Leitartikel

Ohne Not kein Opfer

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

spare in der Zeit, dann hast Du in der Not. Was Volkes Mund empfiehlt, klingt vernünftig. In politisch kontrollierten Haushalten hingegen scheint gerade das nur selten zu funktionieren. Wir Zahnärzte können davon inzwischen auch mehr als ein Lied singen. Weil der Gesetzgeber annahm, dass die gesetzlichen Krankenkassen mal wieder ins Defizit sausen, legte er mit dem GKV-Finanzierungsgesetz ein rasches Sparpaket auf. Folgen für uns Zahnärzte: In den Jahren 2011 und 2012 muss die Steigerungsrate für Budgets und Punktwert – in der Regel die ohnehin schon karge Grundlohnsummensteigerungsrate – um jeweils 0,5 Prozentpunkte abgesenkt werden. Insgesamt rund 60 Milllionen Euro wurden beziehungsweise werden so bei uns Zahnärzten mal eben eingesammelt. Das ist aber nicht nur Honorarverzicht – das Geld fehlt der Versorgung!

Dass jetzt, zwei Jahre nach dem Spargesetz, die Kassen wie die Entenhausener Ducks im Geld schwimmen, nährt zwar Hoffnungen. Aber die Verantwortlichen werden es nichtmüde, die damals abgerungenen Spargelder einzubehalten oder sogar in artfremde Bereiche abfließen zu lassen. Schäubles Leute warten schon. Gerecht und richtig ist: Der Gesetzgeber nimmt das uns Zahnärzten aufgebrummte Sparpaket zurück.

Dass das Deutschlands Kassen-Dagoberts zum Trockenschwimmen bringen wird, ist nicht zu befürchten. Diese Summe kann kein Leck in den 20-Milliarden-Pool schlagen, den GKV-Spitzenverband und Gesundheitsfonds angespart haben.

Uns Zahnärzten fehlt das Geld indes zur Betreuung unserer Patienten. Wieder einmal zwingt man uns die Funktion der Seehoferschen Zitrone auf: Pressen geht immer. Ignoriert wird, dass in den zurückliegenden Jahren wir immer wieder die uns auferlegten Budgets überschritten haben, somit ohnehin auf Honorare verzichten mussten.

Sicher wird mit dem Versorgungsstrukturgesetz an der Entkrampfung dieser Situation gearbeitet. Aber das versetzt niemanden von uns in den „Status quo ante“, der vor dem Notopfer-Diktat die Versorgung bestimmt hat. Und dass ausgerechnet wir Zahnärzte, die wir schon in den Jahren zuvor durch immer neue kreative Maßnahmen – sei es durch eine sehr effektive und kostendämpfende Prävention, sei es durch offensiv begrüßte Entlastungen über die inzwischen von allen bis auf die gesetzlichen Krankenkassen akzeptierten Festzuschusssysteme – den GKV-Haushalt über Gebühr entlastet haben, mit anderen Kostenposten über einen Kamm geschoren wurden, spricht nicht gerade für die Verlässlichkeit derartiger politischer Versprechungen.

Versorgungspolitisch, auch darauf haben wir in den zurückliegenden Jahren immer wieder mit Nachdruck hingewiesen, kommt man bei nüchterner Betrachtung zu ganz anderen Schlüssen: Wir werden in den kommenden Jahren eher in Versorgungsengpässe geraten, wenn wir den anstehenden Herausforderungen in der zahnmedizinischen Versorgung, sei es beispielsweise die deutliche Verbesserung der Lage in der aufsuchenden Zahnheilkunde für alte Menschen oder für Menschen mit Behinderungen, sei es für die Prävention und Behandlung der immer deutlicher in den Zusammenhang systemischer Erkrankungen gebrachten Volkskrankheit Parodontitis, nicht gerecht werden. Auch davon können wir und unsere Patienten in weitgehender Harmonie unser Lied singen. Deutschlands Gesetzliche Krankenkassen haben für unsere akuten Forderungen zwecks Deckung von Versorgungslücken oder Engpässen wie so oft kein offenes Ohr. Allein diese 60 Millionen Euro wären eine ausreichende Grundausstattung für den Start einer präventiv orientierten Versorgung alter Menschen und von Menschen mit Behinderungen.

Wir Zahnärzte haben unsere Notopfer für die Krankenkassen geleistet. Jetzt, wo es ihnen besser geht, sollte der Überfluss wieder dem System zugutekommen: den Patienten und ihrer zahn-/medizinischen Versorgung. Sonst wäre alles, was im Rahmen des Finanzierungsgesetzes gemacht wurde, letzten Endes absolut paradox: ein überflüssiges Opfer, erbracht ohne jegliche Not.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Jürgen Fedderwitz

Vorsitzender der KZBV

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