Studie

Korrelieren Parodontitiden und Depressionen?

Forscher der Universität Duisburg-Essen haben erstmalig beim Menschen gezeigt, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Entzündungen und Depressionen gibt. Gilt dies auch für Parodontitiden? Zwei Parodontologen diskutieren diese Frage.

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Die Publikation belegt zum ersten Mal beim Menschen, dass IL-6, ein prominenter Entzündungsmediator, im Rahmen einer experimentellen systemischen Inflammation von der systemischen Zirkulation durch die Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn vordringen und dort zu depressiven Symptomen führen kann [Engler et al., 2017].

In der Tat ist diese Verbindung hochinteressant für die Erforschung der systemischen Folgen parodontaler Erkrankungen. Parodontale Erkrankungen führen regelmäßig zu einer niedrig-gradigen systemischen Inflammation - sehr robuste Daten existieren hier insbesondere für das C-reaktive Protein [Paraskevas et al., 2008] - sowie zu einer Bakteriämie [Tomas et al., 2012].

Das in dieser betreffenden Publikation untersuchte IL-6 ist ein sehr bekanntes pro-inflammatorisches Zytokin, welches die CRP Produktion in der Leber steigert, und bei Parodontitispatienten vermehrt im Serum nachgewiesen werden kann [D'Aiuto et al., 2004; Higashi et al., 2009].


Forscher entdecken neue Zusammenhänge

Die aktuelle Arbeit, auf die sich  PD Dr. Moritz Kebschull und Prof. Dr. Sören Jepsen aus Bonn berufen, stammt von Forschern der Universität Duisburg-Essen und ist in der Moleculare Psychiatry 2017 erschienen:

Seit längerem wird vermutet, dass Immun-Botenstoffe an der Entstehung depressiver Störungen beteiligt sein könnten. Diese sogenannten Zytokine werden während einer Entzündung von den aktivierten Immunzellen freigesetzt. Einen experimentellen Beleg dafür konnten nun die beiden Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen, Prof. Harald Engler, und Prof. Manfred Schedlowski vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie am Universitätsklinikum Essen, finden.

In einer interdisziplinären Studie konnten die Forscher erstmalig beim Menschen zeigen, dass im Verlauf einer akuten Entzündung die Konzentration des Immunbotenstoffs Interleukin-6 (IL-6) nicht nur im Blut, sondern auch deutlich in der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor) ansteigt. Der Anstieg von IL-6 im Liquor hing dabei signifikant mit den von den Probanden berichteten depressiven Anzeichen zusammen: Nahm die Konzentration zu, verstärkten sich auch die Symptome.

Die Wissenschaftler vermuten nun, dass IL-6 über die Blutbahn das Gehirn erreichen und hier durch die Modulation neuronaler Prozesse eine Depression bewirken könnte. Auch wenn weiterführende Untersuchungen noch die genauen Transportmechanismen identifizieren müssen, über die IL-6 ins Gehirn gelangt, weisen diese Befunde auf neue Möglichkeiten hin, depressive Störungen zu behandeln. So ließe sich beispielsweise dieser Botenstoff gezielt blockieren.

An der Studie waren insgesamt elf Forscher der Kliniken für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Neurochirurgie sowie Orthopädie und Unfallchirurgie beteiligt.

Engler H, Brendt P, Wischermann J, Wegner A, Röhling R, Schoemberg T, Meyer U, Gold R, Peters J, Benson S, Schedlowski M. Selective increase of cerebrospinal fluid IL-6 during experimental systemic inflammation in humans: association with depressive symptoms. Mol Psychiatry. 2017 Jan 31. DOI: 10.1038/mp.2016.264.

Die vollständige Publikation finden Sie hier.


Der derzeitige Konsens im Feld ist, dass diese beiden Signalwege – systemische Inflammation und/oder Bakteriämie mit spezifischen Pathogenen – im Wesentlichen die systemischen Folgen parodontaler Erkrankungen vermitteln, so zum Beispiel bei den beiden sehr gut erforschten Bereichen Atherosklerose sowie Diabetes Typ II.

Im Falle der hier betrachteten Erkrankungen des zentralen Nervensystems gibt es tatsächlich erste Hinweise aus epidemiologischen Studien, wonach parodontale Infektionen hier auch Auswirkungen haben könnten: Konkret existieren unterstützende Daten für Demenzerkrankungen [Noble et al. 2014; Okamoto et al. 2017; Okamoto et al. 2015), bei der Depression ist die Datenlage nicht so klar (Araujo et al. 2016; Kisely et al. 2016; Warren et al. 2014].

Bei der Betrachtung eines möglichen Zusammenhangs von Nervenerkrankungen und Parodontitis bestehen zwei wesentliche Probleme, nämlich (i) die zum Teil stark variablen Krankheitsdefinitionen sowie (ii) die Frage des zeitlichen Ablaufes bzw. der Kausalität. Viele Querschnittsstudien werden an Patienten mit aktiver Nervenerkrankung (wie Patienten mit Morbus Alzheimer, oder einer manifesten Depression) durchgeführt [Cestari et al., 2016; Ide et al., 2016; Syrjala et al., 2012].

