Folgen des Zuckerkonsums

So spielt die Industrie die Zuckergefahr herunter

Die Industrie versucht seit Jahrzehnten, die gesundheitlichen Folgen des Zuckerkonsums zu verharmlosen. Um den Absatz von Schokolade und Limonaden zu steigern, spannt sie auch die Forschung für sich ein. Was Wissenschaftler, Politiker und Verbraucher dagegen tun können.

Zucker ist einfach nur "Wow" - meint die Industrie und veröffentlicht dubiose Studien, die diese These scheinbar bestätigen. zm-km-catherinecml-studiostoks-fotolia

„Kakao hält Kopf und Zähne fit“ - mit dieser ungewöhnlichen Botschaft überraschten jüngst ein Ernährungswissenschaftler und ein Zahnmediziner auf einer gemeinsamen Pressekonferenz. Ersterer hatte in einer Studie mit Grundschülern herausgefunden: Das süße Milchgetränk verbesserte die Leistungsfähigkeit der Kinder signifikant - im Gegensatz zu Obst und Gemüse oder Studentenfutter.

Die Tricksereien der Studienautoren

Allerdings hatte auch ein ausgewogenes Frühstück (Vollkornbrot mit Käse oder Geflügelwurst, Obst und Gemüse, Milch oder Schokomilch, Mineralwasser) eine ebenso positive Wirkung auf die mentale Fitness der Schüler wie der Schokotrunk. Doch die Empfehlung des Ernährungsexperten war eindeutig: Das Angebot von Kakao sei an Grundschulen zu bevorzugen. Schützenhilfe bekam er von dem Zahnmediziner, der nachwies: Ein Frühstück mit Kakao ist nicht kariogener als eins mit Mineralwasser.

Nun ist die Studie allerdings nicht publiziert. Doch bereits die Zusammenfassung für die Presse wirft mindestens Fragen auf: Warum wurde nicht die Kariogenität allein von Kakao geprüft? Und warum testete der Ernährungswissenschaftler nicht neben Kakao auch Milch pur? Schließlich widerspricht der Kakao den „Qualitätsstandards für die Schulverpflegung“ der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DEG). Diese empfiehlt für die Pausenverpflegung in der Schule Milch oder selbstgemachte ungesüßte Milchgetränke.

Wenn der Partner Landliebe heißt

Eine mögliche Antwort findet sich auf einem Service-Portal, das mehr Milchgetränke an die Schulen bringen möchte. Dort ist zu lesen: „Kakao verbessert Schulnoten“ - und besagter Gesundheitswissenschaftler erläutert, dass Kakao vergleichsweise wenig Industriezucker enthalte und aufgrund seiner Zusammensetzung die Konzentration bei Kindern sogar besser als Milch pur fördere.

Partner des Portals ist das Unternehmen CampinaFriesland Germany, das mit seiner Marke Landliebe der bundesweit größte Schulmilchlieferant ist. Das Unternehmen beklagt auf der Webseite, dass Eltern und Politik den zuckerhaltigen Trunk aus den Schulen verdrängten - aber sich mit Milch alleine eine Vermarktung dort nicht lohne.

Der Einfluss der Schokoladen-Lobby

Die Verquickung von Lebensmittelindustrie und Forschung ist vielschichtig, der Einfluss oft unsichtbar, das Ziel der Lobby aber klar erkennbar: Um den Absatz von Schokoriegeln, Keksen und Limonade zu steigern, beeinflusst sie nicht nur Politik und Verbraucher, sondern nimmt auch die Wissenschaft für sich ein.

So finanziert sie laut Verbraucherschützern Studien, die einen Zusammenhang zwischen gesundheitlichen Schäden und Zuckerkonsum infrage stellen. Außerdem laden Vertreter der Industrie Wissenschaftler zu Vorträgen oder Diskussionsrunden, gewinnen sie für gemeinsame Initiativen - und machen sie so zum Sprachrohr der eigenen Sache.

„Auch aus anderen Branchen wissen wir, dass Studien an eigenen Interessen ausgerichtet sind und unliebsame Ergebnisse nicht veröffentlicht werden“, sagt Timo Lange von der Organisation LobbyControl. Die Wissenschaft lasse sich einspannen, weil sie Finanzierungsprobleme hat und auf der Suche nach Drittmitteln ist.

Wie die Zuckerindustrie Karies gezielt verharmlosen wollte

Erst jüngst haben Ärzte der University of California in San Francisco in der Fachpublikation PLOS Medicine (online) dargelegt, wie die Zuckerindustrie die Folgen von gesüßten Speisen und Getränken auf die Zähne von 1950 bis 1971 zu bagatellisieren versuchte. Dafür werteten die Gesundheitsforscher 319 Dokumente von 30 internationalen Lebensmittel- und Süßwarenherstellern aus.

Diese zeigen: Die Zuckerindustrie förderte beispielsweise Forschungsprojekte, die einen Impfstoff gegen Karies entwickeln oder Enzyme ausmachen sollten, die den Zahnbelag auflösen. Außerdem beeinflusste sie geschickt die Verantwortlichen für das Nationale Kariesprogramm an den Gesundheitsinstituten der USA. Mit Erfolg: Obwohl Zahnärzte schon damals wussten, dass weniger Zucker zu weniger Karies führt, sprach sich die WHO erst 2003 dafür aus, den Zuckerverzehr einzuschränken.

