Zucker fördert Entzündungen – trotz Zähneputzen
Zucker sei nicht nur ein Auslöser für Karies – er treibe Entzündungen im Mund und im gesamten Körper an. Zwar sei Karies in Deutschland dank Präventionsprogrammen und Fluoridierung deutlich zurückgegangen, doch auch bei guter Mundhygiene könne ein dauerhaft hoher Zuckerkonsum Zahnfleischentzündungen begünstigen und stehe zudem in engem Zusammenhang mit Volkskrankheiten wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Adipositas.
„Die Daten zeigen klar, dass wir Prävention breiter denken müssen“, stellte DGZMK-Präsident Prof. Dr. Dr. Peter Proff klar. „Wenn Ernährungsfaktoren entzündliche Erkrankungen beeinflussen, brauchen wir neben individueller Aufklärung auch strukturelle Maßnahmen, die den Zuckerkonsum in der Bevölkerung wirksam reduzieren. Mundgesundheit ist Teil der Allgemeingesundheit – und Prävention bedeutet mehr als Mundhygiene.“
Mundgesundheit wird vor allem durch Ernährung beeinflusst
„Eine gute Mundhygiene ist durchaus effektiv“, verdeutlichte Prof. Dr. Johan Wölber, Ernährungsmediziner und Leiter des Bereichs Parodontologie am Universitätsklinikum Dresden. „Doch Zähneputzen ist evolutionsbiologisch betrachtet ein junges kulturelles Hilfsmittel. Die Mundgesundheit wird grundsätzlich vor allem aber durch unsere Ernährung beeinflusst.“
Die viel zitierte „Steinzeit-Studie“ [Baumgartner et al., 2009] zeige: Das klassische Modell „mehr Plaque gleich mehr Entzündung“ lasse sich unter bestimmten Ernährungsbedingungen nicht bestätigen. In dieser Studie verzichteten Probanden vier Wochen lang auf moderne Mundhygiene, ernährten sich aber ohne raffinierten Zucker und stark verarbeitete Kohlenhydrate. Obwohl sich mehr Zahnbelag bildete, gingen Zahnfleischbluten und Entzündungszeichen deutlich zurück.
Auch Analysen historischer Zahnsteinproben belegen der DGZMK zufolge, dass sich das Mundmikrobiom mit der Industrialisierung und steigendem Zuckerkonsum deutlich verändert hat [Alt et al., 2022]. Zahnbelag sei aus biologischer Sicht normal – die dauerhaft hohe Zuckerexposition hingegen nicht.
Weniger Zucker – weniger Zahnfleischentzündung
Die DGZMK verweist auch auf eine aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit mit Metaanalyse [Woelber et al., 2023], wonach die Reduktion freier Zucker signifikant mit weniger Zahnfleischentzündung verbunden ist. Bereits 2019 hatte demnach eine klinische Studie nachgewiesen, dass eine vierwöchige zuckerarme, entzündungshemmende Ernährung Zahnfleischbluten deutlich senken kann – selbst ohne Zahnpflege [Woelber et al., 2019].
Zucker wirke dabei doppelt: Im Mund fördere er Stoffwechselprozesse von Bakterien. Gleichzeitig löse er im Körper Blutzuckerspitzen aus, die entzündliche Reaktionen verstärken. Chronische, niedriggradige Entzündung gelten heute als gemeinsamer Risikofaktor für Parodontitis, Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sowie sogar für Tumor- und Demenzerkrankungen.
Karies sinkt, der Zuckerkonsum bleibt hoch
Dank der modernen Zahnmedizin seien 78 Prozent der Zwölfjährigen in Deutschland heute kariesfrei [DMS 6], zugleich konsumiere die Bevölkerung durchschnittlich rund 100 Gramm Zucker pro Tag – 4-mal so viel wie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen [Fischbacher et al., 2025].
„Es ist heute möglich, kariesfreie Zähne zu haben und dennoch ernährungsbedingte Gesundheitsrisiken zu entwickeln“, betonte Wölber. „Wenn wir über Mundgesundheit sprechen, müssen wir auch über Ernährung sprechen.“
Eine Sensibilisierung für übermäßigen Zuckerkonsum wäre konsequent
Vor diesem Hintergrund sieht auch die DGZMK gesundheitspolitischen Handlungsbedarf in Sachen einer Reduktion von Zucker in Softgetränken. Während das Vereinigte Königreich nach Einführung einer Zuckersteuer den Zuckergehalt in Softdrinks um 29 Prozent senkte, blieb Deutschland mit freiwilligen Vereinbarungen bei einer Reduktion von nur zwei Prozent [von Philipsborn et al., 2023].
„Wir haben gesellschaftlich gelernt, Tabakkonsum kritisch zu hinterfragen“, bilanzierte Wölber. „Rauchen ist heute nicht mehr normal. Eine ähnliche Sensibilisierung für übermäßigen Zuckerkonsum wäre der nächste konsequente Schritt.“
[1] Baumgartner S, Imfeld T, Schicht O, Rath C, Persson RE, Persson GR. The impact of the stone age diet on gingival conditions in the absence of oral hygiene. J Periodontol. 2009 May;80(5):759-68. doi: 10.1902/jop.2009.080376.
[2] Alt KW, Al-Ahmad A, Woelber JP. Nutrition and Health in Human Evolution-Past to Present. Nutrients. 2022 Aug 31;14(17):3594. doi: 10.3390/nu1417359
[3] Woelber JP, Gebhardt D, Hujoel PP. Free sugars and gingival inflammation: A systematic review and meta-analysis. J Clin Periodontol. 2023 Sep;50(9):1188-1201. doi: 10.1111/jcpe.13831.
[4] Woelber JP, Gärtner M, Breuninger L, Anderson A, König D, Hellwig E, Al-Ahmad A, Vach K, Dötsch A, Ratka-Krüger P, Tennert C. The influence of an anti-inflammatory diet on gingivitis. A randomized controlled trial. J Clin Periodontol. 2019 Apr;46(4):481-490. doi: 10.1111/jcpe.13094.
[5] IDZ (Institut der Deutschen Zahnärzte): 6. Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS 6). Köln, 2025. Verfügbar unter:
[6] Fischbacher et al.: „Zuckersteuer – Wie lange können wir es uns noch leisten, nichts zu tun?“, Aktuel Ernährungsmed 2025; 50: 29-35, Thieme
[7] Jevdjevic M, Trescher AL, Rovers M, Listl S. The caries-related cost and effects of a tax on sugar-sweetened beverages. Public Health. 2019 Apr;169:125-132. doi: 10.1016/j.puhe.2019.02.010.
[8] von Philipsborn P, Huizinga O, Leibinger A, Rubin D, Burns J, Emmert-Fees K, Pedron S, Laxy M, Rehfuess E. Interim Evaluation of Germany's Sugar Reduction Strategy for Soft Drinks: Commitments versus Actual Trends in Sugar Content and Sugar Sales from Soft Drinks. Ann Nutr Metab. 2023;79(3):282-290. doi: 10.1159/000529592.


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