Wie geht´s?
Wann geht es uns gut, und ab wann geraten wir aus dem Gleichgewicht? Was sind die äußeren Ursachen für innere Krisen? Die Ausstellung „Wie geht's“ verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse zu mentaler Gesundheit mit den Perspektiven von Menschen, die über ihren ganz persönlichen Umgang mit psychischen Herausforderungen sprechen.

Sie thematisiert, wo und wie Betroffene Hilfe finden, und welche Rolle Diagnosen, Psychopharmaka und Alltagsstrategien spielen. Schließlich stellt die neue Sonderausstellung zur Debatte, was eigentlich als „gesund“ und als „krank“ definiert wird, und welchen Einfluss Diskriminierung, Einsamkeit oder Wohlstand auf unser mentales Wohlbefinden haben.
Ich fühle was, was du nicht siehst
Am Anfang der Ausstellung steht ein „Überblick über die aktuelle gesellschaftliche Situation in Deutschland: Wie verbreitet sind psychische Erkrankungen und welche sind die häufigsten? Wer trägt ein erhöhtes Risiko zu erkranken und wie wirken soziale Bedingungen auf die innere Verfassung?“ Künstlerinnen und Künstlern zeigen im Zusammenspiel dazu Videoarbeiten und andere Kunstobjekte. So ist die Arbeit „Groundhog Year“ der Filmemacherin und Regisseurin Varya Rootwood von 2022 ein experimentelles Filmgericht, in dem eine Frau die auf der Suche nach dem Sinn des Lebens ist, wobei alle Tage ineinander zu verschmelzen scheinen. Faszinierend ist das Kostüm „Screaming Inside“ der in Großbritannien lebenden multidisziplinären Künstlerin Leigh de Vries: Das anziehbare Kunstwerk lässt wirklich die inneren Dämonen sichtbar werden.
Danke der Nachfrage
Wenn psychisch kranke Menschen Behandlung brauchen, dann muss zunächst eine Diagnose erfolgen: „Für Betroffene bedeutet sie oft mehr: Erleichterung, Erklärung – oder manchmal auch Scham und Stigma.“ Dem Besucher werden in diesem Bereich die schlimmen Auswirkungen der Eugenik klar gemacht: „Anfang des 20. Jahrhunderts gelten Menschen mit Behinderungen, psychischen Erkrankungen oder sozialer Benachteiligung als „arbeitsunfähig“ und „lebensunwert“. Leider beteiligte sich das Deutsche Hygiene-Museum „damals durch Ausstellungen und Lehrmaterial aktiv an der Verbreitung dieser Ideen.“ Den grausamen Höhepunkt fand die Irrlehre der Eugenik dann in der Vernichtung psychisch kranker Menschen im Nationalsozialismus.
Im sogenannten „Telefonsalon“ der Ausstellung werden den Besuchern alle Kontakte der psychologischen- und psychosozialen Angebote vorgestellt, etwa di eNummer gegen Kummer oder die Telefonseelsorge Dresden. Der sogenannte Mutatlas, Wegweiser psychische Gesundheit, zeigt auch Beratungsstellen im gesamten Bundesgebiet.
Mal so, mal so
Am Schluss der Ausstellung wird der Frage nachgegangen, wie verschiede „Wege durch schwierige Phasen sein können – von Selbstfürsorge bis zur Entscheidung, Unterstützung zu suchen. Manche dieser Wege sind nicht nur individuell: Mentale Gesundheit entsteht auch durch unterstützende Strukturen - in Forschung, Politik und zivilgesellschaftlichem Engagement.“

Diese Sektion wird von einem übergroßen Bett geprägt, quasi als „stiller Protest“ gegen die Leistungsanforderungen der modernen Gesellschaft. Neben vielen anderen Themenbereichen in dieser Sektion wird in der sogenannten Skill-Station Besuchern die Methoden und Fähigkeiten dargestellt, die Erkrankten helfen, die kritischen Phasen besser zu bewältigen. „Reizprinzipien“ werden nachvollziehbar durch Gerüche, Atemübungen und weitere intensive Sinnesreize.
Die Ausstellung lädt am Ende ihre Besucher ein, sich in einem großen violett gestalteten Raum auf Sitzkissen auszuruhen, um selbst in sich zu hören, wie es ihnen geht, und was ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle sind. Dort trifft der Besucher wieder auf ein Werk der Künstlerin De Vries. In Großbuchstaben prangt der Satz: „It´s Ok to Feel Things“ im Raum.
Insgesamt fällt die Schau durch die ansprechende Gestaltung der einzelnen Ausstellungsräume in kräftigen Farben auf. Der Besucher hat zudem immer wieder die Möglichkeit einzelne Themen in interaktiven Stationen zu erleben.
Wenn das Unaussprechliche greifbar wird
„Mentale Gesundheit betrifft die ganze Gesellschaft“, hob Dr. Iris Edenheiser, Direktorin und Mitglied des Vorstandes der Stiftung Deutsches Hygiene-Museum, bei der Eröffnungsrede zur Ausstellung im März hervor. Die mentale Gesundheit sei auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, denn arme Menschen in sozial schwierigen Verhältnissen sind öfters betroffen, und können sich schlechter therapeutische Hilfe holen. Wie Edenheiser betonte, habe das DHM Dresden bei dem Thema psychische Probleme auch kritisch auf seine eigene Geschichte geschaut: „Leider hat das Museum in der Vergangenheit eugenische Idee in der Öffentlichkeit populär gemacht.“ Die Ausstellung hat nach ihrer Ausfassung schon viel erreicht, wenn das „Unaussprechliche“ – psychische Probleme – greifbar würde.
Innovativ sind die „Sensory Kits“, die die Besucherinnen und Besucher am Eingang der Ausstellung kostenlos für den Rundgang zur Verfügung gestellt bekommen. Dabei handelt es sich um geräusch-dämpfende Gehörschützer, taktile Materialien und visuelle Hilfsmittel, die eine individuell angepasste Wahrnehmung der Ausstellung möglich machen sollen.
Die Ausstellung „Mentale Gesundheit“ läuft noch bis zum 4. April 2027 im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden. Jeden letzten Mittwoch im Monat von 17 bis 19 Uhr hat eine begrenzte Anzahl von Besuchern die Möglichkeit, die Ausstellung mit reduzierten Licht- und Geräuschreizen zu erleben.



