Festzeitungen des Leipziger Klinischen Vogelschießens

Wie sich Studenten damals über ihre Professoren mokiert haben

Kay Lutze
Gesellschaft
Schon vor über 150 Jahren haben Medizinstudenten ihre Professoren an der Universität verhohnepiepelt. Medium für das spöttische „Feedback“ war die Festzeitung des „Leipziger Vogelsschießens“, die im Zuge der Schützenfeste entstanden ist.

Der Ursprung des Vogelschießens liegt wohl in der Zeit um 1850. Die mit dem Schützenfest entstandenen Festzeitungen der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig reflektieren die medizinische Entwicklung, die politischen Umstände und die gesellschaftlichen Stimmungen der Zeit vom Deutschen Kaiserreich über die Weimarer Republik und das Nazi-Regime bis zum Zweiten Weltkrieg 1939. Kurz lebte diese Tradition ab 1954 auch in der DDR wieder auf, bis die Machthaber den Schießfesten 1957 ein Ende machten, da sich Teilnehmer nicht an die Zensurvorschriften des Regimes gehalten hatten.

Die erhaltenen Festzeitungen stammen aus der Sammlung des Karl-Sudhoff-Instituts und befinden sich heute in der Leipziger Universitätsbibliothek „Bibliotheca Albertina“. Sie sind reich an Karikaturen und Versen, die die Professorenschaft, aber auch Kommilitonen, aufs Korn nehmen. Die Darstellungen sind vielfach frauen-, ausländerfeindlich sowie antisemitisch und geben damit ein exaktes Abbild gesellschaftlicher Entwicklungen und Überzeugungen der damaligen Zeiten wieder.

„Man strahlt von früh bis abends spat!“

Ein Genre der gezeigten Bilder sind harmlose Porträtzeichnungen und Fotografien der Professoren der Medizinischen Fakultät. Mitunter werden die Universitätslehrer aber auch recht derb verballhornt. So wird der Gynäkologe Carl Siegmund Credé (1819-1892) in der Ausgabe von 1886 bei der Geburtshilfe dargestellt, wobei er es nur mit der Hilfe einer Reihe von Helfern schafft, das Kind zur Welt zu bringen: „Wenn die Kräfte dir zum Ziehen weichen, ruf getreue Nachbarn und desgleichen, laß´ sie Kette bilden alle schnell: eins, zwei, drei! Schon ist das Kind zur Stell´!“ (Festzeitung 35, 1886, S. 6f.).

Beachtung finden aber auch neu erfundene diagnostische Methoden wie die Röntgenstrahlen. Eine Karikatur zeigt alltägliche Begebenheiten, bei denen die Menschen durchsichtig zum Skelett geworden sind: „Röntgen, Röntgen, wo soll das noch öndgen!“ (Festzeitung 45, 1896, S. 16). Und dieser Krittelvers war in der Festzeitung von 1904 zur jungen Röntgendiagnostik zu lesen: „Ja in der edlen Chirurgie, da röntgt man heute, wie noch nie! Herr Doktor röntgt, es röntgt Herr Rat, man strahlt von früh bis abends spat“ (vgl. MSC, Korge, Riha, S. 32)

Derben Spott ernteten auch das Pflegepersonal und andere Klinikangestellte wie der Hausmeister oder Reinigungskräfte, aber auch die Studenten selbst wurden veräppelt. In der Ausgabe von 1889 werden sie zum Beispiel vor unbotmäßigem Verhalten gewarnt: „Und ferner nicht, dass quer man trägt im Munde, den Bleistift, wie der Hund des Herren Stock. Auch nicht, dass an der Klemmerschnur man kaue, sodass herabfliesst Speichel auf den Rock. Auch nicht, dass eh `der Vortrag ist beendet, dem klein`schen Hörsaal man den Rücken kehrt, Und so durch seiner Füsse laute Tritte sowohl den Lehrer, als auch die Kollegen stört“ (vgl. MSC, Karge, Riha, S. 36).

Sie hält`s, so geht das Gemunkel, schon längst mit einem Zahnunkel!"

Gemeinheiten waren auch die ersten Frauen an der Universität ausgesetzt. Bereits bevor sie offiziell zum Studium zugelassen wurden, konnten einzelne von ihnen als Hörerinnen und ab 1901 als Hospitantinnen an Vorlesungen teilnehmen, wie etwa Marie Oertel aus Odessa und die Engländerin Hope Bridges Adams. Über eine angehende Zahnärztin, die in den Vorlesungen des Chirurgen Dr. Georg Clemens Perthes (1869-1927) saß, wird 1903 so gelästert: „Bei Perthes in der ersten Reih, da saßen sonst der Kollegen drei, doch plötzlich waren zu finden sie vier, fünf Reihn weiter hinten. Was lockte in dieser Weise, die sonst gestrebet mit Fleiße? Das schöne Kind von der Zahnarzterei, das zog sie mit Gewalt herbei. [...] Drum eh` sie völlig noch umgarnt, sei` n ernstlich sie hierdurch gewarnt: Sie hält` s, so geht das Gemunkel, schon längst mit einem Zahnunkel!" (MSC, S.62)

Diskriminierende Äußerungen finden sich in der Festzeitung auch über jüdische Studenten und Professoren. Ein Beleg für antisemitische Einstellungen ist dieses Gedicht von 1897, das sich abfällig über jüdische Mediziner lustig macht und dabei viele antijüdische Stereotypen verwendet: „Zwar corier` ich nicht nur Raiche,“ Siegfried Lilienthal begann, „doch verkauf` ich, was aus Kräutern billig ich `rausquetschen kann.“ (Auszug aus der Festschrift 1897, in: MSC, S. 77)

Die Festschriften des Vogelschießens der Universität Leipzig sind eine Rarität, es gibt nur wenige ähnliche Publikationen in Deutschland, die allerdings nicht periodisch wie in Leipzig erschienen sind. In Jena gab es eine Zeitschrift zum Akademischen Vogelschießen von 1906. In Dresden 1898 eine Festkneipzeitung des Deutschen Akademischen Sänger Bunds, die von Studenten aller Studienzweige erarbeitet wurde. Die „Münchner Medizynische Knochenschrift“ entstand für einen Medizinerball 1939 im München. Es ist ein Glück, dass so viele Ausgaben bis heute in Leipzig erhalten geblieben sind!

Der Versuch in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts, die Tradition des Vogelschießens an der Universität Leipzig wieder aufleben zu lassen, scheiterte allerdings.

Kay Lutze

Historiker, M.A.
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