommen?

Dr. Alexander Dorschner: Ich spiele selbst in der zweiten Mannschaft der Saale Bulls und Eishockey ist meine Leidenschaft. Für mich verbindet sich da Beruf und Hobby.

Wie sieht diese Betreuung konkret aus?

Viele stellen sich darunter zunächst die Betreuung bei akuten Verletzungen am Spielfeldrand vor. Das gehört natürlich dazu, aber es ist nur ein Teil. Wir betreuen nicht nur die Mannschaft selbst, sondern auch den Staff sowie die Partnerinnen und Partner.

Dazu zählen Routinekontrollen, Behandlungen und Zahnreinigungen. Wir sind also nicht nur für den Notfall oder den abgebrochenen Zahn zuständig, sondern im Grunde für die Mundgesundheit des gesamten Vereins.

Sind Sie bei den Spielen vor Ort?

Ich bin nahezu bei jedem Heimspiel dabei. Der Mannschaftsarzt steht unten an der Bande – wenn er nicht da ist, vertrete ich ihn auch allgemeinmedizinisch. Wenn etwas akut Zahnmedizinisches passiert, werde ich dazu gerufen und versorge zunächst notfallmäßig. Je nach Dringlichkeit fahren wir anschließend in die Praxis.

Wie häufig kommt es vor, dass bei einem Spiel etwas im Gesicht oder an den Zähnen passiert?

Das kommt regelmäßig vor. Profispieler tragen kein Vollgitter wie unter 18-Jährige oder Hobbyspieler, sondern meistens ein Halbvisier. Dadurch sind Lippe und Frontzähne dem Spielgeschehen stark ausgesetzt. Bei Puck- oder Stocktreffern kann da schnell etwas passieren.

Mundgesundheit im Profisport: Eishockey versus Fußball

Forschende der Universität Halle haben die Mundgesundheit von 50 Spielern aus zwei deutschen Drittligateams untersucht: 29 Fußballer und 21 Eishockeyspieler. Neben zahnmedizinischen Befunden wie DMFT, PSI, API und PBI wurden auch Griffkraft sowie Parameter der Haltungsstabilität und -regulation erfasst.

Dabei zeigten sich Unterschiede zwischen den Sportarten: Die Fußballer schnitten bei Mundhygiene-, Blutungs- und Parodontalwerten insgesamt besser ab. Die Eishockeyspieler berichteten dagegen häufiger über Beschwerden im Kiefergelenk, ihre hohen DMFT-Werte (Median: 5,5 vs. 3,5) deuten auf eine erhebliche Kariesbelastung hin, sie hatten erreichten aber bessere Werte bei Balance und Gewichtsverteilung.

Der größte Unterschied zwischen den Sportarten zeigte sich bei der Inanspruchnahme regelmäßiger Kontrolluntersuchungen. Insgesamt nutzten 96 Prozent der Fußballspieler diese Möglichkeit (Eishockey: 40 Prozent). Darüber hinaus zeigten Fußballspieler (64 Prozent) eine höhere Bereitschaft zu zusätzlichen Mundhygienemaßnahmen wie Zahnseide als Eishockeyspieler (35 Prozent).

Einen direkten Zusammenhang zwischen schlechterer Mundgesundheit und messbar geringerer körperlicher Leistungsfähigkeit konnten die Forschenden nicht nachweisen. Die Studie belegt dennoch, dass zahnmedizinische Prävention auch im Profisport relevant bleibt.

Schwesig R, Born P, Kurz E, et al. Oral Health Conditions and Physical Performance in Two Different Professional Team Sports in Germany: A Cross-Sectional Study. Sports. 2025; 13(7):206.

Warum tragen Profispieler dann kein Vollgitter?

Zum einen, weil es als uncool gilt. Das muss man so ehrlich sagen. Zum anderen geht es für die Profis um Wahrnehmung und Leistung. Sie wollen so viel wie möglich sehen, das Spielgeschehen bestmöglich mitbekommen und sich nicht eingeschränkt fühlen. Eishockey ist ihr Beruf, sie stehen unter hohem Druck und wollen maximal performen. Da spielt jedes Detail eine Rolle.

