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Studie zur Evolutionstheorie

Hat Parodontitis uns zum Menschen gemacht?

Haben Zahnfleischerkrankungen uns zum Menschen gemacht? Eine neue Studie stellt die Evolutionstheorie auf den Kopf. tossi66-stock.adobe.com
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Gesellschaft
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Die Evolution wird üblicherweise an Entwicklungen bei Gehirn, Fortbewegung und Werkzeuggebrauch festgemacht. Aber haben möglicherweise Zahnfleischerkrankungen erst den Weg zum modernen Menschen geebnet?

Neue Erkenntnissse der Wits-Universität in Südafrika deuten darauf hin, dass Zahnfleischerkrankungen und Veränderungen der Gesichtsstruktur wichtige Faktoren bei der Gestaltung des evolutionären Weges gewesen sein könnten, der letztendlich zum modernen Menschen führte.

Parodontitis ist eine der ältesten Krankheiten

„Parodontalerkrankungen gehören zu den ältesten bekannten Krankheiten in der menschlichen Evolution“, erläutert Hauptautor Prof. Ugo Ripamonti von der Wits-Universität in Johannesburg. „Anhand der Überreste können wir nicht nur ermitteln, wann diese Erkrankungen auftraten, sondern auch, wie sie den evolutionären Verlauf unserer Spezies beeinflusst haben könnten.“

Er untersuchte mit Dr. Laura Roden von der Coventry University in Großbritannien und Jakobus Hoffman von der South African Nuclear Energy Corporation insgesamt 71 fossile menschliche Kiefer aus dem geologischen Zeitalter des Plio-Pleis mittels Rasterelektronenmikroskopie (REM) und Makrofotografie. Die Überreste aus Sammlungen der Wits-Universität und dem Ditsong Museum of Natural History in Pretoria waren zwischen 5,3 und 2,6 Millionen Jahre alt.

Die Proben wurden im Mikrofokus-Röntgentomograpfielabor gescannt, wobei die höchste räumliche Auflösung und der beste Bildkontrast angestrebt wurden. Zudem wurden die linearen Abstände von der Schmelz-Dentin-Grenze bis zum verbleibenden Alveolarknochenkamm gemessen.

Die Gattung Homo hatte größere Alveolarknochenverluste

Das Team stellte fest, dass Arten der Gattung Homo aufgrund von Parodontalerkrankungen deutlich stärkere Alveolarknochenverluste erlitten hatten als ihre Verwandten aus der Gattung Australopithecus.

Der Alveolarknochenverlust ging mit intraossären Defekten und Kratern einher. Dabei zeigte sich nur bei den Homo-Arten ein vertikales Muster des Knochenverlusts mit kraterförmigen Läsionen und Furkationsdefekten. Zwischen den beiden untersuchten Australopithecus-Arten gab es keine signifikanten Unterschiede.

Australopithecus anamensis war der erste gesicherte Hominine. Die „aufrechtgehenden Affen“ lebten vor rund 4 bis 2 Millionen Jahren in Afrika. Die Gattung Homo entstand vor etwa 2,5 bis 2,8 Millionen Jahren in Afrika. Der Homo habilis begann als erster damit, einfache Werkzeuge herzustellen.

„Wir haben bei den Homo-Arten einen erheblichen Alveolarknochenverlust festgestellt, mit charakteristischen kraterartigen Läsionen und Zahndefekten, die bei den Australopithecinen weitgehend fehlten“, bestätigt Ripamonti.

Vom erkrankten Zahnfleisch zur menschlichen Intelligenz

Die Ergebnisse legen den Forschenden zufolge einen möglichen Zusammenhang nahe zwischen dem Alveolarknochenverlust bei der Gattung Homo und den evolutionären Veränderungen, die zur Entstehung des modernen Menschen führten.

Plio-Pleis

Das Plio-Pleis bezeichnet den fließenden Übergang zwischen zwei Epochen der Erdgeschichte: dem Pliozän und dem Pleistozän. Dieses Zeitfenster erstreckt sich von 11.700 bis 5,3 Millionen Jahren vor Christus. Für die Anthropologie ist der kritische Abschnitt vor rund 3 bis 1,5 Millionen Jahren die Schlüsselphase, denn in dieser Zeit entwickelten sich in Afrika die ersten frühen Homininen (wie Australopithecus) und die Gattung Homo. Auch die erste gezielte Herstellung von Steinwerkzeugen fällt in diese Zeit.

„Normalerweise halten wir Krankheiten für rein zerstörerisch“, sagt Ripamonti. „In diesem Fall könnte die Parodontitis jedoch mit anderen biologischen Veränderungen in einer Weise interagiert haben, die zur Entstehung der menschlichen Gestalt beigetragen hat.“

Ripamonti: „Um den Sprung vom erkrankten Zahnfleisch zur menschlichen Intelligenz zu verstehen, müssen wir die Schädel unserer vormenschlichen Vorfahren betrachten. Einfach ausgedrückt: Diese waren massiv gebaut, mit großen, kräftigen Kiefern, dicken Gesichtsmuskeln und großen Zähnen, um Nahrung wie essbare Wurzeln zu zerkleinern und zu zermahlen.“

Ein Dominoeffekt sprengt den anatomischen Käfig

Diese Anatomie ermöglichte es ihnen zwar, zähe Pflanzen zu zerkauen, schuf aber auch eine enge Struktur um die Gehirnhöhle herum, die das Gehirn praktisch einschloss und dessen Wachstum einschränkte. Die Wissenschaftler vermuten daher, dass chronische Zahnfleischerkrankungen mit erheblichem Alveolarknochenverlust einen Dominoeffekt auslösten, der diesen „anatomischen Käfig“sprengte.

Die Daten legen demzufolge nahe, dass zufällige Genmutationen, die odontometrische Werte steuern, im Laufe der Evolution der Hominiden zu einer Verkleinerung der Zahnkronen geführt haben. Diese kleineren Kronen waren zwar weiterhin zum Kauen geeignet, trugen aber auch zu einer Verkleinerung der für die Kaubewegung zuständigen Gesichtsmuskeln bei.

Da die Anforderungen an die Kaukraft abnahmen, begannen die großen Gesichtsmuskeln zu schrumpfen. Diese genetischen Veränderungen führten zu immer kleineren Zahnkronen, die zwar eine geringere Kaukraft erzeugten, aber dennoch ein effektives Kauen und das Überleben ermöglichten.

Eine verminderte Kaufähigkeit könnte wiederum zu einer Verringerung des Prognathismus beigetragen haben – der Vorverlagerung von Kiefer und Gesicht, die bei vielen früheren Hominiden zu beobachten ist. Im Laufe von Millionen von Jahren könnte ein weniger hervorstehendes Gesicht Platz für die Ausdehnung der Schädelkalotte geschaffen haben und damit den Weg für das rasante Gehirnwachstum geebnet haben, das den modernen Menschen auszeichnet.

"Die Studie schlägt eine Brücke zwischen Zahnmedizin, Osteologie und Anthropologie und liefert möglicherweise eine Antwort auf die Frage, warum unsere Kiefer schrumpften, bevor unser Gehirn wuchs“, schreiben die Autoren.

Ripamonti U, Roden LC, Hoffman J. Craniofacial Evolution and Alveolar Bone Loss: A Lesson From Hominins. J Craniofac Surg. 2026 May 1;37(5):1302-1307. doi: 10.1097/SCS.0000000000012390. Epub 2026 Jan 8. PMID: 41505262.

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