Zahnmedizin

Retromolare Knochenblockentnahme

Zum ersten Mal hat ein Deutscher den 1. Preis der American Academy of Osseointegration erhalten. Hier stellen Prof. Fouad Khoury und sein Co-Autor Thomas Hanser die Studie zur Rekonstruktion von Alveolarkammdefekten mittels retromolarer Knochenblockentnahme von der Linea obliqua externa des Unterkiefers mit der MicroSaw-Technik vor.

Ziel der prospektiven Studie war es, die Ergebnisse der retromolaren Knochenblockentnahme von der Linea obliqua externa des Unterkiefers mit der MicroSaw-Technik unter Berücksichtigung des operativen Aufwandes und der Transplantatverarbeitung zu bewerten, mögliche Morbidität und Komplikationen herauszuarbeiten sowie das Volumen der entnommen Knochentransplantate zu ermitteln. Khoury/Hanser

Abb. 2: Das DVT zeigt die Ausdehnung der Linea obliqua externa sowie die Lage des Mandibularkanals im Bereich des zweiten Molaren. Khoury/ Hanser
Abb. 3: Der DVT Ausschnitt distal des letzten Molaren weist eine Abstandsverringerung des Nervus alveolaris inferior zur bukkalen Kortikalis auf. Khoury/ Hanser
Abb. 4: Der DVT Ausschnitt im Bereich des aufsteigenden Astes demonstriert eine oberflächliche Position des Mandibularkanals. Khoury/ Hanser
Abb. 5: Darstellung der Linea obliqua externa Khoury/ Hanser
Abb. 6: Die vertikalen Schnitte werden mit dem MicroSaw Handstück angelegt. Khoury/ Hanser
Abb. 7: Die beiden vertikalen Schnitte werden apikal mit dem MicroSaw Winkelstück verbunden. Khoury/ Hanser
Abb. 8: Mit einem Meißel wird im Bereich der krestalen Perforationen eine Spannung erzeugt, welche zur lateralen Luxation des Knochenblockes führt. Khoury/ Hanser
Abb. 9: Der entnommene Knochenblock Khoury/ Hanser
Abb. 10: Die Situation nach Längsteilung des Knochenblockes. Khoury/ Hanser
Abb. 11: Umfangreicher vertikaler Knochendefekt im Oberkieferfrontzahnbereich. Khoury/ Hanser
Abb. 12: Stabilisierung von 2 dünnen Knochenschalen vestibulär und palatinal mit Hilfe von Mikroschrauben. Khoury/ Hanser
Abb. 13: Der Hohlraum zwischen der Knochenplatten wird mit autogenen Knochenpartikeln, im Sinne einer 3D Knochenaugmentation, aufgefüllt. Khoury/ Hanser
Abb. 14: Die klinische Situation 3 Monate postoperativ nach der Insertion von zwei Implantaten demonstriert eine optimale vertikale Regeneration von ca. 12 mm. Khoury/ Hanser
Prof. Khoury erhält den William Laney Award von den Professoren Eckert und Romanos. Khoury/ Hanser

Aus der Studie „Mandibular bone block harvesting from the retromolar region: a 10-year prospective clinical study“:

Die Rekonstruktion von Alveolarkammdefekten nach Zahnverlust ist eine der größten Herausforderungen in der zahnärztlichen Implantologie. Um bestehende Knochendefekte zu rekonstruieren, werden autogene, alloplastische oder allogene Transplantate herangezogen. Die Art der Transplantatintegration und -regeneration hängt hauptsächlich von dessen Ursprung und Zusammensetzung ab.

Alloplastische und allogene Transplantate mit ihrer osteokonduktiven Eigenschaft dienen als Leitschiene für neues Knochenwachstum, welches vom Empfängerlager ausgeht. Ein autogenes Knochentransplantat ist hingegen osteoinduktiv, osteogen und osteokonduktiv und weist deshalb verglichen zu Biomaterialien ein signifikant höheres Regenerationspotenzial auf [Khoury F, 2007].

Deshalb ist der autogene Knochen vor allem bei größeren lateralen oder vertikalen Defekten nach wie vor der Goldstandard im Rahmen knochenaugmentativer Maßnahmen [Zouhary K, 2010; Nkenke E, 2014; Misch CM, 1997; Cordaro L, 2011].

Um das Potenzial autogener Knochentransplantate in der täglichen Praxis nutzen zu können, gilt es sichere, reproduzierbare und komplikationsarme Entnahmemöglichkeiten auch für voluminöse Transplantate unter Lokalanästhesie anzubieten [Khoury F, 1999; Pikos MA 2005; Pikos MA 2005; Misch CM, 2000].

Ziel dieser prospektiven Studie war es, die Ergebnisse der retromolaren Knochenblockentnahme von der Linea obliqua externa des Unterkiefers mit der MicroSaw-Technik [Khoury F, 2010] unter Berücksichtigung des operativen Aufwandes und der Transplantatverarbeitung zu bewerten, mögliche Morbidität und Komplikationen herauszuarbeiten sowie das Volumen der entnommen Knochentransplantate zu ermitteln.