Was sind aus Ihrer Erfahrung die häufigsten Verletzungen mit oraler Beteiligung bei Eishockeyspielern?

Sportbezogen sind es vor allem Traumata. Es betrifft etwas zur Hälfte Hartgewebe und zur Hälfte Weichgewebe. Wenn ein Mundschutz getragen wird, bleibt es häufiger bei kleineren blutigen Verletzungen. Ohne Mundschutz oder bei ungünstigem Treffer sind häufiger auch Zähne betroffen.

Ein Klassiker sind Frontzähne, etwa durch Puck oder Schläger. Es können aber auch Seitenzähne betroffen sein, insbesondere restaurierte Zähne. Bei einem Check an der Bande oder einem Einschlag können die Zahnreihen ohne einen Mundschutz hart aufeinandertreffen. Dann bricht auch im Seitenzahnbereich mal etwas ab. Das merkt der Spieler manchmal nicht sofort im Spiel, sondern erst ein oder zwei Tage später.

Wie läuft die Erstversorgung bei einem Trauma konkret ab?

Das hängt vom Ausmaß der Verletzung ab. Kleinere Cuts können direkt an der Bande oder in der Kabine versorgt werden. Blutend darf ein Spieler nicht zurück aufs Eis, das muss gestillt und vom Schiedsrichter akzeptiert werden. In seltenen Fällen kann es vorkommen, dass ein Zahn am Spielfeldrand extrahiert wird und der Spieler danach direkt wieder aufs Eis zurück geht. Häufiger sind Kontusionen, Lockerungen oder Dislokationen, die dann am Spielfeldrand provisorisch geschient werden.

Wenn wir nach dem Spiel direkt in die Praxis fahren, verlieren wir netto vielleicht zwei Stunden. Im Vergleich zu vielen anderen Zahntraumata, bei denen Patientinnen und Patienten erst deutlich später in der Praxis ankommen, sind wir damit oft sogar schneller in der definitiven Versorgung.

Wie wichtig ist der Mundschutz im Eishockey?

Mit einem Wort: superwichtig. Ich würde mir wünschen, dass ihn alle tragen. Mit Mundschutz lassen sich Verletzungen deutlich besser managen. Auch nach einem Impact ist der Spieler oft schneller wieder einsatzbereit.

Die Akzeptanz steigt, aber sie ist noch nicht bei allen Spielern da, vor allem nicht bei älteren. In der vergangenen Saison haben wir bei den Saale Bulls für mehrere Spieler einen Mundschutz angefertigt. Einige hatten vorher noch gar keinen, andere einen, der nicht mehr richtig passte. Es gibt aber weiterhin Spieler, die keinen tragen.

Ein guter Mundschutz fängt sehr viel ab. Ich habe selbst beim Eishockey schon Situationen erlebt, in denen mir der Mundschutz wahrscheinlich die Zähne gerettet hat. Wir arbeiten mit einem Labor zusammen, das einen mehrschichtigen Mundschutz herstellt.

Wichtig ist dabei, möglichst präzise zu scannen und genug Gewebe mit zu erfassen, damit die Kraft nicht nur auf einzelne Nachbarzähne wirkt, sondern sich möglichst auf den gesamten Kiefer verteilt. Natürlich kann trotzdem die Lippe verletzt werden oder es kann zu Kontusionen kommen. Aber der Mundschutz kann verhindern, dass mehrere Zähne abbrechen oder avulsieren.

Warum tragen nicht alle Spieler einen Mundschutz?

Ich sehe im Wesentlichen drei Gründe: Kosten, mangelndes Bewusstsein und Vorbehalte beim Tragekomfort. Am Ende ist es wie bei anderen Patientinnen und Patienten auch: Aufklärung hilft. Man muss den Mehrwert erklären. Wenn Spieler merken, dass andere gute Erfahrungen machen, steigt die Bereitschaft.

Die Mundgesundheit bekommt im Profisport zunehmend mehr Aufmerksamkeit. Überrascht Sie das?

Nein, aber ich finde es sehr gut. Schon während meines Studiums war der Zusammenhang zwischen Mundgesundheit und Allgemeingesundheit Thema, etwa im Hinblick auf Herzgesundheit oder parodontale Bakterien. Ich habe den Eindruck, dass Allgemeinmedizin und Zahnmedizin immer stärker interdisziplinär zusammenarbeiten. Das befürworte ich sehr.

