Interview mit Prof. Dr. Dietmar Oesterreich

„Die Zahntechniker sägen an dem Ast, auf dem sie sitzen!“

Dana Nela Heidner
Titel
„Es ist durchaus nachvollziehbar, dass die Zahntechniker händeringend nach Möglichkeiten suchen, wie sie dem Abwärtstrend begegnen können. Nicht verständlich ist, dass der AVZ die Lösung zulasten der Zahnärzte sucht.“

Herr Prof. Oesterreich, wie ist das Verhältnis zwischen der Bundeszahnärztekammer und dem AVZ? Gab es bisher ein konstruktives Klima zwischen Ihrem Verein und dem Arbeitgeberverband Zahntechnik? Der AVZ hat noch nie das Gespräch zur Bundeszahnärztekammer gesucht. Ich vermute, es liegt nahe, dass er als Ziel die Abschaffung des zahnärztlichen Praxislabors verfolgt. Woran könnte das liegen?

Prof. Dietmar Oesterreich: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Zahntechnik-Handwerk massive Probleme hat. Die Umsatzdaten stagnieren oder fallen seit Jahren. Was die Zahntechnikerdichte angeht, ist Deutschland nach einer Studie des „Council of European Dentists“ in Europa jedoch führend.

Noch im Jahr 2011 gab es laut Statistischem Bundesamt rund 67.000 Zahntechniker im deutschen Gesundheitswesen, im Jahr 2000 waren es etwa 70.000. Zum Vergleich: Im selben Jahr gab es rund 69.000 Zahnärzte. Der Quotient Zahnärzte zu Zahntechniker lag damit bei etwa 1:1. In anderen Ländern verteilen sich weniger Zahntechniker auf die Zahnmediziner.

Es ist durchaus nachvollziehbar, dass die Zahntechniker händeringend nach Möglichkeiten suchen, wie sie dem Abwärtstrend begegnen können. Nicht verständlich ist, dass der AVZ die Lösung zulasten der Zahnärzte sucht. Ausgerechnet dem geborenen Partner im Dentalmarkt, dessen rechtlich verbürgtes Betätigungsfeld beschneiden zu wollen, um sich selbst zu retten: Wer das tut, sägt an dem Ast, auf dem er sitzt.

Was ist aus Ihrer Sicht die Ursache für den sinkenden Bedarf an Zahntechnikern?

Hiesige Kostenstruktur auf der einen und globalisierte Märkte auf der anderen Seite haben dazu geführt, Zahnersatz nicht mehr nur im Labor um die Ecke fertigen zu lassen. Auf Wunsch der Patienten und aus Kostengründen greifen Zahnärzte bisweilen auch auf ausländischen Zahnersatz zurück. Dieser kostet nur einen Bruchteil dessen, was man für Produkte „Made in Germany“ aufwenden muss. Zudem gibt es einen Trend zur „Industrialisierung“ der Herstellung von Zahnersatz durch die Digitalisierung und CAD/CAM-Technologien.

Schleichend bemerkbar machen sich bei den Zahntechnikern auch die positive Entwicklung der Zahngesundheit der deutschen Bevölkerung in den vergangenen 20 Jahren und die Fokussierung der Zahnärzte weg von der Reparaturmedizin hin zur Prävention. Der Bedarf an Zahnersatz wird in immer höhere Lebensalter verschoben und tendenziell weiter abnehmen. Diese einerseits sehr erfreuliche Entwicklung ist gleich‧bedeutend mit einer Marktsättigungskrise für die Branche.

Und wie sieht es mit den Kosten für Zahnersatz aus?

Im Durchschnitt entfallen hierzulande 60 bis 70 Prozent der Kosten einer prothetischen Behandlung auf die Beschaffung des notwendigen Materials und die arbeitsintensive Leistung des Labors, das den Zahnersatz fertigt. Das zahnärztliche Honorar macht 30 bis 40 Prozent an den Gesamtkosten aus. Deutschland nimmt damit im europäischen Vergleich eine Sonderstellung ein. In anderen europäischen Staaten wie Frankreich oder Dänemark ist das Verhältnis umgekehrt.

Die Firma, die die Sendung produziert hat, ließ wesentliche Punkte aus den Stellungnahmen der BZÄK unerwähnt. Was könnte aus Ihrer Sicht der Grund dafür sein?

Die schriftlichen Fragen an die BZÄK zeigten bereits eine eindeutige Tendenz: hitzige Kritik, viele haltlose Vorwürfe, teils auch bewusst verleumderische Hypothesen der angeblichen Vorteilsnahme vieler Zahnärzte via Eigenlabor. Die Bundeszahnärztekammer hat mit einer ausführlichen schriftlichen Antwort die Faktenlage geklärt, falsche Behauptungen widerlegt und Verleumdungen abgewiesen.

Die Anfrage machte jedoch den Eindruck, dass es sich nicht um eine ergebnisoffene Recherche handelt, sondern um eine vorgefertigte These, die nur mit Zitaten belegt werden soll. Es lässt vermuten, dass der Film zum Zeitpunkt der Anfrage an die BZÄK bereits gedreht und geschnitten war. Darauf weist auch der sehr kurze Zeitraum zwischen der Anfrage an die BZÄK und der Ausstrahlung des Beitrags hin.

Die BZÄK hatte somit keine echte Chance, die gedrehte Story noch zu wenden. Die journalistische Sorgfaltspflicht gebietet es eigentlich, auch die „andere Seite“ zu Wort kommen zu lassen. Dieser Pflicht wurde mit einem einzigen, aus dem Zusammenhang gerissenen Satz der BZÄK im Beitrag mehr schlecht als recht nachgekommen.

Was würde es Ihrer Ansicht nach für Folgen haben, wenn Zahnärzten tatsächlich verboten würde, ein eigenes Praxislabor zu unterhalten? Dies würde ja zudem implizieren, dass das Gros der Zahnärzte betrügerisch handelt, wenn Gelegenheit dazu besteht.

Das wäre zuallererst ein Verlust für die Patientinnen und Patienten. Praxislabore erweitern die Angebotspalette, indem sie dem gewerblichen Labor, mit dem der Zahnarzt vor Ort zusammenarbeitet, und einem Labor im Ausland ein Angebot aus dem in der eigenen Praxis ansässigen Labor zur Seite stellen. Ohne lange Versandwege bei der Herstellung und insbesondere bei der Reparatur von Zahnersatz bieten Praxislabore eine erhöhte Servicequalität. Zudem sorgt die enge, intensive und vor allem direkte Abstimmung zwischen Zahnarzt und Zahntechniker gegebenenfalls direkt am Patienten für eine hohe Ergebnisqualität.

Fest steht, dass die Herstellung von Zahnersatz untrennbarer Bestandteil des Berufsbildes des Zahnarztes ist. Der Zahnarzt allein trägt die Verantwortung für den eingegliederten Zahnersatz. Einschränkungen der zahnärztlichen Berufsausübung in Bezug auf die Führung eines Praxislabors wären ein nicht zu rechtfertigender Eingriff in die Freiheit der Berufsausübung gemäß Artikel 12 Grundgesetz. Auf unbegründete Behauptungen oder Unterstellungen lässt sich ein solcher Eingriff nicht stützen.

Dana Nela Heidner

Freie Journalistin
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