Design und Methode

In einem Zeitraum von zehn Jahren wurden bei 3.328 Patienten insgesamt 3.874 retromolare Knochenblocktransplantate von der Mandibula entnommen. 419 Patienten (12,59 Prozent) unterzogen sich einer bilateralen Knochenblockentnahme und bei 127 Patienten (3,82 Prozent) erfolgte innerhalb des Untersuchungszeitraums mehr als eine Transplantatentnahme aus derselben Entnahmestelle. Bereits der Palpationsbefund der retromolaren Region liefert primäre und wichtige Informationen über das Volumen der Linea obliqua externa. Weitere wertvolle Informationen, wie zum Beispiel die Kortikalisdicke sowie die Lage des Mandibularkanals, können dem DVT entnommen werden (Abb. 2-4).

Die Blöcke wurden in Anlehnung an das MicroSaw-Protokoll entnommen. Dabei werden zwei proximal-vertikale und eine basal-horizontale Osteotomie mit der Diamantscheibe sowie kleine Perforationen okklusal-krestal mit einem dünnen Drillbohrer angelegt (Abb. 5-7). Die MicroSaw (Dentsply Sirona Implants, Mannheim) kann maximal eine Schnitttiefe von 3,1mm erreichen, was in der Regel der Kortikalisdicke im molaren- und retromolaren Bereich entspricht. Daher werden die Osteotomien mit einer Schnitttiefe von 2-3 mm nur sehr oberflächlich im Sinne von Sollbruchstellen angelegt.

Mit einem feinen Meißel wird im Bereich der krestalen Perforationen eine Spannung erzeugt, welche zur lateralen Luxation des Knochenblocks führt (Abb. 8). Die gewonnenen Knochenblöcke wurden mit der Diamantscheibe in zwei dünne Knochenblöcke geteilt (Abb. 9, 10). Die Knochenaugmentation erfolgte gemäß dem biologischen Augmentationskonzept der Knochenschalentechnik (Split Bone Block (SBB)-Technique, Abb. 11-14). In 431 Fällen (11,12 Prozent) war nur eine Knochenschale zur Augmentation erforderlich, so dass die zweite in die retromolare Spenderstelle zurückgesetzt wurde, um diese zu rekonstruieren.

Ergebnisse

Die durchschnittliche Transplantatentnahmezeit betrug 6,5 ± 2,5 Minuten bei einem durchschnittlichen Transplantatvolumen von 1,9 ± 0,9 cm3 (Maximum 4,4 cm3). Selbst wenn es in seltenen Fällen bei der Entnahme von voluminösen Blöcken zu einer Exposition des Nervus alveolaris inferior gekommen war (4,33 Prozent), kam es in keinem Fall zu schweren Nervenläsionen mit permanenter Anästhesie. Insgesamt 61 (1,58 Prozent) Spenderstellen zeigten primäre Komplikationen der Wundheilung, von denen die meisten Patienten Raucher waren (80,4 Prozent).

Schlussfolgerung

Die Ergebnisse dieser prospektiven 10-Jahres-Studie zeigen auf, dass das angewandte diagnostische und chirurgische Protokoll mit der MicroSaw eine effiziente und sichere Entnahme von mandibulären Knochenblocktransplantaten ermöglicht. Die Replantation der Hälfte des Kochenblockes bietet die Möglichkeit der vollständigen Regeneration. Die Verwendung eines prädiagnostischen DVT wird bei Transplantatentnahmen auf oder unterhalb der Höhe des Nervus alveolaris inferior empfohlen.

Prof. Dr. Fouad Khoury
Privatzahnklinik Schloss Schellenstein
Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer und Gesichtschirurgie
Universität Münster

Waldeyerstr. 30, 48149 Münster

Dr. Thomas Hanser
Privatzahnklinik Schloss Schellenstein
Am Schellenstein 1, 59939 Olsberg
Tel.: 02962 971914
Fax: 02962 971922
E-Mail: prof.khoury@t-online.de
www.implantologieklinik.de


Literatur

  • Khoury F, Antoun A, Missika P. Bone Augmentation in Oral Implantology. Berlin, London: Quintessenz, 2007
  • Zouhary K: Bone Graft Harvesting From Distant Sites: Concepts and Techniques. Oral Maxillofacial Surg Clin N Am 2010;22:301-316
  • Nkenke E, Neukam FW. Autogenous bone harvesting and grafting in advanced jaw resorption: morbidity, resorption and implant survival. Eur J Oral Implantol. 2014 Summer;7 Suppl 2:S203-17.
  • Misch CM. Comparison of intraoral donor sites for onlay grafting to implant placement. Int J Oral Maxillofac Implants 1997;12:767-76.
  • Cordaro L1, Torsello F, Miuccio MT, di Torresanto VM, Eliopoulos D. Mandibular bone harvesting for alveolar reconstruction and implant placement: subjective and objective cross-sectional evaluation of donor and recipient site up to 4 years. Clin Oral Implants Res. 2011;22(11):1320-6. 
  • Khoury F. Augmentation of the sinus floor with mandibular bone block and simultaneous implantation: a 6-year clinical investigation. Int J Oral Maxillofac Implants 1999;14:557-64.
  • Pikos MA. Atrophic posterior maxilla and mandible: alveolar ridge reconstruction with mandibular block autografts. Alpha Omegan 2005;98(3):34-45.
  • Pikos MA. Mandibular block autografts for alveolar ridge augmentation.
    Atlas Oral Maxillofac Surg Clin North Am. 2005 Sep;13(2):91-107.
  • Misch CM. Use of the mandibular ramus as a donor site for onlay bone grafting. J Oral Implantol. 2000;26(1):42-9.
  • Khoury F, Happe A. Diagnostic and methods of intra oral bone harvesting (in German language). Z Zahnärztl Implantol 1999;15:167-76.

 

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