17. Europatag der Bundeszahnärztekammer

Digitalisierung und KI im Fokus

Während Deutschland im Ärger über die schlecht funktionierende Telematikinfrastruktur feststeckt, fährt der Digitalzug in Europa weiter: Die Europäische Kommission will im Frühjahr einen Vorschlag zur Schaffung eines europäischen Gesundheitsdatenraums präsentieren. In Brüssel trafen sich auf Einladung der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) am 30. März Standesvertreter und Experten aus dem EU-Politikbetrieb, um sich über die Rolle von Digitalisierung und KI in der zahnmedizinischen Versorgung auszutauschen.

BZÄK-Präsident Christoph Benz fordert mehr Pragmatismus und Realitätssinn in der Digitalisierungsdebatte. Alexander Louvet

Die BZÄK lädt einmal im Jahr zum „Europatag“ nach Brüssel ein. In diesem Jahr hatten die Veranstalter den Fokus auf die Analyse von Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz (KI) in der Zahnmedizin gelegt.

In seiner Begrüßung nahm BZÄK-Präsident Prof. Dr. Christoph Benz zunächst den deutschen Umgang mit der Digitalisierung aufs Korn. Der hiesige Hang, das Digitale „wie eine Science-Fiction“ zu behandeln, produziere regelmäßig Enttäuschungen – stattdessen würde es Deutschland guttun, etwas mehr Realitätssinn an den Tag zu legen und flexibler an den Möglichkeiten der Technik entlang zu denken, forderte Benz. Die Meilensteine der digitalen Entwicklung seien nicht die Umsetzung von Science-Fiction, sondern „eine Evolution der Realität und vielleicht gerade deswegen erfolgreich“ gewesen. 

Bei der TI schraubt niemand mit Herzblut

Einen weiteren Impuls setzte Benz mit der Frage nach der Genese erfolgreicher Innovationen: „IBM-PC, das Apple iPhone, Facebook, Google, Amazon – was davon wurde im Weißen Haus erdacht? Oder in amerikanischen Ministerien? Nichts.“ Die Zahnärzteschaft sei eine „sehr digitale Arztgruppe“ – vor Jahrzehnten schon habe man die Praxen digitalisiert: „Und zwar auf eine Weise, wie man Produkte einführt: Jemand erfindet etwas mit Herzblut, diese Idee 
kommt an beim Publikum und die Kunden kaufen es in großem Stil.“ Bei der TI schraube niemand mit Herzblut, denn es seien Auftragsprodukte, die Kunden sähen das „äußerst skeptisch“ und „anwenden tun sie es nur unter Zwang“, sagte Benz: „Kann das wirklich der Weg sein, wie Digitalisierung in die Welt kommt?“

Einen Einblick in die Funktionsweise medizinischer KI gab Prof. Dr. Falk Schwendicke von der Charité Berlin, Mitglied der Focus Group on Artificial Intelligence for Health der World Health Organization (WHO) und Vorsitzender der Artificial Intelligence Working Group der World Dental Federation (FDI). In der Dermatologie gebe es vielversprechende KI zur Erkennung von Hautkrebs. In der Zahnmedizin liege der Fokus von KI-Anwendungen aktuell bei der Software zur Karieserkennung durch Röntgenbildanalyse. Studien hätten gezeigt, dass sich mit dem Einsatz von KI Genauigkeitsgewinne bei der Kariesdetektion erzielen lassen.

Die KI sei aber in den größeren Zusammenhang fortschreitender Technologien eingebunden. Nie zuvor habe es so viele Daten aus der Diagnostik und Therapie der Patienten gegeben, betonte Schwendicke. Neben Daten aus der Bildgebung stünden historische Daten, klinische Befunde und zukünftig auch vermehrt Daten aus Intraoralscannern zur Verfügung. Auf dieser Basis entwickele sich gerade eine „Datenzahnmedizin“, die die Patientenbehandlung künftig „präziser, personalisierter, präventiver und partizipatorischer“ machen könne.

Aktuell sei es wichtig, auf politischer Ebene „Normen einzuziehen“, um eine Verlässlichkeit von KI-Produkten sicherzustellen. Hier sind sowohl die BZÄK als auch der Weltzahnärzteverband FDI in den entsprechenden internationalen Gremien bereits beteiligt. Auf der Ebene der Zahnarztpraxen wird es nach Schwendicke wichtig werden, eine Digitalkompetenz, eine „Data Literacy“ zu entwickeln, um neue Technologien anwenden zu können.

