Knirschen allein macht keine Parodontitis

Dr. Jan H. Koch
Zahnmedizin
Kann Bruxismus das Parodont schädigen? Oder ist er ein wichtiger Faktor, der Parodontitis verstärkt? Die Autoren fanden kaum aussagekräftige Studien - und wagten dennoch Schlussfolgerungen …

Bruxismus ist definiert als wiederholte Kaumuskelaktivität, die sich in Zusammenpressen der Zähne oder Knirschen äußert. Die Gewohnheit kann tagsüber oder nachts auftreten. Ob der Zahnhalteapparat allein durch erhöhte Krafteinleitung leidet, kann aufgrund der Literatur nicht gezeigt werden (Manfredini D, 2015). Als Gründe nennen die Autoren eine sehr geringe Studienzahl und deren begrenzte Qualität. So verwendeten Forscher meist keinen objektiven Bruxismus-Test, sondern verließen sich auf die eigene Einschätzung der Probanden.

Mangels hochwertiger klinischer Studien beziehen sich die Autoren der Literaturübersicht auch auf Untersuchungen an Tieren. Diese deuten relativ klar in eine Richtung: Bruxismus allein löst weder Parodontitis, noch erhöhte Zahnbeweglichkeit, entzündlichen Attachmentverlust oder erhöhten Knochenabbau aus. Anders könnte es bei knirschenden und pressenden Patienten aussehen, die bereits eine Parodontitis haben: Eine humane Studie zeigt für diese einen signifikant höheren Attachment-Verlust und eine höhere Zahnmobilität als für Bruxismus-Patienten ohne Parodontitis (Hanamura H et al., 1987).

Gelockerte Schrauben aufgrund des Knirschens

Interessanterweise fand die Autorengruppe der Übersichtsarbeit in einer anderen Literatur-Recherche auch bei Implantaten keinen Zusammenhang zwischen Bruxismus und biologischen Komplikationen (Manfredini D et al., 2014). Darunter wurden Periimplantitis, erhöhter Knochenabbau oder erhöhte Mobilität zusammengefasst.

Nur technisch-prothetische Probleme (Schraubenlockerungen und mehr) könnten infolge von Bruxismus häufiger auftreten. Aber auch hier lässt die Literatur überraschenderweise keine klaren Schlüsse zu. Ein Zusammenhang zwischen Bruxismus und Kiefergelenksschmerz ließ sich bisher ebenfalls nicht eindeutig nachweisen (Manfredini D et al., 2010). Beide Befunde deuten darauf hin, dass neuronale Schutzfunktionen und Geweberesilienz vor Auswirkungen erhöhter Krafteinleitung (Bruxismus) schützen.

Zusammenfassung und Ausblick

Bruxismus allein scheint weder Parodontitis noch parodontale Gewebeverluste zu verursachen. Allerdings könnten Parodontitispatienten anfälliger für Krafteinwirkungen sein, was aus mechanischer Sicht plausibel erscheint. Die Autoren der besprochenen systematischen Übersicht wagten trotz nach eigener Einschätzung unzureichender Studienlage weitreichende Schlüsse.

Daher mögen ein paar eigene Gedanken zum Thema erlaubt sein: Solange die Zähne nicht bereits stützendes Gewebe verloren haben, könnte die erhöhte Krafteinleitung über eine verbesserte Durchblutung sogar schützend für den parodontalen Knochen wirken. Auch für Implantate wird eine resorptionsverhindernde Funktion angenommen. Umgekehrt mag weiche Kost zu einem Verlust parodontalen Gewebes beitragen, da entsprechende kaubedingte Impulse für den alveolären Knochen und das damit verbundene parodontale Ligament fehlen. Gut angelegte klinische Studien sollten viele der offenen Fragen zu klären suchen.

Manfredini D, Ahlberg J, Mura R, Lobbezoo F. Bruxism is unlikely to cause damage to the periodontium: findings from a systematic literature assessment. J Periodontol 2015;86:546-555.

Hanamura H, Houston F, Rylander H, Carlsson GE, Haraldson T, Nyman S. Periodontal status and bruxism. A comparative study of patients with periodontal disease and occlusal parafunctions. J Periodontol 1987;58:173-176.

Manfredini D, Poggio CE, Lobbezoo F. Is bruxism a risk factor for dental implants? A systematic review of the literature. Clin Implant Dent Relat Res 2014;16:460-469.

Manfredini D, Lobbezoo F. Relationship between bruxism and temporomandibular disorders: a systematic review of literature from 1998 to 2008. Oral Surg Oral Med Oral Pathol Oral Radiol Endod 2010;109:e26-50.

 

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