Die klinisch-ethische Falldiskussion

Ist der Zahntechniker der verlängerte Arm des Zahnarztes?

„Zahntechniker/innen fertigen und reparieren festsitzenden und herausnehmbaren Zahnersatz sowie zahn- und kieferregulierende Geräte.“ So steht es geschrieben (etwa bei berufenet.de). pixs4u – stock.adobe.com

Kommentar von Dr. Dr. Mike Jacob

Es gibt keine Rechtfertigung für das Einsetzen von ZE!

Zum Zeitpunkt des beschriebenen Fallstatus ist eine lösungsorientierte Reflexion des ethischen Dilemmas bereits zu spät. Diese hätte spätestens erfolgen müssen, als der Patient den Zahntechnikermeister M. mit dem Anliegen einer Behandlung aufsuchte. Mehr zeitlicher Spielraum erscheint zwar auch dann noch wünschenswert, wäre aber nur durch eine frühzeitige und grundlegende Erörterung mit dem Zahnarzt im zeitlichen Zusammenhang mit der Forderung realisierbar gewesen. 

Formaljuristisch ist die zahnärztliche Tätigkeit im „Gesetz über die Ausübung der Zahnheilkunde“ geregelt. Gleichzeitig gelten die verabschiedeten Berufsordnungen der einzelnen Kammern. Auf Basis dieser Gesetze und Verordnungen wird klar, dass kein erweiterter juristischer Spielraum entsteht, wenn ein Fall ethisch hinterfragt wird. 

Dennoch geht die professionelle Beziehung zwischen Patient und Zahnarzt über den gesetzlichen Aspekt hinaus. Professionelles Handeln erfordert die Reflexion eines Falls mit der berufseigenen Ethik. In der Praxis spiegelt sich dies darin wider, dass sich der Wert der Arzt-Patienten-Beziehung im Sinne des „informed consent“ in den vergangenen Jahrzehnten sukzessive weiterentwickelt hat. 

Letztlich geht es vor dem Hintergrund der Prinzipienethik immer um die Autonomie des Patienten, dessen Wohlergehen (Benefizienz), die Vermeidung von Schaden (Non-Malefizienz) und dessen gerechte Behandlung.

Patientenautonomie:

Prinzipiell gelangt die Autonomie des Patienten dort an ihre Grenzen, wo gesetzliche Regelungen seinem Wunsch entgegenstehen. Gleichwohl stellt sich die Frage, ob Richtlinien das moderne (Zahn)Arzt-Patienten-Verhältnis abbilden. 

Es geht nicht um die Frage, ob ein Zahnarzt aus wirtschaftlichen Erwägungen seinem Zahntechniker den Auftrag erteilt, einen Patienten zu behandeln. Dies ist ethisch per se abzulehnen, da das Wohlergehen des Patienten unter primär wirtschaftlichen Aspekten keine Rolle spielen würde. Auch im hier zu erörternden Fall ist das Einsetzen der implantatprothetischen Arbeit aus ethischer Sicht nicht zu rechtfertigen. Jede Behandlung im Mund des Patienten ist ein Eingriff in dessen Integrität, für die der Zahntechniker keine Ausbildung besitzt.

Dennoch gibt es Fälle, in denen ein individueller Zeitdruck vorliegt – beispielsweise eine anstehende Urlaubsreise, eine bevorstehende Hochzeit oder ein längerer Krankenhausaufenthalt. Der Zahnarzt muss in solchen Situationen abwägen, wie weit ein Hinzuziehen des Zahntechnikers gehen darf. Eine Übertragung der zahnärztlichen Behandlung an den Zahntechniker ist jedoch ethisch nicht vertretbar, selbst wenn es durch den autonomen Willen des Patienten gedeckt wäre. 

