Parodontitis erhöht Schweregrad der Behinderung bei MS
Dieser Zusammenhang zeigte sich nur bei MS und nicht bei verwandten Autoimmunerkrankungen. Dies deutet den Autoren zufolge darauf hin, dass orale Bakterien möglicherweise den Schweregrad der MS beeinflussen.
Hintergrund MS
Multiple Sklerose (MS) ist eine entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn und das Rückenmark umfasst und meist im frühen Erwachsenenalter beginnt. Die Krankheit lässt noch viele Fragen unbeantwortet und ist in Verlauf, Beschwerdebild und Therapieerfolg von Patient zu Patient so unterschiedlich, dass sich allgemeingültige Aussagen nur bedingt machen lassen. Aus diesem Grund ist MS auch als „Krankheit mit den 1000 Gesichtern“ bekannt. Warum MS entsteht, ist weiterhin unbekannt, jedoch gelten Virusinfektionen, Rauchen, Vitaminmangel und genetische Veranlagung als mögliche Risikofaktoren.
In Deutschland leben nach neuen Zahlen des Bundesversicherungsamts mehr als 280.000 MS-Erkrankte. Jährlich wird bei mehr als 15.000 Menschen MS neu diagnostiziert. Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer. Wissenschaftler haben die damit verbundenen Veränderungen des Darmmikrobioms eingehend untersucht. Jüngst rückt auch die mögliche Rolle der Mundflora bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems in den Fokus.
Die Wissenschaftler der Universität Hiroshima untersuchten die Zusammenhänge zwischen der bakteriellen Belastung des Parodonts und klinischen Faktoren sowie die unterschiedlichen Wirkungen verschiedener Bakterienarten.
In ihrer Studie quantifizierten sie die bakterielle Belastung des Parodonts in Zungenbelagproben von Patienten mit zentral entzündlichen demyelinisierenden Erkrankungen wie MS, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung (NMOSD) oder Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein-Antikörper-assoziierter Erkrankung (MOGAD).
Die Rolle des oralen Mikrobioms ist weitgehend unerforscht
In dem Zusammenhang klärten sie, ob der Anteil einer bestimmten Bakterienart in den oralen Proben zu den oberen 25 Prozent aller untersuchten Patienten (hoch) oder zu den unteren 75 Prozent (niedrig) gehörte.
„Während das Darmmikrobiom bei MS bereits umfassend untersucht wurde, ist die mögliche Beteiligung des oralen Mikrobioms weitgehend unerforscht geblieben“, erläutert Studienleiter Prof. Masahiro Nakamori vom Universitätsklinikum Hiroshima. „Da die Mundhöhle eine Hauptquelle chronischer Entzündungen darstellt und ein potenziell beeinflussbarer Faktor ist, ist die Klärung ihres Zusammenhangs mit dem Schweregrad der MS wichtig, um die Krankheitsmechanismen zu verstehen und neue Präventionsstrategien zu entwickeln.“
Ihre Ergebnisse zeigen, dass MS-Patienten, bei denen in Zungenbelagproben F. nucleatum häufig vorkam, eine signifikant stärkere Behinderung aufwiesen, gemessen anhand der 10-Punkte-Skala für den erweiterten Behinderungsstatus (EDSS).
„Dieser Zusammenhang wurde weder bei der Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung noch bei der Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein-Antikörper-assoziierten Erkrankung beobachtet, was auf eine möglicherweise Multiple-Sklerose-spezifische ‚orale Hirn-Achse‘ hindeutet, über die orale Entzündungen den Schweregrad neuroinflammatorischer Erkrankungen beeinflussen könnten“, sagt Hiroyuki Naito, Assistenzprofessor am Universitätsklinikum Hiroshima.
F. nucleatum verzehnfacht Risiko für schwere Behinderungen
Selbst nach Berücksichtigung von Alter, Krankheitsdauer, Anzahl der Schübe und Multiple-Sklerose-Subtyp war eine hohe Konzentration von F. nucleatum mit einem etwa zehnfach höheren Risiko für schwere Behinderungen bei Multiple-Sklerose-Patienten verbunden. MS-Patienten, bei denen sowohl F. nucleatum als auch mindestens ein weiterer parodontaler Erreger nachgewiesen wurden, hatten sogar noch höhere Behinderungsgrade.
So wiesen fast zwei Drittel (61,5 Prozent) der MS-Patienten und einer hohen relativen Häufigkeit von F. nucleatum eine mittelschwere bis schwere Behinderung (EDSS ≥ 4) auf, verglichen mit etwa einem Fünftel (18,6 Prozent) der Patienten mit einem leichteren Krankheitsverlauf (EDSS < 4).
Verknüpft der Erreger orale Entzündungen mit neurologischen Beeinträchtigungen?
„Fusobacterium nucleatum könnte als verstecktes ‚Brückenbakterium‘ fungieren – es verbindet nicht nur Bakteriengemeinschaften in dentalen Biofilmen, sondern könnte möglicherweise auch orale Entzündungen mit neurologischen Beeinträchtigungen verknüpfen“, schlussfolgert Nakamori.
Naito, H., Nakamori, M., Nishi, H. et al. The periodontal pathogen Fusobacterium nucleatum is associated with disease severity in multiple sclerosis. Sci Rep 15, 38316 (2025). https://doi.org/10.1038/s41598-025-22266-x




