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Mitgliederbefragung des Marburger Bunds

Machtmissbrauch innerhalb ärztlicher Teams kommt häufig vor

sth
Gesellschaft
Knapp 50 Prozent der Ärztinnen und Ärzte berichten, 2025 Machtmissbrauch durch Kolleginnen und Kollegen erlebt zu haben. Das zeigt eine Umfrage des Marburger Bunds mit mehr als 9.000 Teilnehmenden.

Zu 90 Prozent arbeiteten die Teilnehmenden zum Zeitpunkt der Umfrage (Februar/März 2026) als angestellte Ärztinnen und Ärzte in Krankenhäusern, informierte die Ärztegewerkschaft.

Den Umfrageergebnissen zufolge traten Grenzüberschreitungen nicht nur einmal auf: Die Hälfte der Betroffenen (51 Prozent) erlebte sie nach eigenen Angaben mehrmals im Jahresverlauf, ein erheblicher Anteil monatlich (30 Prozent) oder sogar wöchentlich (14 Prozent).

Vor allem Vorgesetzte zeigen Fehlverhalten

In 87 Prozent der berichteten Fälle ging der Machtmissbrauch auf das Konto ärztlicher Vorgesetzter, teilte der Marburger Bund (MB) mit. Was das Geschlecht betrifft, gaben sieben beziehungsweise sechs Prozent der Befragten an, die Grenzüberschreitungen seien „nur von Frauen“ beziehungsweise „vor allem von Frauen“ ausgegangen. Weit häufiger waren es laut Umfrage „vor allem Männer“ (30 Prozent) beziehungsweise „nur Männer“ (32 Prozent).

Herablassende Bemerkungen, Mobbing, öffentliche Bloßstellung

„Am häufigsten äußert sich Machtmissbrauch in einem respektlosen und herablassenden Umgangston“, fasst der MB zusammen. „An zweiter Stelle rangiert die sachgrundlose Infragestellung der fachlichen Kompetenz und am dritthäufigsten kommen Mobbing oder öffentliche Bloßstellung vor, zum Beispiel vor dem Team oder vor Patienten.“ Viele Betroffene reagierten auf die Übergriffe mit emotionaler Erschöpfung, anhaltender Anspannung und verminderter Arbeitsmotivation, zeigt die Auswertung der Antworten.

Formen von Machtmissbrauch seien häufig subtil, aber in ihrer Wirkung nachhaltig: „Sie prägen das Arbeitsklima, verstärken Abhängigkeitsverhältnisse und tragen dazu bei, dass Betroffene sich nicht gegen Grenzverletzungen zur Wehr setzen.“ Drei Viertel der Betroffenen verzichten laut Umfrage auf eine Meldung, weil sie keine wirksamen Konsequenzen erwarten, berufliche Nachteile befürchten oder keine vertraulichen Meldewege sehen. 

Von den 24 Prozent der Befragten, die Verstöße gemeldet haben, sagten 49 Prozent, der Arbeitgeber habe keine Maßnahmen ergriffen. Ein klärendes Gespräch fand in 27 Prozent der Fälle statt, ein internes formales Verfahren wurde in 12 Prozent der Fälle eingeleitet.

„Zentrales Strukturproblem im ärztlichen Arbeitsalltag“

Die Ergebnisse der Umfrage zeigten, dass Machtmissbrauch ein zentrales Strukturproblem im ärztlichen Arbeitsalltag ist und den Kontext bilde, in dem weitere Grenzverletzungen entstehen könnten, mahnt der MB: „Wer in einer Führungsposition arbeitet, muss sich des Machtgefälles bewusst sein. Macht ist nicht neutral – sie wirkt. Und sie wirkt umso stärker dort, wo Abhängigkeit besteht.“ Krankenhäuser müssten sich diesen Strukturproblemen stellen, klare Leitbilder entwickeln, Anlaufstellen für Betroffene schaffen, verbindliche Richtlinien vorgeben und Grenzüberschreitungen konsequent ahnden, fordert die Gewerkschaft.

Einen speziellen Fokus legt die Umfrage auf das Thema sexuelle Belästigung in ärztlichen Teams. Diese hätten in den vergangenen zwölf Monaten 13 Prozent der Befragten erlebt. Am häufigsten seien sexualbezogene Kommentare oder abwertende Sprüche sowie unerwünschte Gespräche mit sexuellem Inhalt vorgekommen. Auch unerwünschte körperliche Nähe wird von vielen Betroffenen genannt. Etwa drei Viertel der Betroffenen hat sexuelle Belästigung in den zurückliegenden zwölf Monaten mehrfach erlebt, 59 Prozent „mehrmals im Jahr“, 17 Prozent „mehrmals im Monat“ und sechs Prozent sogar „mehrmals in der Woche“.

In rund zwei Dritteln der Fälle (63 Prozent) gehen die Handlungen von ärztlichen Vorgesetzten aus, 29 Prozent werden ärztlichen Kolleginnen und Kollegen zugeschrieben und acht Prozent anderen Berufsgruppen. Für die Handlungen sind nach Angaben der Betroffenen „vor allem“ (18 Prozent) oder „nur“ (71 Prozent) Männer verantwortlich.

Die Meldequote sei mit 16 Prozent sehr niedrig und das Vertrauen in Konsequenzen gering, habe die Umfrage offenbart. Vor diesem Hintergrund sieht der MB dringenden Handlungsbedarf. Betroffene wünschten sich zum Beispiel verpflichtende anonyme Meldesysteme für alle Kliniken oder Compliance-Regelungen mit einer Null-Toleranz-Umsetzung. Zudem brauche es sichtbare Konsequenzen wie Mahnungen und Entlassungen.

An der bundesweit bisher größten Befragung dieser Art nahmen zu mehr als zwei Dritteln (69 Prozent) Frauen teil. Mehr als die Hälfte der Befragten (53 Prozent) war 40 Jahre und jünger.

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