Ohne Technologie Gäbe es Zahnmedizin nicht 

Insgesamt zeigte sich Schwendicke überzeugt, dass die bessere Nutzung vorhandener Daten künftig auch eine bessere Diagnostik und Therapie in der Zahnmedizin ermöglichen werde. Ein Hemmschuh heute sei die mangelnde Interoperabilität von Daten und Systemen.

In der anschließenden Diskussion fragte Moderator Hendrik Kafsack, Brüssel-Korrespondent der FAZ, nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Technik. Als Gesprächspartner waren neben Schwendicke Marion Walsmann, MdEP (CDU), Mitglied des Binnenmarktausschusses (IMCO) und des Sonderausschusses zu künstlicher Intelligenz im digitalen Zeitalter des Europäischen Parlaments (EP), Dr. Freddie Sloth-Lisbjerg, Zahnarzt und Präsident des Council of European Dentists (CED), und Dr. Frank Niggemeier, Geschäftsführer des Sachverständigenrats Gesundheit, geladen. Sie waren sich einig, dass KI den Menschen nicht überflüssig machen werde. Für den Dänen Sloth-Lisbjerg reiht sich die KI nahtlos in den technischen Fortschritt der Geschichte ein: „Ohne Technologie würde es Zahnmedizin gar nicht geben.“ Man müsse jetzt nur lernen, mit dem neuen Hilfsmittel umzugehen.

KI kann Menschen auch schaden

Wie alle Technologien kann auch KI dem Menschen nicht nur nutzen, sondern auch schaden. KI mit Social scoring oder Echtzeitüberwachung von Menschen, wie sie aus Asien berichtet wird, sollte in Europa nicht zum Einsatz kommen. Die Europaparlamentarierin Marion Walsmann wies darauf hin, dass die EU aus guten Gründen die Entwicklung und Anwendung von KI-Produkten regulieren wolle. In der angestrebten Form sei das geplante Regulierungsprojekt weltweit einzigartig, weshalb es auch international viel Aufmerksamkeit bekomme.

Die bisherigen Überlegungen der EU-Kommission gehen dahin, KI-Anwendungen in Kategorien mit hohem, mittlerem und niedrigem Risiko einzuteilen. Dabei soll alles, was konkret Medizin am Menschen beinhaltet, aufgrund der sensiblen Daten zum „Hochrisikobereich“ zählen. Bei Hochrisiko-KI soll vor dem Inverkehrbringen geprüft werden, ob ausreichende Sicherheitsvorkehrungen implementiert sind. Schwendicke ergänzte, dass zur Prüfung entsprechend ausgebildete Fachleute benötigt würden – darum müsse man sich frühzeitig kümmern, sonst sei die Regulierung schneller da als die Fachkräfte, die sie umsetzen sollen.

Für Niggemeier sind die Nutzenpotenziale der Digitalisierung und KI „so viel größer“ als die Schadenspotenziale, dass es „unverantwortlich wäre, sie nicht zu nutzen“. Andererseits müsse man dahin kommen „durch praktische Datensicherheitsmaßnahmen den Missbrauch natürlich möglichst zu verhindern“. Der Sachverständigenrat habe entsprechend schärfere Strafen für den Missbrauch gefordert. Niggemeier verwies dabei auf das deutsche Gendiagnostikgesetz, das Freiheitsstrafe oder hohe Geldstrafen für den Missbrauch vorsehe.

Zum Abschluss der Veranstaltung stellte Dr. Michael Frank, Präsident der European Regional Organization (ERO) in der World Dental Federation (FDI), wichtige Prämissen der BZÄK für die Gestaltung der Digitalisierung auf nationaler wie auf europäischer Ebene vor: „Die KI sollte Empfehlungen geben und Behandlungen unterstützen, aber keine menschliche Entscheidung ersetzen.“ Die Letztentscheidung müsse immer beim Menschen liegen, so Frank. Weiter sollen Patientinnen und Patienten „darauf vertrauen können, dass auch beim Einsatz digitaler Techniken oder KI die Behandlungen seitens der Heilberufe in eigener Verantwortung auf fachlicher Basis und unabhängig von externen Interessen erbracht werden“. Schlussendlich verwies Frank darauf, dass Gesundheitsdaten aus Sicht der BZÄK „keine kommerzielle Ware“ seien. Missbrauch müsse in jedem Fall verhindert werden.

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