Eine erhöhte Prävalenz von parodontalen Erkrankungen bei diesen Patienten kann bei diesem Studiendesign kaum auf eine kausale Verbindung beider Erkrankungen zurück geführt werden – vielmehr erscheint es logisch, dass an diesen Nervenerkrankungen leidende Patienten weniger stark in der Mundhygiene aktiv sein könnten.

Nur longitudinale Studien, die Parodontitis zum Baseline-Zeitpunkt mit einer Nervenerkrankung in der Zukunft verbinden – und hier gibt es noch nicht so viele Studien – können die Frage einer Kausalität abschließend klären.

Zusammenfassung

 

Zusammengefasst steht die Forschung hier noch ziemlich am Anfang, aber wir halten eine kausale Beziehung von parodontalen Infektionen und Nervenerkrankungen für biologisch plausibel und arbeiten deshalb aktiv an einer Untersuchung dieser Zusammenhänge.

PD Dr. Moritz Kebschull
Prof. Dr. Sören Jepsen

Universitätszahnklinik Bonn
Abteilung Zahnerhaltung und Präventive Zahnheilkunde
Welschnonnenstraße 17, 53111 Bonn

moritz.kebschull@uni-bonn.de

Literatur hierzu:

 

  • Araujo MM, Martins CC, Costa LC, Cota LO, Faria RL, Cunha FA, Costa FO. 2016. Association between depression and periodontitis: A systematic review and meta-analysis. J Clin Periodontol. 43(3):216-228.
  • Cestari JA, Fabri GM, Kalil J, Nitrini R, Jacob-Filho W, de Siqueira JT, Siqueira SR. 2016. Oral infections and cytokine levels in patients with alzheimer's disease and mild cognitive impairment compared with controls. Journal of Alzheimer's disease : JAD. 52(4):1479-1485.
  • D'Aiuto F, Parkar M, Andreou G, Suvan J, Brett PM, Ready D, Tonetti MS. 2004. Periodontitis and systemic inflammation: Control of the local infection is associated with a reduction in serum inflammatory markers. J Dent Res. 83(2):156-160.
  • Engler H, Brendt P, Wischermann J, Wegner A, Rohling R, Schoemberg T, Meyer U, Gold R, Peters J, Benson S et al. 2017. Selective increase of cerebrospinal fluid il-6 during experimental systemic inflammation in humans: Association with depressive symptoms. Molecular psychiatry.
  • Higashi Y, Goto C, Hidaka T, Soga J, Nakamura S, Fujii Y, Hata T, Idei N, Fujimura N, Chayama K et al. 2009. Oral infection-inflammatory pathway, periodontitis, is a risk factor for endothelial dysfunction in patients with coronary artery disease. Atherosclerosis.
  • Ide M, Harris M, Stevens A, Sussams R, Hopkins V, Culliford D, Fuller J, Ibbett P, Raybould R, Thomas R et al. 2016. Periodontitis and cognitive decline in alzheimer's disease. PLoS One. 11(3):e0151081.
  • Kisely S, Sawyer E, Siskind D, Lalloo R. 2016. The oral health of people with anxiety and depressive disorders - a systematic review and meta-analysis. Journal of affective disorders. 200:119-132.
  • Noble JM, Scarmeas N, Celenti RS, Elkind MS, Wright CB, Schupf N, Papapanou PN. 2014. Serum igg antibody levels to periodontal microbiota are associated with incident alzheimer disease. PLoS One. 9(12):e114959.
  • Okamoto N, Morikawa M, Amano N, Yanagi M, Takasawa S, Kurumatani N. 2017. Effects of tooth loss and the apolipoprotein e varepsilon4 allele on mild memory impairment in the fujiwara-kyo study of japan: A nested case-control study. Journal of Alzheimer's disease : JAD. 55(2):575-583.
  • Okamoto N, Morikawa M, Tomioka K, Yanagi M, Amano N, Kurumatani N. 2015. Association between tooth loss and the development of mild memory impairment in the elderly: The fujiwara-kyo study. Journal of Alzheimer's disease : JAD. 44(3):777-786.
  • Paraskevas S, Huizinga JD, Loos BG. 2008. A systematic review and meta-analyses on c-reactive protein in relation to periodontitis. J Clin Periodontol. 35(4):277-290.
  • Syrjala AM, Ylostalo P, Ruoppi P, Komulainen K, Hartikainen S, Sulkava R, Knuuttila M. 2012. Dementia and oral health among subjects aged 75 years or older. Gerodontology. 29(1):36-42.
  • Tomas I, Diz P, Tobias A, Scully C, Donos N. 2012. Periodontal health status and bacteraemia from daily oral activities: Systematic review/meta-analysis. J Clin Periodontol. 39(3):213-228.
  • Warren KR, Postolache TT, Groer ME, Pinjari O, Kelly DL, Reynolds MA. 2014. Role of chronic stress and depression in periodontal diseases. Periodontol 2000. 64(1):127-138.
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