Gibt es konkrete orale Probleme, die sich aus Ihrer Sicht besonders auf die Leistungsfähigkeit auswirken können?

Bei Profisportlern ist die Kaufunktion meist nicht das Problem. Relevant sind eher endodontisch behandelte oder avitale Zähne mit apikalen Aufhellungen, teilretinierte oder retinierte Weisheitszähne und parodontale Erkrankungen. Das sind Bereiche, die Entzündungswerte erhöhen und damit potenziell Leistung minimieren können.

Wie ausgeprägt ist das Bewusstsein der Spieler dafür, dass orale Erkrankungen oder Verletzungen Training und Wettkampf beeinträchtigen können?

Bei den Spielern würde ich sagen: teils, teils – aber mit klarer Tendenz zu ja. Viele haben in der vergangenen Saison eine oder zwei Zahnreinigungen machen lassen, weil ihnen eine gute Mundgesundheit wichtig ist. Die Mundhygiene ist bei den meisten gut, mit einzelnen Ausnahmen – wie bei anderen Patientinnen und Patienten auch. Sehr präsent ist das Bewusstsein vor allem in akuten Situationen. Die häufigsten Fragen nach einem Trauma sind: „Kann ich sofort weiterspielen?“ beziehungsweise „Wann kann ich wieder trainieren?“.

Gibt es Situationen, in denen zahnmedizinische Probleme kurzfristig über Einsatzfähigkeit oder Nicht-Einsatzfähigkeit entscheiden?

Ja. Ein Trauma ist die eine Sache. Bei allgemeinen zahnmedizinischen Problemen versuchen wir, größere Behandlungen möglichst in die Sommerpause zu legen: Weisheitszahnentfernungen, endodontische Behandlungen oder andere Eingriffe, die Schwellungen oder Schmerzen verursachen könnten. Ziel ist, das Risiko für akute Beschwerden während der Saison möglichst gering zu halten.

Wie unterscheidet sich die zahnmedizinische Betreuung von Profisportlern darüber hinaus von der normaler Patientinnen und Patienten?

Vor allem im Zeitmanagement: Während der Saison stehen eher kleinere Füllungen, Zahnreinigungen und natürlich die Traumatologie im Vordergrund.

Bei Traumata ist die besondere Herausforderung der Spagat: Der Spieler will meist sofort wieder aufs Eis, das Spiel bei möglichst maximaler Leistungsfähigkeit zu Ende bringen und sich erst danach um die Verletzung kümmern. Gleichzeitig soll die definitive Versorgung anschließend funktionell und ästhetisch gut sein. Es geht also zunächst um schnelle Spielbereitschaft und danach um eine saubere, nachhaltige Versorgung.

Welche Rolle spielt es, dass der Verein einen Teamzahnarzt hat?

Eine große. Wenn jemand vor Ort ist, der sich um zahnbezogene Themen kümmert, schärft das automatisch das Bewusstsein. Sobald die ersten Spieler einen Mundschutz hatten, kamen weitere und fragten, ob sie auch einen bekommen können. Präsenz und Betreuung fördern also die Traumaprophylaxe.

Ich würde mir wünschen, dass jeder Profiverein einen Mannschaftszahnarzt hat. Gerade wenn junge Spieler einen Mundschutz selbst bezahlen müssten, kann das eine Hürde sein. Wenn ein Verein solche Strukturen schafft, in denen die Kosten dafür übernommen werden, nimmt das der Sache viel Druck.

Was können Amateur- und Nachwuchssportler von der Betreuung im Profisport lernen?

Dass Schutzmaßnahmen selbstverständlich werden sollten. Ich würde mir wünschen, dass Traumaprophylaxe im Eishockey insgesamt stärker in den Vordergrund rückt – im Profisport, aber auch im Amateur- und Nachwuchsbereich. Dazu gehören Mundschutz, gegebenenfalls Vollgitter und eine gute ärztliche und zahnärztliche Betreuung. Außerdem sollte klar sein: Mundgesundheit ist ein Teil der Leistungsfähigkeit.

Das Gespräch führte Dr. Nikola Lippe.

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