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Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung

70 Handlungsempfehlungen zur Reform der Primärversorgung

ao
Politik
„Reformbedarf in der Primärversorgung“ – so lautet der Titel einer neuen Publikation der Friedrich-Ebert-Stiftung. Darin analysieren Experten den Änderungsbedarf und geben 70 Handlungsempfehlungen für einen Umbau der gesundheitlichen Grundversorgung.

Ende Januar hatte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) einen Fachdialog für den Aufbau einer Primärversorgung begonnen. Für den Sommer hat sie einen entsprechenden Gesetzentwurf angekündigt. Vor diesem Hintergrund hat die Friedrich-Ebert-Stiftung ihre neue Studie veröffentlicht.

International sei belegt, dass ein starkes Primärversorgungssystem zu besseren gesundheitlichen Ergebnissen, höherer Effizienz und größerer Gerechtigkeit führe, heißt es in der Einleitung. Deutschland liege im europäischen Vergleich der Primärversorgungssysteme jedoch nur im Mittelfeld.

Dafür machen die Experten „strukturelle Barrieren“ verantwortlich – vor allem regionale Versorgungsunterschiede, eine ungenügende Steuerungsfunktion, fehlende interprofessionelle Strukturen und eine „noch zu bruchstückhafte Digitalisierung“. Gleichzeitig verschärfe sich der Fachkräftemangel, insbesondere bei Hausärztinnen und Hausärzten sowie in der Pflege.

Konkret schlägt das Expertenteam um Matthias Gruhl vor, die bisherige hausärztliche Bedarfsplanung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) an die neuen Anforderungen eines Primärversorgungssystems anzupassen. Für die regionale Ausgestaltung sei eine verlässliche Datengrundlage nötig.

Arbeitsbelastung in Hausarztpraxen reduzieren

Einige Empfehlungen zielen darauf ab, die Arbeitsbelastung in Hausarztpraxen zu reduzieren. Dazu könne etwa eine stärkere Vermittlung von Gesundheitswissen beitragen, zum Beispiel in Kitas, Schulen und Pflegeeinrichtungen. Für sinnvoll halten die Experten auch staatliche Maßnahmen, die die Attraktivität und den Konsum anerkannter schädigender Substanzen für die Gesundheit (Alkohol, Tabak und Zucker) mindern. Diese seien „endlich gesetzlich umzusetzen“, fordern sie.

Um die Arbeitsbelastung in Hausarztpraxen zu verringern, schlagen die Experten zudem vor, qualifizierte Gesundheitsinformationen zu zertifizieren sowie zusätzliche Onlineangebote zur Gesundheitsberatung zu schaffen. Die Terminservicestelle (116117) soll nach ihrer Vorstellung zu einem allgemeinen Gesundheits- und Pflegeportal erweitert werden.

Wiedereinführung der Praxisgebühr

Weiterhin empfehlen sie, innerhalb der Sprechstundenzeiten eine fachlich begleitete Ersteinschätzung flächendeckend vorzuhalten sowie die 2013 abgeschaffte Praxisgebühr wieder einzuführen.

Eine alleinige Konzentration auf die bisher dominierende hausärztliche Rolle zur Aufrechterhaltung der Primärversorgung halten die Experten für nicht realistisch. Daher empfehlen sie unter anderem, weitere Berufe einzubeziehen; zum Beispiel Pflegefachpersonen, Betriebsärzte und soziale Berufe. Zudem müsse die interprofessionelle Zusammenarbeit verbessert und neue Organisationsstrukturen auf Primärversorgungsebene geschaffen werden. Außerdem müsse die Digitalisierung weiter vorangetrieben werden.

Sinnvoll sei eine schrittweise Einführung

In ihrem Koalitionsvertrag hat sich die schwarz-rote Koalition vorgenommen, ein Primärarztsystem in dieser Legislaturperiode einzuführen. Das Expertenteam hält eine kurzfristige, flächendeckende Einführung eines Primärarztsystems angesichts regionaler Unterschiede in der Versorgung allerdings nicht für realistisch.

Stattdessen sei eine gestufte Einführung eines umfassenderen Primärversorgungssystems sinnvoll. Diese könne im ersten Schritt entweder in gut versorgten Regionen erfolgen oder in speziell ausgewählten Modellregionen vorrangig für Erkrankte mit besonderem Koordinationsbedarf, etwa chronisch Kranke und Multimorbide.

Zu den Voraussetzungen für einen Umbau der ambulanten Versorgung werden in der Publikation die Definitionen der Regionen und des Primärversorgungsbedarfs genannt. Flankierend fordern die Autoren klare gesetzliche Vorgaben für das Gesamtziel, Umsetzungsschritte und Zuständigkeiten sowie zusätzliche Maßnahmen zur Stabilisierung unterversorgter Regionen. Parallel soll der Ausbau tragfähiger Versorgungsstrukturen, etwa durch Primärversorgungszentren, vorangetrieben werden.

Reformbedarf in der Primärversorgung. Für ein zukunftsfestes Gesundheits- und Pflegewesen, Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn, April 2026

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