Verbraucherschützer erhöhen Druck auf Klöckner

Industrie-Lebensmittel-Ampel: "Da steht Ampel drauf, ist aber nur Verbrauchertäuschung drin!"

Nach Großbritannien und Frankreich führt auch Belgien eine Nährwert-Ampel für Lebensmittel ein - jetzt müsse auch Deutschland endlich nachziehen, statt weiter auf freiwillige Impulse der Industrie zu setzen, fordert die Verbraucherorganisation foodwatch.

Verbraucherorganisationen, Ernährungswissenschaftler, Kinderärzte, Krankenkassen und auch die Mehrheit der Deutschen sprechen sich für eine Lebensmittel-Ampel aus - wenn sie von unabhängigen Experten, und nicht von der Industrie, entwickelt wird. Fotolia - Rido

Um es den Menschen "leichter zu machen, sich für eine gesunde Ernährung zu entscheiden", sollen die Verpackungen belgischer Produkte in Kürze zusätzlich mit einer Ampelkennzeichnung dargestellt werden, erklärte die belgische Gesundheitsministerin Maggie de Block in der vergangenen Woche.

Für Deutschland klingen die Pläne verhaltener: So wollen Union und SPD laut Koalitionsvertrag "das System der Nährwertkennzeichnungen für verpackte und verarbeitete Lebensmittel weiterentwickeln, indem der Gehalt gegebenenfalls vereinfacht visualisiert wird". Ein Modell dafür soll bis Sommer 2019 erarbeitet werden.

foodwatch: Lebensmittel-Ampeln auf freiwilliger Basis reichen nicht aus

Der Verbraucherorganisation foodwatch geht das nicht weit genug: "Erst Großbritannien, dann Frankreich, jetzt Belgien - immer mehr Länder in Europa führen Lebensmittelampeln ein. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner wehrt sich jedoch mit Händen und Füßen gegen eine farbliche Kennzeichnung von Zucker, Salz & Co. - und das, obwohl Ärzteverbände, Krankenkassen und Verbraucherorganisationen ein Ampel-System schon seit Jahren fordern, und auch die Mehrheit der Menschen in Deutschland eine Ampel will. Frau Klöckner sollte endlich den Appellen der Fachwelt folgen, statt nach der Pfeife der Lebensmittel-Lobby zu tanzen", fordert Oliver Huizinga, Leiter Recherche und Kampagnen bei foodwatch.

Außerdem solle sich Klöckner auch auf europäischer Ebene für eine verpflichtende Kennzeichnung stark machen. Denn "weil die Pflicht zur Nährwertkennzeichnung EU-weit einheitlich geregelt ist, können die Mitgliedsstaaten zusätzliche, farbbasierte Kennzeichnungsmodelle nur auf freiwilliger Basis einführen", heißt es von foodwatch.

Das NutriScore-Modell: Finger weg von roten E-Lebensmitteln

Die belgische Regierung will das sogenannte NutriScore-Modell nach französischem Vorbild übernehmen: Das Modell wurde vergangenes Jahr von der französischen Regierung auf freiwilliger Basis eingeführt und bereits von zahlreichen Unternehmen übernommen.

Das Modell nimmt eine Gesamtbewertung des Nährwertprofils eines Produkts vor, indem günstige und ungünstige Nährwertbestandteile mit Punkten bewertet und dann miteinander verrechnet werden. Schließlich wird das Ergebnis mit einer fünfstufigen Farbskala dargestellt, die zugleich mit den Buchstaben A bis E hinterlegt ist. Ein Produkt mit einem günstigen, ausgewogenen Nährwertprofil erhält somit eine grüne Einordnung und den Buchstaben A, ein sehr unausgewogenes Produkt enthält eine rote Bewertung und den Buchstaben E.

Das NutriScore-Modell unterscheidet sich damit von dem Ampel-Modell, das die britische Lebensmittelbehörde FSA bereits 2007 entwickelt hatte. Diese Ampel zeigt vier Farbskalen: jeweils für die Zutaten Fett, gesättigte Fette, Zucker, Salz.

Der Verbraucher soll vergleichen können

foodwatch würde sowohl die Einführung der britischen Lebensmittel-Ampel als auch des französischen Modells befürworten. "Jedes der Modelle ermöglicht es Verbraucherinnen und Verbraucher, die ernährungsphysiologische Qualität von Produkten auf dem ersten Blick miteinander vergleichen zu können", so foodwatch.

foodwatch kritisiert die Marketing- und Lobbymaßnahmen von Coca-Cola als "unverantwortlich". Der Getränkehersteller agiere mit den gleichen Methoden wie die Tabakindustrie.

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"Ob NutriScore aus Frankreich oder die Original-Ampel aus Großbritannien: Entscheidend ist, dass wir ein von unabhängigen Experten entwickeltes System haben, das die Nährwerte eines Produkts mit einer farblichen Kennzeichnung direkt auf der Produktvorderseite darstellt und die Vergleichbarkeit von Produkten gewährleistet", sagt Oliver Huizinga.

Von der Industrie selbst entwickelte Kennzeichnungsmodelle kritisieren die Verbraucherschützer dagegen. So möchten die fünf großen Lebensmittelkonzerne Coca-Cola, Mondelez, Nestlé, PepsiCo und Unilever ein eigenes Ampel-System einführen, das auf Basis von Portionsgrößen berechnet wird.

Selbst Nutella würde mit dieser Industrie-Kennzeichnung keine einzige rote Ampel erhalten!

"Selbst ein Produkt wie Nutella, das zu fast 90 Prozent aus Zucker und Fett besteht, würde mit dieser Industrie-Kennzeichnung jedoch keine einzige rote Ampel erhalten", kritisiert foodwatch. "Die geplante Pseudo-Ampel von Nestlé, Cola & Co. ist nicht die Lösung. Da steht Ampel drauf, ist aber nur Verbrauchertäuschung drin", erklärt Huizinga.

35 Kilogramm Zucker essen die Deutschen pro Jahr und Kopf – mehr als doppelt so viel wie von der WHO empfohlen. Der Wert bildet jedoch nur den Konsum von Haushaltszucker ab. Hinzu kommt ein steigender Verbrauch von Mono- und Disacchariden, die Lebensmitteln zugesetzt werden – und zunehmend zum Problem werden.

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