Kritik an COVID-19-Strategie der Regierung

Experten wollen 7-Tage-Inzidenz kippen

Die 7-Tage-Inzidenz taugt als Wert nicht zur Steuerung politischer Maßnahmen, rügen Experten in ihrem neuen Thesenpapier. Zielgruppen-spezifische Maßnahmen müssten zudem viel stärker berücksichtigt werden.

Zahlenwerte zur Steuerung seien unverzichtbar, allerdings werde zurzeit so vorgegangen, "dass die Testprävalenzen einfach auf die Gesamtbevölkerung oder Region umgerechnet werden, ohne über die Dunkelziffer in der nicht-getesteten Bevölkerung Rechenschaft abzulegen", kritisieren Experten in ihrem neuen Thesenpapier. AdobeStock_realstock1

Ein Strategiewechsel ist nach Einschätzung der Expertengruppe um  Prof. Matthias Schrappe von der Universität Köln und Prof. Gerd Glaeske von der Universität Bremen “unvermeidlich”. In dieser Situation bedeute die alleinige Betonung von Kontaktverboten bei fortwährender Missachtung des Schutzauftrags für die verletzlichen Bevölkerungsgruppen nichts anderes als die Gefahr, die Bevölkerung sehenden Auges in eine „kalte Herdenimmunität“ zu führen. Es sei nicht auszuschließen, dass eine weitgehende Durchseuchung der Bevölkerung so rasch eintritt, dass selbst eine Impfung nicht mehr zu einem Trendwechsel beitragen kann.

Zielgruppen-spezifische Maßnahmen stärker in den Blick nehmen

Aus diesem Grund wiederhole und verstärke die Autorengruppe ihren Appell, den Grundsatz jeder Prävention, nämlich die Ergänzung allgemeiner Maßnahmen durch Zielgruppen-spezifische Maßnahmen, stärker zu berücksichtigen. In der neuesten Version ihres Thesenpapiers (Version 6.1.) fordern die Wissenschaftler daher erneut “verlässliche Zahlen und Grenzwerte”, die zur Information und Steuerung eingesetzt werden.

Gegenwärtig sei das Robert Koch-Institut wegen des fortwährenden Fehlens von Kohorten-Studien nicht in der Lage, verlässlich Angaben zum Auftreten neuer SARS-CoV-2-Fälle zu machen. Für die sogenannte „7-Tage-Inzidenz“ würden unsystematisch gewonnene Testprävalenzen erhoben, die aus unterschiedlichen Stichproben stammen, und über eine Woche akkumuliert werden. Bei diesem Vorgehen lasse sich weder zur Gesamtpopulation noch zur Dunkelziffer eine verwertbare Aussage machen.

Kohortenstudien: unerlässlich für eine Impfkampagne

Darum schlagen die Autoren zwei neue Steuerungsinstrumente vor, die angesichts fehlender Kohorten-Studien auf die Melderate zwar nicht verzichten können, diesen “fehleranfälligen Wert” jedoch durch andere Parameter aussagekräftiger machen sollen.

So könnte der neu entwickelte “Notification Index” (NI) die Dynamik der Entwicklung beschreiben und den Bias durch die Testverfügbarkeit oder durch das Auftreten eines einzelnen großen Clusters ausgleichen. Der ebenfalls vorgeschlagene Hospitalisierungs-Index (HI) könnte die Belastung des Gesundheitssystems in einer Region anzeigen.

Um die in allen bislang veröffentlichten Thesenpapieren beschriebenen Probleme durch die Stichprobenauswahl zu beheben, seien prospektive Kohorten-Studien notwendig. Diese müssten zufällig ausgewählte Bevölkerungsstichproben umfassen, die regelmäßig (etwa alle 14 Tage) auf das Neu-Auftreten einer SARS-CoV-2-Infektion untersucht werden. Dieses Vorgehen erlaube nicht nur zentrale Aussagen zur Häufigkeitsentwicklung, zu Infektionswegen, zur Symptomatik und zu Risikogruppen, sondern sei “unerlässlich, um Impfkampagnen zu planen und zu bewerten".


Die sieben Botschaften des Thesenpapiers 6.1. im Wortlaut

Einfache Modellrechnungen zeigen, dass die „Dunkelziffer“ der Infektion in der nicht-getesteten Population um ein vielfaches über der Zahl der bekannten, neu gemeldeten Infektionen (Melderate) liegt. Legt man die Prävalenz von 1% aus der Gesamterfassung der Bevölkerung der Slowakei zugrunde, erhält man für Deutschland gegenüber 130.000 bekannten Meldungen in einer Woche weitere 815.000 Infektionen in der nicht-getesteten Bevölkerung. Den Richt- und Grenzwerten, die lediglich auf den Meldungen der Infektionen nach Testungen beruhen, kann in der Konsequenz damit keine tragende Bedeutung zugemessen werden, da sie nicht zuverlässig zu bestimmen sind.

