Interview mit Manfred Heckens

„Warum machen Zahnärzte keine Apotheke auf?“

Dana Nela Heidner
Titel
„Wenn ein Zahntechnikermeister einen Zahnarzt in seinem Praxislabor unterstützt, habe ich doch nichts dagegen. Es geht aber darum, dass ich im deutschen Gesundheitswesen eine Meisterprüfung ablegen muss, um an diesem Markt teilzunehmen.“

Herr Heckens, Sie sagen, Sie haben eine Liste von Zahnärzten, die Eigenlabore betreiben und unrechtmäßige Abzocke betreiben. Warum haben Sie diese Liste bisher nicht an die Bundeszahnärztekammer weitergeleitet?

Manfred Heckens: In der Vergangenheit wurde das auf Länderebene schon mehrfach versucht. Der Zahntechniker kann da nicht mehr tun, als die Landeszahnärztekammern über diese Praxen zu informieren. Da heißt es dann, wir kümmern uns drum. Aber still ruht der See.

Können Sie das vorbereiten, dass Sie offiziell machen, diese Liste an die BZÄK weiterzuleiten, natürlich ohne Namen an die große, weite Öffentlichkeit zu geben?

Das kann ich vorbereiten, ich muss das natürlich mit meinem Anwalt zusammenschließen, inwiefern das datenschutzrechtlich möglich ist.

Das wäre aber hilfreich, denn der Vorwurf ist ja, dass es diese Liste gar nicht gibt.

Mein Vorwurf ist, dass die BZÄK im TV-Beitrag behauptet, dass es diese Fälle nicht gibt, und ich sage, dass das ja wohl nicht sein kann, weil diese Fälle bekannt sind, und zwar in mehrfacher Weise auf einigen Landesebenen. Ich habe gerade eine Liste auf dem Tisch liegen, wo eine Rechnung überzogen wurde. Das ist unglaublich, was da für Kosten aufgerufen werden. Wir haben es hier mit der Ausschaltung eines normalen Marktverhaltens zu tun.

In dem Moment, wo der Arzt den Patienten auf dem Patientenstuhl liegen hat, kann er ihm sagen, wir haben die tollsten Spezialisten im Hause und werden uns darum kümmern. Und der Patient nimmt nicht mehr teil an der Nachfragelenkung. Er wird gesteuert und hat keine Transparenzvergleiche, wo er sagen kann, er informiert sich erstmal über Angebote.

Verfolgen Sie mit Ihrem Verband die Stilllegung zahnarzteigener Labore?

Nein. Wenn ein Zahntechnikermeister einen Zahnarzt in seinem Praxislabor unterstützt, habe ich doch nichts dagegen. Es geht aber darum, dass ich im deutschen Gesundheitswesen eine Meisterprüfung ablegen muss, um an diesem Markt teilzunehmen und für die Versicherten der Krankenkassen liefern zu dürfen. Im Praxislabor wird aber unter Umständen ein frisch ausgelernter Techniker eingestellt. Wer überwacht denn diesen Mitarbeiter? Der Zahnarzt kann es doch im Grunde gar nicht, wenn er am Stuhl arbeitet. Das sind unsere grundlegenden Bedenken.

Laut BZÄK sind Zahnärzte allein wegen ihres Studiums schon prädestiniert dafür, auch Zahnersatz zu fertigen, vor allem auch mithilfe der heutigen Digitalisierung.

Und dann sage ich, Sie haben doch als Zahnarzt während Ihres Studiums auch ausreichende, fundierte Kenntnisse der Pharmakologie, da werden Sie ja auch geprüft. Warum machen Sie keine Apotheke auf? Für den Beruf des Zahntechnikers brauche ich in der Regel acht bis neun Jahre, bis ich wirklich versiert und fertig bin. Das kann man nicht gleichsetzen mit jemandem, der insgesamt sechs Wochen Zahntechnik während seines Studiums gemacht hat.

Die Umsätze eines Zahntechnikers sind heute nicht mehr so wie vor 20 oder 30 Jahren. Der Markt hat sich schon verändert, oder?

