„Sie sind ein Role Model!“
Trotz Glatteis strömten am Dienstagabend Vertreter aus Politik, Zahnärzte- und Ärzteschaft, Wissenschaft sowie von Verbänden aus dem Gesundheitswesen ins Tipi am Kanzleramt, wo die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) zum Neujahrsempfang eingeladen hatte. Gekommen waren auch Dr. Georg Kippels, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium (BMG) und Dr. Tanja Machalet (SPD), Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Bundestags.
Zahn- und Mundhygiene hätten für sie persönlich sowie für ihre Kolleginnen und Kollegen einen außerordentlich hohen Stellenwert, betonte Machalet in ihrem Grußwort. Denn dabei gehe es um Prävention, Krankheitsvorbeugung, gesunde Ernährung, Konsumsteuern, geschlechtsspezifische Versorgungsfragen und letztlich auch um gesellschaftliche Teilhabe.
Machalet: Zahnärzte leben Prävention
Prävention werde den Kindern in Deutschland von klein auf vermittelt, und dieser Ansatz sei sehr wichtig. Auch bei Erwachsenen gehöre der Besuche bei Zahnärztinnen und Zahnärzten zur regelmäßigen Routine. Die Zahnärzte seien diejenigen, die Prävention nicht nur forderten, sondern lebten. Mundhygiene und Zahnpflege seien Paradebeispiele dafür, was durch Prävention erreicht werden könne. „An dieser jahrzehntelangen Arbeit der Zahnärztinnen und Zahnärzte sollten wir uns ein Beispiel nehmen. Sie sind ein Role Model, wenn wir über Prävention in der Gesundheitspolitik sprechen“, lobte Machalet.
Beifall erntete Machalet für ihre Ankündigung, sich für die Einführung einer Steuer auf stark zuckerhaltige Getränke noch in dieser Legislaturperiode einzusetzen. Denn Ernährung trage erheblich zur Zahngesundheit bei oder schade ihr. Insbesondere zuckerhaltige Getränke und stark verarbeitete Lebensmittel griffen die Zähne an. „Wir brauchen eine Zuckersteuer beziehungsweise eine Zuckerreduktionssteuer“, machte Machalet deutlich. Um dies in der Koalition durchsetzen zu können, brauche sie die Unterstützung der Zahnärzteschaft.
Eine Zuckersteuer wäre ein wirksames Instrument, um den Zuckergehalt in Getränken zu senken und um dadurch insbesondere Kinder und Jugendliche zu schützen. In Großbritannien könne man sehen, dass die Einführung einer Zuckersteuer den Zuckerkonsum bei Jugendlichen und Erwachsenen deutlich gesenkt habe. „Es ist mein dringender Wunsch, eine Zuckersteuer noch in dieser Legislatur auf den Weg zu bringen“, erklärte Machalet. Das Geld aus der Steuer müsse dann auch gezielt für Prävention eingesetzt werden.
BZÄK-Präsidentin Dr. Romy Ermler begrüßte in ihrer Rede den Reformeifer, den die neue Bundesregierung an den Tag lege. Insbesondere der angekündigte Bürokratieabbau sei im Sinne der Zahnärzteschaft. Veränderungen seien auch dringend nötig, um die Sozialsysteme zukunftsfest aufzustellen. Allerdings müsse das duale System aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung erhalten bleiben, das wie ein „System kommunizierender Röhren“ funktioniere und sich im Zusammenspiel sehr gut ergänze.
Was die vom Bundesgesundheitsministerium eingesetzte Expertenkommission zur Reform der Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) angeht, forderte Ermler „ausgewogene, mehrheitsfähige Lösungen“, die einerseits unnötige Kosten der GKV minimierten, ohne andererseits die Erfolge der Prävention zu gefährden. „Die Ausgliederung zahnmedizinischer Leistungen aus der GKV stellt dabei sicherlich kein probates Mittel dar“, betonte Ermler.
Ermler: Fokus muss auf Prävention liegen
Für die Zahnärztinnen und Zahnärzte sei klar, dass der Fokus der Gesundheitsausgaben auf der Prävention liegen müsse. Denn wenn die Menschen länger gesunde Zähne hätten, entfielen Füllungen, Kronen und Implantate. Dies spare nicht nur der Krankenversicherung Geld, sondern erhöhe auch die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten. Dies verdeutlichten die Ergebnisse der aktuellen Sechsten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS – 6).