Die vorliegenden Seroprävalenzstudien sind sehr früh in der Epidemie, meist im unmittelbaren Zusammenhang mit der sog. 1. Welle, durchgeführt worden. Die kumulative Perspektive der Antikörperbestimmungen weist auf eine Dunkelziffer zwischen Faktor 2 und Faktor 6 im Vergleich zu den kumulativen Befunden aus der PCR-Diagnostik. Aus Madrid sind erste Daten veröffentlicht, die über 50% liegen und eine teilweise Immunisierung der Bevölkerung bedeuten könnten. 

... und können nicht zu Zwecken der Steuerung und für politische Entscheidungen dienen: Kennzahlen und Grenzwerte, die zur Steuerung verwendet werden, müssen nach den Erkenntnissen moderner Organisationstheorie und Systemsteuerung reliabel (zuverlässig), valide, transparent entwickelt und verständlich sowie für die Betroffenen umsetzbar (erreichbar) sein. Bei den derzeitig verwendeten Grenzwerten, die auch in der Novelle des Infektionsschutzgesetzes aufgenommen wurden (z.B. „35 Fälle/100.000 Einwohner“), fehlt in erster Linie die Zuverlässigkeit der Messung, da sie nicht von der Dunkelziffer abgrenzbar sind (s.o.). Nicht reliable Grenzwerte können jedoch auch nicht valide sein, d.h. sie können nicht sinnvoll angewendet werden, weil sie nicht das messen, was sie messen sollen. Weiterhin sind die Zielvorgaben („wir müssen wieder unter 50/100.000 kommen“) unrealistisch und verletzen daher das zentrale Gebot der Erreichbarkeit.

 

 

...die angesichts fehlender Kohorten-Studien auf die Melderate zwar nicht verzichten können, diesen fehleranfälligen Wert jedoch durch andere Parameter aussagekräftiger machen.Der neu entwickelte notification index NI beschreibt die Dynamik der Entwicklung auf nationaler oder regionaler Ebene. Er setzt die Melderate (M „x Fälle/100.000 Einwohner“) und die Rate positiver Testbefunde (T+) zur Testhäufigkeit (Tn) und zu einem einfachen Heterogenitätsmarker (H) in Bezug und erlaubt es, den Bias z.B. durch die Testverfügbarkeit oder durch das Auftreten eines einzelnen großen Clusters auszugleichen. Der zweite Index (Hospitalisierungs-Index HI) beschreibt die Belastung des Gesundheitssystems in einer Region und berechnet sich als Produkt von NI und der Hospitalisierungsrate. 

Die Hospitalisierungsrate sinkt bzw. stabilisiert sich trotz steigenden Alters der Infizierten, die Beatmungsrate sinkt seit Beginn der Epidemie, und insbesondere nimmt die Mortalität ab, sowohl bei den Intensivpatienten als auch in den Kollektiven der Mitarbeiter in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Betreuungseinrichtungen. Es ist sicherlich sinnvoll, im Rahmen einer Neuorientierung der Gesamtstrategie hin zu einem zugehenden Schutzkonzept auch positive Entwicklungen hervorzuheben.

Es ist zu einem deutlichen Anstieg der Intensivpatienten mit CoViD-19 gekommen und somit auch zu einer Abnahme der freien Intensivkapazität. Allerdings ist parallel ein absoluter Abfall der Gesamtintensivkapazität in Deutschland zu beobachten, der einen großen Anteil an der Abnahme der freien Intensivbetten hat. Mit den zur Verfügung stehenden Daten ist dieser Effekt nicht erklärbar, eine Analyse auf politischer Ebene erscheint notwendig. 

Um die in allen bislang veröffentlichten Thesenpapieren beschriebenen Probleme durch die Stichprobenauswahl zu beheben, sind prospektive Kohorten-Studien notwendig und auch heute noch zu initiieren. Sie müssen zufällig ausgewählte Bevölkerungsstichproben umfassen, die regelmäßig (z.B. alle 14 Tage) auf das Neu-Auftreten einer Infektion mit SARS-CoV-2/CoViD-19 untersucht werden (longitudinales Design, PCR u/o Antigenteste). Es ist wichtig festzuhalten, dass Querschnittsstudien zur Seroprävalenz (Antikörper) nicht als Kohorten-Studien gelten, da sie retrospektiv ausgerichtet sind (Nachweis überstandener Infektionen). Kohorten-Studien erlauben zentrale Aussagen zur Häufigkeitsentwicklung, zu den Infektionswegen, zur Symptomatik und zu den Risikogruppen. Weiterhin sind Kohorten-Studien unerlässlich, um Impfkampagnen zu planen und zu bewerten. 


Das neu identifizierte Coronavirus SARS-CoV-2 verursacht die "Corona virus disease 2019" (Covid-19) und ist Auslöser der COVID-19-Pandemie.

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