Es geht gar nicht mal um die Umsätze. Es geht um ein Marktverhalten. Die Zahnärzte haben hin und wieder ihre schwarzen Schafe, genauso wie übrigens die Zahntechniker. Wir kämpfen doch beide, Zahnmedizin als auch Zahntechnik, einen Kampf gegen die Digitalisierungsprozesse der Industrie. Die Zahnärzte werden durch die Industrie an Produktschienen gekettet, indem man ihnen Angebote schmackhaft macht. Der Zahnarzt kann doch fast gar nicht mehr anders entscheiden, wenn er im Hintergrund die Industriepartner hat, die ihm helfen, kostendeckend zu arbeiten.

Bestehen verhärtete Fronten zwischen BZÄK und AVZ?

Das habe ich nicht festgestellt, weil ich bisher weder zu einem Gespräch geladen habe noch eingeladen war. Deswegen bin ich da vollkommen wertfrei. Ich habe Kontakt zu einigen Leuten dort, nicht in meiner Funktion als Arbeitgeberpräsident, sondern als Mitglied der Bundesgesundheitskommission. Und mit den Leuten dort kann man gut reden. Verbandsmäßig hatten wir aber noch keinen Aufschlag.

Wäre es eine Option, sich demnächst auch in Ihrer Funktion als Verbandspräsident an einen Tisch zu setzen?

Da habe ich keine Berührungsängste. Ich habe schon, nachdem ich jetzt ein paar Tage in Urlaub war, meinem Juristen gesagt, dass wir ein Schreiben aufsetzen und zu einem gemeinsamen Gespräch einladen sollten. Und in diesem Rahmen kann ich dann gern auch die besagte Liste mit den schwarzen Schafen beziehungsweise verschiedene Rechnungen, die mir vorliegen, präsentieren.

Für wann visieren Sie das an?

Ich visiere das für November oder Dezember an. Wissen Sie, wir sind ein junger Verband und möchten berufspolitische Rahmenbedingungen abstecken. Die Zahntechniker haben keinen Futterneid, aber sie mögen Gerechtigkeit. Es muss gleich lange Spieße geben. Ich würde nie einem Zahnarzt in sein Handwerk pfuschen wollen und sagen, ich sei so gut ausgebildet, ich würde jetzt Teile seiner Arbeit übernehmen.

Gäbe es Kooperationsmöglichkeiten zwischen Zahnärzteschaft und Zahntechnikern?

Toll wäre am Tagesende eine gemeinsame Resolution oder ein Beschluss, in dem man sagt, wir begrüßen es, dass ein Zahnarzt sein Praxislabor für sich und seine Patienten führt – aber nicht als Geldquelle soweit ausbaut, dass er noch weitere Zahnärzte daraus bedient. Das hat dann nämlich nicht mehr den Charakter eines Praxislabors.

Gibt es im Zuge der Veränderungen des Marktes eine mögliche fruchtbare Kooperation?

Da lassen sich bestimmt Ansatzpunkte finden, wenn es zum Beispiel um den demografischen Wandel geht. Wir als Zahntechniker könnten in Pflegehäusern oder der häuslichen Pflege unterstützend wirken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Zahnärzte sich freuen, wenn sie am Ende ihres Tages von Wohlfahrtsverbänden angerufen werden, die Patienten haben, die beispielsweise Probleme mit einer Prothese haben. Das sind Aufgaben, die in Einverständnis mit der Zahnärzteschaft auch ein Zahntechniker übernehmen kann. Und der wäre dann letztlich auch zahnmedizinischer Lotse und könnte dem Zahnarzt vermitteln, wenn zahnmedizinische Probleme zugrundeliegen.

Gibt es noch etwas, das für Sie erwähnenswert ist?

Das Ganze ist für mich keine Fehde oder gar ein Kampf gegen die Zahnärzteschaft. Ich versuche nur, an die Strukturen heranzugehen und Transparenz zu schaffen.

Dana Nela Heidner

Freie Journalistin
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