So konnte seit Einführung der Gruppen- und Individualprophylaxe Ende der 1990er-Jahre Karies bei Kindern um 90 Prozent gesenkt werden. Zahnverluste kämen bis ins Erwachsenenalter praktisch nicht mehr vor und der Anteil zahnloser jüngerer Seniorinnen und Senioren sei um 80 Prozent zurückgegangen. Heute seien nur noch fünf Prozent der 65- bis 74-Jährigen zahnlos. „Nehmen Sie die Zahnmedizin gerne als Vorbild“, appellierte Ermler an Politikerinnen und Politiker.
„Am effektiven Abbau von Bürokratie führt kein Weg vorbei“
Klatschen alleine helfe jedoch nicht. Nötig seien endlich greifbare Entlastungen in den Praxen. „Unsere großartigen Präventionserfolge stehen auf der Kippe, wenn die Zahnärztinnen und Zahnärzte nicht mehr richtig arbeiten können. Denn sie ächzen unter dem Gewicht steigender Melde- und Dokumentationspflichten, die ihnen Zeit für ihre Patientinnen und Patienten rauben“, machte Ermler deutlich. Am effektiven Abbau von Bürokratie führe daher kein Weg vorbei. Die Behörden sollten mehr Vertrauen in die Kolleginnen und Kollegen wagen, gleichzeitig müsse mehr Ermessensspielraum für Beamte her. „Damit gesunder Menschenverstand über Paragrafenreiterei siegt“, brachte Ermler es auf den Punkt.
Die BZÄK-Präsidentin kam auch auf die Reform der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) zu sprechen. Der Entwurf für die neue Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ), deren Umsetzung Bundesgesundheitsministerin Nina Warken für dieses Jahr angekündigt hatte, dürfe keine Blaupause für die Reform der GOZ sein. Was für die Ärzte funktioniere, passe für die Zahnärzte gar nicht. Ein Grund dafür sei die im GOÄ-Entwurf vorgesehene Abschaffung des Gebührenrahmens und Einschränkungen bei der analogen Berechnung neuer Leistungen.
GOÄ kann kein Vorbild für die GOZ sein
Würde man dies übernehmen, würde das die GOZ nachhaltig verändern – mit negativen Folgen für Patientinnen und Patienten. Denn zahnmedizinische Leistungen sind hochgradig individuell – abhängig von Befund, Aufwand und Behandlungsalternativen. Eine pauschale Festgebühr werde dieser Komplexität nicht gerecht. Der Steigerungsfaktor erlaube eine flexible Anpassung der Kosten an Schwierigkeit und Zeitaufwand und gehe auch auf Patientenwünsche ein. „Wir brauchen diesen Handlungsspielraum. Daher kann die GOÄ kein Vorbild für die GOZ sein“, stellte Ermler klar.
Die geplante Strafverschärfung bei Übergriffen auf Beschäftigte im Gesundheitswesen begrüßte Ermler. Wer Helfende angreife, müsse mit spürbaren strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Ärzte, Zahnärzte und ihre Teams müssten in ihrem Berufsalltag wirksam geschützt werden. „Daher hoffe ich, dass das geplante Gesetz schnell Realität wird“, betonte Ermler.
Martin Hendges, Vorsitzender des Vorstands der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV), begrüßte, dass Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) zu einem Dialog mit der Selbstverwaltung zurückgefunden habe. Das sei schon einmal anders gewesen, sagte er und spielte dabei auf Warkens Amtsvorgänger Karl Lauterbach an. Angesichts der Finanzmisere der gesetzlichen Krankenkassen warnte Hendges vor „ungezielten Kostensenkungsmaßnahmen“.
Hendges: Zahnmedizin ist kein Kostentreiber, sondern Teil der Lösung
Die vertragszahnärztliche Versorgung sei kein Kostentreiber, sondern ein Teil der Lösung. „Die Zahnmedizin zeigt, wie Prävention und Wirtschaftlichkeit in Einklang zu bringen sind“, betonte Hendges. Prävention sei ein hohes Gut, das nicht aufs Spiel gesetzt werden dürfe. Da Mund- und Allgemeinerkrankungen sich gegenseitig beeinflussten, sei es wichtig, Erkrankungen sektorenübergreifend in den Blick zu nehmen. Hendges forderte, die neue Parodontitis-Therapie gesetzlich zu verankern. Außerdem sei es wichtig, bei Reformen die Selbstverwaltung eng einzubinden.








