Antibiotika kommen in vielen Ländern nicht korrekt zum Einsatz
Zu diesen Ergebnissen kommt eine große internationale Studie, die den Einsatz von Antibiotika weltweit untersucht hat. Sie wurde gerade in „The Lancet Public Health“ veröffentlicht. Ziel der Forschungsarbeit war es, einen ersten globalen Rahmen zur Einschätzung zu schaffen, wie viele und welche Art von Antibiotika zur Behandlung von Infektionen jedes Land benötigt.
Das Forschungsteam von der City St George's, University of London orientierte sich dabei an den drei Kategorien, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 2017 eingeführt hatte: Einfache Präparate für häufige Infektionen gehören zur Kategorie „Access“, speziellere, mit höherem Resistenzrisiko behaftetet zu „Watch“ und letzte Mittel bei schweren Infektionen durch multiresistente Erreger bilden die Kategorie „Reserve“.
Bereits 2024 verständigten sich die Staats- und Regierungschefs der Vereinten Nationen darauf, dass bis 2030 mindestens 70 Prozent des Antibiotikaeinsatzes weltweit aus der Access-Gruppe stammen sollten. Bislang gab es jedoch keine Methode, um das richtige Gleichgewicht der Antibiotika für die einzelnen Land zu bestimmen.
Weltweit eine Antibiotikum-Kur pro Mensch und Jahr
Daher analysierten die Forschenden Daten aus 186 Ländern und Gebieten, die 99,8 Prozent der Weltbevölkerung repräsentieren. Sie teilten diese Länder in vier Gruppen auf der Grundlage ähnlicher Infektionslasten, Resistenzmuster, sozioökonomischer Merkmale und dem Zugang zur Gesundheitsversorgung ein. Innerhalb jeder Gruppe wurden Länder mit dem niedrigsten Antibiotikaeinsatz und den wenigsten infektionsbedingten Todesfällen als Benchmarks verwendet. Damit sollte festgestellt werden, wie ein optimaler Einsatz von Antibiotika für vergleichbare Länder aussehen sollte. Für die Gruppe der wohlhabendsten Staaten wurde die Schweiz erkannt, für die übrigen Marokko.
Die Wissenschaftler berechnete anhand der globalen Daten, dass im Jahr 2019 weltweit rund 43 Milliarden Tagesdosen Antibiotika zum Einsatz kamen und diese Gesamtmenge in etwa einer Antibiotikum-Kur pro Person pro Jahr mit mehreren Tagesdosen bedeutet. Sie fanden auch heraus, dass 77 Prozent des weltweiten Antibiotika-Einsatzes aus der Gruppe der Access-Antibiotika stammen sollten und untermauern damit das 70-Prozent-Ziel der Vereinten Nationen.
Auch in Deutschland zu viele Antibiotika der mittleren Kategorie
Im Vergleich zu den Benchmark-Staaten nutzten die meisten Länder zu viele „Watch“-Antibiotika aus der mittleren Kategorie. Von 67 untersuchten Staaten waren es 66 – darunter auch Deutschland.
Umgekehrt kamen in circa der Hälfte der untersuchten Länder nicht ausreichend „Reserve“-Antibiotika für schwere Infektionen zum Einsatz, als nach den Kriterien der Studie angemessen gewesen wären. Das bedeutet, ein lebenswichtiger Bedarf kann daher bislang nicht gedeckt werden, da der Zugang fehlt. Patienten mit lebensbedrohlichen, arzneimittelresistenten Infektionen erhalten somit möglicherweise nicht die spezifischen Behandlungen, die sie benötigen.
Fast drei Viertel (72 Prozent) der analysierten Länder verwendeten insgesamt mehr Antibiotika als benötigt, und fast jedes Land (99 Prozent) verschrieb zu viele Watch-Antibiotika, die am meisten zu Antibiotikaresistenzen beitragen. Beunruhigenderweise verwendeten 60 Prozent der Länder immer noch Antibiotika, von denen die WHO glaubt, dass sie nicht mehr verschrieben werden sollten, fassen die Forschenden zusammen.
Fazit
Die Ergebnisse deuten laut den Studienautoren darauf hin, dass viele Länder den Antibiotikaeinsatz verbessern könnten, indem sie unnötige Watch-Antibiotika-Verschreibungen reduzieren und gleichzeitig den Zugang zu essentiellen Zugangsantibiotika verbessern und die Verfügbarkeit von Reserve-Antibiotika für Patienten mit hochresistenten Infektionen sicherstellen.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Welt vor einer doppelten Herausforderung steht - während einige Antibiotika überbeansprucht werden, haben Millionen von Menschen möglicherweise immer noch keinen Zugang zu den Medikamenten, die sie zur Behandlung ihrer Infektionen benötigen“, sagt Aislinn Cook, Hauptautor und Senior Research Fellow in Infectious Diseases Epidemiology an der City St George's School of Health & Medical Sciences.
Das Team betont, dass es Maßnahmen benötige, um den Zugang zu Antibiotika für die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen zu verbessern. Dazu gehört auch, sicherzustellen, dass qualitätsgesicherte Antibiotika in der Gesundheitsversorgung verfügbar und erschwinglich sind. Aufgabe der nationalen Regierungen sei es, die richtigen Antibiotika in ausreichender Menge zu beschaffen.
Außerdem sei es notwendig, den Antibiotikaeinsatz zu überwachen, um einen zu hohen oder zu geringen Einsatz der Arznei zu identifizieren sowie nationale Ziele zu identifizieren, die auf lokalen Daten basieren,.