Geschicktes Ablenkungsmanöver

Auch in Deutschland gab es Bemühungen, von der schädlichen Wirkung des Zuckers abzulenken und stattdessen Forschung über Fluoride voranzutreiben. So unterstützten Zucker- und Zahnpflegemittelindustrie 1953 die Gründung der Arbeitsgemeinschaft für Fluorforschung und Kariesprophylaxe (heute: ORCA); 1976 riefen die Centrale Marketing-Agentur (CMA) als wichtigste Landwirtschaftslobby-Vereinigung, die Süßwaren- und Getränkeindustrie sowie die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker den Informationskreis Mundhygiene und Ernährungsverhalten (IME) ins Leben.

Dieser wirkt auch heute noch - finanziert von Verbänden der Lebensmittelwirtschaft - auf Wissenschaftler, Zahnärzte, Medien, Verbraucher und Schulen ein. Ebenso wie das kurz darauf von der Nahrungsmittelindustrie gegründete Life Sciences Institute (ILSI), das sich bis dato als unabhängige und wissenschaftliche Non-Profit-Organisation präsentiert. Zu den Mitgliedern von ILSI Europa zählen Südzucker, Ferrero, Coca-Cola und Danone. Auch die Organisation European Food Information Council (EUFIC), die es seit 1995 gibt, steht im Dienste der Industrie; Förderer sind etwa Südzucker, Nestlé oder Unilever.

Siehe Tabaklobby: Schäden werden kleingeredet

„Die Lebensmittelindustrie bemüht sich seit Jahrzehnten auf der ganzen Welt, Regulierungen zu verhindern und die eigene Verantwortung für ernährungsmitbedingte Erkrankungen wie Karies oder Übergewicht kleinzureden,“ sagt Oliver Huizinga von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Er wertet die neuen Veröffentlichungen der amerikanischen Forscher als weiteres Indiz dafür, „dass sich die Lebensmittelwirtschaft ganz ähnlich verhält wie über Jahrzehnte die Tabakindustrie“.

Die Auswertung der Kariesstudien der 1950er bis 1970er Jahre gehe in die gleiche Richtung wie eine aktuelle Literaturanalyse der Studien zum Zusammenhang von Softdrink-Konsum und Übergewicht. Wissenschaftler der spanischen Universität Navarra und des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE) hatten herausgefunden: Wenn Autoren Studien machen, die von der Lebensmittelindustrie finanziert werden, ergibt sich in vier von fünf Fällen kein Zusammenhang zwischen zuckerhaltigen Getränken und Übergewicht.

Bei unabhängigen Studien verhält es sich genau andersherum. „Solange Zweifel an wissenschaftlichen Zusammenhängen gesät werden, handelt die Politik meist nicht - und die Unternehmen können weitermachen wie bisher“, kritisiert Huizinga.

Die Doppelstrategie der Industrie

Aus ihrer Sicht wünschenswerte Informationen veröffentlicht die Industrie dann beispielsweise auf den Internetseiten der Organisationen EUFIC oder ILSI. „Diese kommen sehr wissenschaftlich daher und verweisen auf alle möglichen Studien - auch zum Thema Zucker“, sagt Lobbyforscher Lange.

Für Verbraucher ist schwer zu erkennen: „Wer steckt genau dahinter? Wer finanziert die Studien? Und kann ich den Informationen vertrauen?“ Es sei die klassische Doppelstrategie der Industrie, einerseits die Wissenschaftscommunity und andererseits die Öffentlichkeit zu beeinflussen.

Während das EUFIC sich als vermeintlich transparentes Informationsportal vor allem an Verbraucher richtet, zielen die Aktivitäten des ILSI auf die Wissenschaft. Die auf den Portalen präsentierten Studien relativieren grundsätzlich Zuckergefahren.

Ihre Botschaft: "Zähneputzen reicht!"

Ein zahnmedizinisches Beispiel ist eine ILSI-Publikation, in der die wissenschaftliche Literatur sehr einseitig ausgewertet wurde: „Die Karieshäufigkeit korreliert nur dann mit dem Saccharoseverbrauch, wenn die Mundhygiene schlecht ist und kein Fluorid zugeführt wird.“ Das gründet sich im Wesentlichen auf die Statistik nur einer Studie aus Großbritannien. Ähnliche Informationen streut der IME auf seiner Webseite: „Zur Vermeidung von Karies scheint eine gründliche und regelmäßige Zahnpflege (zweimal täglich) mit fluoridhaltiger Zahncreme wichtiger als ein reduzierter Zuckerkonsum zu sein.“

Dass es auch differenzierter zugehen kann, wenn die Industrie wissenschaftliche Informationen verbreitet, zeigt das britische Pendant: Die Sugar Nutrition UK, ebenfalls unterstützt von Zuckerherstellern, geht weitaus offener mit Forschungsergebnissen um.

Dr. Harald Strippel, zuständig für die zahnmedizinische Versorgung beim Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS), hat die auf der Homepage angesprochenen Studien untersucht: Elf von 16 der Arbeiten zum Thema „Zucker und Karies“ legen eine Zuckerreduktion als Maßnahme der Kariesprävention nahe. Nur aus zwei Publikationen lässt sich das Gegenteil ableiten, aus den verbleibenden drei ergeben sich keine klaren Folgerungen.

35 Kilogramm Zucker essen die Deutschen pro Jahr und Kopf – mehr als doppelt so viel wie von der WHO empfohlen. Der Wert bildet jedoch nur den Konsum von Haushaltszucker ab. Hinzu kommt ein steigender Verbrauch von Mono- und Disacchariden, die Lebensmitteln zugesetzt werden – und zunehmend zum Problem werden.

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