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Große Metastudie zu Entscheidungsprozessen

Warum Patienten mit psychischen Störungen oft durchhängen

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Zahnmedizin
Menschen mit psychischen Störungen können sich oft nur schwer zu alltäglichen Aktivitäten motivieren. Eine Metaanalyse hat untersucht, welche kognitiven Mechanismen dahinter liegen. Das ist auch für Zahnärztinnen und Zahnärzte interessant.

Ob Familienbesuch, Einkauf, Spaziergang oder auch der Gang zum (Zahn-)Arzt – Menschen mit psychischen Störungen erscheinen solche alltäglichen Aktivitäten häufig als unfassbar anstrengend. Können sie selbst lebensnotwenige Besorgungen kaum noch erledigen, treibt dies den Aufwand und die Kosten für ihre Betreuung in die Höhe und macht die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nahezu unmöglich.

So treffen psychisch Gesunde Entscheidungen

Gesunde Menschen treffen Entscheidungen, indem sie den Aufwand, der nötig ist um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, in Beziehung setzen mit der Wahrscheinlichkeit, mit der sie dieses Ziel erreichen können. „Je höher Nutzen und Wahrscheinlichkeit eingeschätzt werden, desto höher ist der Aufwand, der investiert wird, um das Ziel zu erreichen. Diesen häufig automatisch ablaufenden kognitiven Prozess nennt man aufwandbasiertes Entscheidungsverhalten“, erklärt Dr. Matthias Pillny, Psychologe an der Universität Hamburg.

Für seine Metastudie wertee er 68 vorhandene Studien mit rund 3.700 Teilnehmenden aus. Die Probandinnen und Probanden litten unter Depressionen, bipolaren Störungen oder Störungen aus dem Schizophrenie-Spektrum oder sie gehörten einer Risikogruppe an, für die eine erhöhte Wahrscheinlichkeit bestand, an einer dieser Störungen zu erkranken.

Menschen mit psychischen Erkrankungen denken anders

Die Auswertung zeigte: Menschen mit psychischen Erkrankungen schätzen den nötigen Aufwand für das Erreichen eines Ziels häufig als zu hoch ein – und den zu erwartenden Nutzen gleichzeitig als zu gering.

„Diese Menschen können sich positive Ergebnisse oft gar nicht vorstellen und nehmen den benötigten Aufwand als unüberwindbar wahr“, sagt Pillny. Das bedeute, dass gut gemeinte Sätze wie beispielsweise „Komm, das macht bestimmt Spaß“ bei ihnen nicht wirken oder sogar Druck erzeugen. Bessere Wirkungen könnten Therapien erzielen, die sich darauf konzentrieren, Empfindungen wie Vorfreude zu trainieren, beispielsweise durch Visualisierungen.

Auch das Gesundheitsverhalten ist eine Aufwand-Belohnungs-Entscheidung

Auch Gesundheitsverhalten – etwa Vorsorge oder das Wahrnehmen von Terminen – lässt sich als solche Aufwand-Belohnungs-Entscheidung beschreiben. Im Paper werden zwar Zahnarzt- oder Arzttermine nicht explizit genannt – der psychologische Mechanismus dahinter ist aber derselbe.

Wie die meisten Entscheidungen im Alltag als Kosten-Nutzen-Rechnung laufen, so funktionieren vermutlich auch Gesundheitsentscheidungen: Termin vereinbaren, hingehen, dranbleiben, Vorsorge verfolgen. Wenn der „Aufwand“ subjektiv den Nutzen überwiegt oder unüberwindbar groß erscheint, kann die Entscheidung schnell gegen eine Handlung ausfallen – selbst dann, wenn der Nutzen objektiv groß wäre. Das erklärt sicherlich nur einen kleinen Teil der Nicht-Inanspruchnahmen, scheint aber ein plausibler Mechanismus.

Pillny wollte zudem herausfinden, ob Auffälligkeiten im aufwandbasierten Entscheidungsverhalten helfen könnten, eine beginnende psychische Erkrankung zu erkennen. Dies scheint allerdings nicht der Fall zu sein, da Menschen mit einem erhöhten Risiko für eine solche Erkrankung im Vergleich zu gesunden Kontrollgruppen kein abweichendes Entscheidungsverhalten in seiner Metastudie zeigten.

Von seiner transdiagnostischen Herangehensweise erhofft er sich neben Anregungen für zielgerichtete Therapieansätze auch Aufschluss über die Mechanismen von Motivationsproblemen im Rahmen von psychischen Störungen.

Die Übereinstimmungen, die er insbesondere zwischen dem Verhalten von Menschen mit depressiven oder bipolaren Störungen fand, weisen darauf hin, dass zwischen diesen Störungsbildern tatsächlich stärkere Gemeinsamkeiten bestehen als bisher angenommen. Allerdings sei auch dies aufgrund einer ersten Metastudie nicht endgültig zu entscheiden, betont er: „Um das Gehirn wirklich zu verstehen, ist noch sehr viel mehr Grundlagenforschung nötig.“

Pillny, M., Renz, K. E., Hay, A., Fulford, D., Lincoln, T. M., Barch, D. M., Gold, J. M., & Kaiser, S. (2026). Effort-based decision making in psychopathology: A transdiagnostic multilevel meta-analysis and systematic review of behavioral patterns and mechanisms underlying amotivational psychopathology. Psychological Bulletin. Advance online publication. https://doi.org/10.1037/bul0000510

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