Benefizienz:

Im vorliegenden Fall ist das Wohlergehen des Patienten aus den Augen verloren worden. Dies gilt für Zahnarzt und Zahntechniker gleichermaßen. Für beide standen eher wirtschaftliche Erwägungen im Vordergrund, die die Bedingung, dem Patienten eine sichere und zielgerichtete Behandlung zukommen zu lassen, außer Acht ließen. Somit lagen keine ethisch rechtfertigenden Gründe vor. Läge ein bereits erwähnter individueller Zeitdruck vor, dann erscheint es statthaft, eine engere Mitbeteiligung des Zahntechnikers unter Aufsicht des Zahnarztes am Behandlungsverlauf in Betracht zu ziehen, um zeitlichen Limitationen des Patienten gerecht zu werden. 

Non-Malefizienz:

Aufgrund der vielfach denkbaren Schäden, die ein Patient bei einer unsachgemäßen Behandlung erleiden kann, bleibt unter dem Aspekt des Nichtschadensprinzips eine Delegation zahnärztlicher Aufgaben an den Zahntechniker obsolet.

Hier gilt es zu bedenken, dass die genuine Ausbildung zur zahnärztlichen Tätigkeit dem zahnmedizinischen Studium obliegt. Umgekehrt wird das Bild von Zahnmedizin aber durch die Studieninhalte bestimmt: Problematisch erscheint dabei, dass zwischen naturwissenschaftlicher Grundlagenausbildung und den Behandlungskursen im klinischen Studienteil vier Propädeutik- beziehungsweise Phantomkurse eingefügt sind. Deren Hypothek ist, dass dem künftigen Zahnarzt am Modell vermittelt wird, dass sich die Behandlung des Patienten scheinbar im Erfüllen technischer Anforderungen erschöpft. Sich von dieser Vorstellung zu lösen, fällt manchem schwer, wodurch die Hemmschwelle für eine Delegation des Zahnarztes an den Zahntechniker vielfach niedrig bleibt. 

Gerechtigkeit:

Als eines der vier ethischen Prinzipien ist auch für die gleichheitliche Behandlung der den Zahnarzt aufsuchenden und in dessen Praxis behandelten Patienten Sorge zu tragen. Ein Vorzug seitens des Zahnarztes, welcher Patient von ihm selbst behandelt wird und welcher ins zahntechnische Labor verwiesen wird, ist ethisch nicht zu rechtfertigen.

In bestimmten Situationen kann es aus Sicht der Gerechtigkeit geboten erscheinen, einen Zahntechniker mehr als üblich einzubinden. Dabei muss dem Patienten das Supervising durch den Zahnarzt zur Verfügung stehen. 

Fazit:

Als Fazit sei herausgestellt, dass im vorliegenden Fall eine professionelle Antinomie auffällt, die durch eine Spannung zwischen wirtschaftlichem Druck und dem Behandeln zum Wohlergehen des Patienten gekennzeichnet ist. Es gilt, keinen Pol zugunsten des anderen unberücksichtigt zu lassen, sondern zwischen beiden zu reflektieren. Ethisch bleibt der Patient in seiner Vulnerabilität aber an höchster Stelle angesiedelt. Wirtschaftliche Aspekte sind demgegenüber nachrangig. Betrachtet man die Realität eines Patienten, so ist es gerechtfertigt, Aspekte der Lebensplanung, Erhalt der sozialen Stellung und der Menschenwürde, mit ins Kalkül zu ziehen. Und dies betrifft nie nur die Person eines Patienten alleine, sondern immer auch dessen Umfeld, womit quasi alternative Entscheidungen durchaus nachvollziehbar werden. 

Hinterfragenswert erscheinen in diesem Kontext allerdings gesundheitspolitische Handlungsbedingungen, deren Verwaltungsvorgaben dazu beitragen, dass die Zeit zur Behandlung immer knapper wird. 

Letztlich sind zum einen die orale Situation wie auch die Auswirkungen auf den Patienten zu bedenken. Dass beide Aspekte im Rahmen des gesellschaftlichen Versorgungsauftrags bedeutend sind, begründet sich auf einem Kernmerkmal der Professionen: die Gesunderhaltung des einzelnen Menschen als Zentralwertbezug zur Gesellschaft. 

Dr. Dr. Mike Jacob
Maximinstr. 45, 66763 Dillingen/Saar
dr.mikejacob@t-online.de

 

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